„Da lernten sich Ziege und Kaninchen gut kennen“ – Warum die Verhaltensbiologin Madlen Ziege für jedermann über die Kommunikation von Tieren und Pflanzen schreibt

Dr. Madlen Ziege. | Foto: Kathleen Friedrich
Dr. Madlen Ziege. | Foto: Kathleen Friedrich

Dr. Madlen Ziege kennt sich mit Kommunikation aus: Sie weiß, wie Pilze, Pflanzen, Ein- und Mehrzeller Informationen austauschen und warum. Als Verhaltensbiologin hat sie die Beziehungen des Atlantikkärpflings erforscht und die – für uns Menschen – ungewöhnlichen Wege von Wildkaninchen untersucht und dazu wissenschaftlich publiziert. Über diese und viele weitere Kommunikationsformen und -wege im Tier- und Pflanzenreich hat sie nun ein Buch geschrieben, um zu zeigen, dass es „Kein Schweigen im Walde“ gibt. Matthias Zimmermann sprach mit ihr über tierische Verständigung, Wissenschaft für jedermann und was wir von der Natur in Sachen Kommunikation lernen können.

Guten Tag, Frau Ziege! Schön dass Sie da sind. (Kleine Anspielung auf ihr Buch. Wer sie verstehen will, sollte es lesen!) Kommunizieren Sie selbst anders, nachdem Sie sich so viel mit der Kommunikation in der Natur beschäftigt haben?

Dr. Madlen Ziege: (Denkt einen Moment nach.) Ja, auf jeden Fall! Ich war früher viel verschwenderischer in meiner Kommunikation und habe gleich drauflosgeredet ohne zu überlegen, was mein Gesprächspartner eigentlich von mir wissen will. Das führte dazu, dass ich vor allem in Prüfungen zwar viel zu sagen hatte, aber die eigentliche Frage nicht beantwortet habe. Nach dem Motto: Am Thema vorbei, 0 Punkte! Dazu muss aber auch gesagt werden, dass viele Sender ihre Fragen nicht sehr eindeutig stellen, weil sie sich selbst nicht im Klaren darüber sind, was sie eigentlich wissen wollen. (Lacht.) So habe ich von der Natur gelernt, dass Kommunikation immer etwas mit dem Haushalten von Ressourcen zu tun hat. Heute gehe ich daher auf jeden Fall überlegter mit meinen Kommunikationsenergien um. Ich halte beispielsweise oft erst einmal inne und frage mich, worum es hier überhaupt geht. Sprich, was will der Sender – also Sie – gerade von mir wissen und wie kann ich – der Empfänger – für uns beide gewinnbringend darauf antworten. Habe ich früher gleich zu allem „Ja“ gesagt, merke ich inzwischen besser, ob eine Information wirklich wichtig für mich ist und ich darauf reagieren sollte. Heute habe ich auch viel öfter den Mut zu sagen, wenn ich etwas nicht weiß, anstatt mir auf Biegen und Brechen eine Antwort abzuringen. Mein Leben ist dadurch viel entspannter geworden und ich habe mehr Zeit für andere Dinge, z.B. das Schreiben oder in der Natur sein.

Sie schreiben, „wer meint, dass Schweigen im Walde herrscht, hat nur noch nicht richtig hingehört“. Wie hört man richtig hin?

Eine gute Frage! Aus meiner Sicht klappt das am besten, wenn wir das Denken aus- und das Besinnen einschalten. Nicht über das Hören nachdenken, sondern die Aufmerksamkeit aus dem Kopf hin zu seiner Umgebung lenken und dann lauschen, welche Geräusche das Ohr erreichen. Letztlich geht es meiner Meinung auch darum, sich bewusst nur auf eine Sache zu konzentrieren und seine Umgebung genau zu beobachten bzw. zu erhören. 

Wie kam es dazu, dass Sie Verhaltensbiologin mit dem Schwerpunkt Kommunikation geworden sind?

