„Komplett normal“ – Zwei ältere Semester berichten, wie es sich mit über 60 Jahren studiert

Die 66-jährige Daniela Hartmann in der Bereichsbibliothek Griebnitzsee. | Foto: Thomas Roese
Die 66-jährige Daniela Hartmann in der Bereichsbibliothek Griebnitzsee. | Foto: Thomas Roese

Etliche Studierende strömen aus den Hörsälen am Campus Griebnitzsee. Im Café Bohne, mitten unter ihnen, sitzt Daniela Hartmann. Anders als die meisten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen ist sie nicht um die 20, sondern 66. Hartmann studiert im siebten Semester Jura an der Uni Potsdam und ist damit eine von eher wenigen, die im höheren Alter ein ordentliches Studium aufnehmen