Der Grundstein dazu wurde in der Abgeschiedenheit eines Brandenbuger Dörfchens namens Dobbrikow gelegt. Hier verbrachte ich viel Zeit in der Natur und schaute mir alles mit einer kindlichen Neugier und Engelsgeduld an. So habe ich stundenlang im Garten Schnecken oder Frösche beobachtet und mich schon damals gefragt, was Tiere und Pflanzen eigentlich so von ihrer Welt mitbekommen. Schnell war klar, dass ich Biologie studieren will. Im Studium machten mir vor allem die Verhaltensbiologie, aber auch die Zoologie und Tierphysiologie am meisten Spaß. An der Uni Potsdam lag der Schwerpunkt dann auch passenderweise im Bereich der Biokommunikation und ich war in der glücklichen Lage, von begeisterten Professoren viel zu lernen.

Was hat sie auf die Idee gebracht, dazu ein Buch zu schreiben, das sich nicht an ein Fachpublikum richtet?

Die Idee kam aus der Not heraus. Einen Monat nach meiner Verteidigung der Doktorarbeit holte mich die harte Realität ein: Wie sollte es nun weitergehen? Eine Stelle war nicht in Aussicht. Zudem war ich ziemlich frustriert über die Tatsache, dass all die vielen Jahre Forschungsarbeit nun einfach so in der Versenkung verschwinden sollten. Meine Studien zu den Frankfurter Wildkaninchen verstaubten in den Regalen der Unibiliothek bzw. waren nur Fachkollegen in einschlägigen Journalen bekannt. Zu Beginn meiner Promotion war es mir aber wichtig gewesen, an einer Sache zu forschen, die sinnvoll ist. Dazu gehörte für mich auch, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, wie interessant das Thema der Stadtökologie ist und welche erstaunlichen Unterschiede ich zwischen den Stadt- und Kaninchen gefunden hatte.
Die Idee für ein Buch kam mir schon während der Promotion – allerdings sollte es ein Kinderbuch werden. Ich zeichnete schon immer gern und wollte auch die Illustrationen dazu selbst machen. Ich hörte mich also um, wie ich so ein Unterfangen am besten bewerkstelligen konnte. Ich bekam dann den Rat, zunächst an einem Science Slam teilzunehmen. Der nächste Slam in meiner Gegend fand allerdings schon in zwei Wochen statt. Ich meldete mich dennoch an, obwohl ich selbst bis dahin noch nicht einmal bei einem Slam zugeschaut hatte. Rückblickend frage ich mich wirklich, was mich da geritten hat. Vielleicht ein Kaninchen? (Lacht.) Der Mut zum kalten Sprung ins Wasser hat sich aber gelohnt: Zwei Tage nach der Veranstaltung bekam ich eine E-Mail einer Agentur. Sie hätten mich auf dem Slam gesehen und fanden das Thema der Wildkaninchenkommunikation so interessant, dass sie daraus ein Buch machen wollen. Die Idee gefiel mir und schon nach wenigen Seiten Probeschreiben war klar: „Das ist mein Ding!“ Das Ergebnis liegt nun hier auf dem Tisch.

Haben Sie es unterwegs mal bereut?

Die Entscheidung zu dem Buch nie – die Umstände der Entstehung manchmal schon. Als ich gerade den Vertrag für das Buch unterschrieben hatte, bekam ich eine Stelle als wissenschaftliche Koordinatorin einer DFG-Gruppe an der Universität Potsdam angeboten. Für meine Karriere als Wissenschaftlerin schien es mir unmöglich, dieses Angebot abzulehnen. Rückblickend hatte ich aber bei der Unterzeichnung des Vertrages schon ein flaues Gefühl im Magen und keine Ahnung, wie ich das alles unter einen Hut bekommen sollte. Die Doppelbelastung hielt ich ein Jahr aus, aber dann musste ich mich entscheiden – Buch beenden oder Job an der Uni behalten. Im Zwiegespräch zwischen Kopf und Herz gewann das Herz und somit das Buch. Diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut! Ich bin mir sicher, dass sich daraus nun auch wieder ganz neue Möglichkeiten für meine Arbeit als Forscherin ergeben werden. In der Natur sind die Möglichkeiten schließlich auch schier endlos.

Sie schreiben über Bettwanzensex, knallende Wurzeln und Wildkaninchenklos. Haben Sie angesichts dieser überbordenden Vielfalt eine „Lieblingskommunikationsform“?

Die Wildkaninchen sind mir schon sehr ans Herz gewachsen. „Wir“ haben schließlich viel Zeit miteinannder verbracht – da lernten sich Ziege und Kaninchen gut kennen. (Lacht.) Ich finde es nach wie vor faszinierend, wie Kaninchen, aber auch Gazellen oder Dachse ihre Latrinen strategisch zur Kommunikation anlegen. Das gleicht im wahrsten Sinne des Wortes einer echten „Geschäftsführung“, bei der die Tiere mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen haushalten.

Sie kennen jetzt viele Kommunikationsformen in der Natur. Machen wir Menschen es vergleichsweise gut oder eher schlecht? Was können wir von der Natur lernen?

Das kommt darauf an, wass Sie unter „gut“ und „schlecht“ verstehen. Nehmen wir z.B. unser Interview. Unter welchen Umständen würden Sie unsere Kommunikation als „schlecht“ einstufen? Es käme Ihnen sicher komisch vor, wenn ich erst gar nicht auf Ihre Frage reagieren oder aber eine Antwort geben würde, die für Sie keinerlei Sinn macht wie beispielsweise „heute Abend gibt es bei mir Rosenkohl“. Ich hingegen könnte völlig zufrieden mit meiner Antwort sein und hätte nicht den Eindruck, dass unsere Kommunikation schlecht war. Es kommt also immer auf die Sicht der Dinge an – sowohl beim Sender als auch beim Empfänger.
Von der Natur können wir auf jeden Fall von der großen Vielfalt der Kommunikationswege lernen. Da werden Leuchtsignale gesendet, Latrinen genutzt, auf den Hinterbeinen gefiedelt. Erweitern wir unser Verständnis der Kommunikation wird schnell klar, dass auch wir Menschen nicht nur über unsere Sprache miteinander Informationen austauschen. Hier spielen sowohl optische Informationen in Form der Körpersprache als auch chemische Informationen via Duftstoffe eine große Rolle. Vielfach sind wir uns gar nicht darüber bewusst, auf welche Weise wir miteinander kommunizieren. Ich persönlich ziehe daher ein persönliches Gespräch von Angesicht zu Angesicht allen Kommunikationsformen vor. Es erscheint mir die natürlichste Art der Kommunikation zu sein, meinen Gegenüber mit all meinen Sinnen wahrzunehmen. Wenn dann sowohl Sender als auch Empfänger wahre Informationen austauschen, ist das für mich gute Kommunikation. Wie häufig wir das in unserem Alltag bewerkstelligen, lasse ich jetzt mal dahingestellt bzw. sei jedem selbst überlassen.

Wie trägt man die doch sehr vielfältigen Informationen zusammen?

Eine schöne Frage, denn die Antwort steckt schon drin. Wie alle Lebewesen senden auch wir Menschen Informationen und erzeugen somit Wissen, sobald ein anderer Mensch die Informationen aufnimmt und verarbeitet. Wir „tragen“ also sprichwörtlich „zusammen“ unheimlich viele Informationen. In meinem Fall habe ich die einschlägigen Publikationen nach spannenden Themen zur Kommunikation durchstöbert bzw. mit meiner Forschung selbst Wissen in diesem Bereich geschaffen. Der Rest ist dann „nur noch“ lesen, lesen und nochmals lesen. Zum Glück gehört dies zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich gehe nie ohne ein Buch aus dem Haus.

Ihr Buch hat eine sehr direkte, unverblümte Sprache und erinnert wenig an die typische Wissenschaftssprache. Sie schreiben: „Natur ist der Hammer“ und „Bio passt zur Kommunikation wie der Arsch auf den Eimer“ – ist das die Sprache der Natur oder Ihre?

Ich begreife mich als Teil der Natur und somit ist meine Sprache wohl auch indirekt die der Natur. (Lacht.) Nee, im Ernst jetzt. Ich hatte viel Spaß beim Schreiben des Buches. Das lag vor allem daran, dass ich so schreiben durfte, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Mehr noch – mein „Brandenburger Slang“ war wohl der Grund, warum der Verlag überhaupt das Buch machen wollte. Ich finde das witzig, weil ich in der akademischen Welt mit meiner Art öfter mal angeeckt bin und mir anhören durfte: „Madlen, so kannst Du das aber nicht sagen …“

Kurz nach dem Erscheinen Ihres Buches haben Sie auch noch ein Paper im Journal „Scientific Reports“ veröffentlicht. Erfolgreich publizieren für jedermann und die Fachwelt zugleich – wie schafft man das?

Sowohl dem Buch als auch dem Paper ging ein langer Prozess voraus, der nicht immer nur mit Erfolgen gepflastert war. Es gab auch Fehlversuche, verworfene Ideen, sogar Ausbrüche der Wut und Verzweiflung. Inzwischen weiß ich, dass solche Tiefs dazu gehören. Hier kommt auch schön das Prinzip der Kommunikation zu Tage. Wenn der Empfänger nicht so reagiert, wie ich es mir als Sender vorstelle, muss ich meine Taktik ändern. Übertragen heißt das: Wenn es im Leben nicht so läuft, wie ich es will, dann lohnt es sich, die Taktik zu ändern. So sind weder Rom noch das Kommunikationsnetzwerk eines Waldes an einem Tag erbaut worden.
Etwas, das ich auch von der Natur gelernt habe: Alles befindet sich im Gleichgewicht und hat seine Berechtigung. Wo Erfolge sind, da gibt es auch immer Mißerfolge. Der Trick ist, sich von Fehlversuchen nicht entmutigen zu lassen. Brenne ich z.B. für ein Thema oder eine Sache, dann bleibe ich dran. Selbst wenn es Jahre dauern sollte, es lohnt sich, seine Ziele zu verfolgen.

Sie waren, während Sie an Ihrem Buch geschrieben haben, als Postdoktorandin im Potsdamer Graduiertenkolleg „BioMove“ tätig. Hat das geholfen?

Ja und nein. Ich fand es toll, wieder in einem Team zu arbeiten und mich in neue Projekte reinzudenken. Auf der anderen Seite war diese Stelle sehr anspruchsvoll und mehr als nur ein 8-Stunden-Job. Oft fand ich da keine Energie mehr für mein Buch – so sehr ich es auch wollte und mir das Schreiben Spaß machte.

Sehen wir Sie wieder?

Ich habe nach wie vor Verbindungen zur Uni Potsdam. Beispielsweise werte ich gerade Daten zum Gesundheitsszustand der Stadt- und Landkaninchen aus und nutze das statistische Know-how meiner ehemaligen Kollegen im Graduiertenkolleg „BioMove“.

Was lesen wir von Ihnen als nächstes?

Mein Buch „Kein Schweigen im Walde“ wird es voraussichtlich auch als Kinderbuch geben. Dazu bin ich gerade in Verhandlung mit dem Schwesternverlag von Piper, der ARS Edition. Auf dieses Projekt freue ich mich sehr, weil die Idee zu einem Kinderbuch der Grund war, warum ich überhaupt mit dem Schreiben begonnen habe. Es gibt aber auch schon zwei weitere Ideen für „Erwachsene-Bücher“, aber dazu kann ich noch nichts Konkretes sagen – das Schweigen der Ziege sozusagen. (Lacht.)

Die Wissenschaftlerin

Dr. Madlen Ziege hat in Potsdam, Berlin und in Australien Biologie studiert. In ihrer Promotion an der Goethe-Universität in Frankfurt untersuchte sie u.a. das Kommunikationsverhalten von Wildkaninchen in der Stadt und auf dem Land ehe sie als Postdoc zurück an die Universität Potsdam kam. Inzwischen arbeitet sie selbstständig als Verhaltensbiologin und Autorin.

Weitere Informationen: https://madlenziege.com

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde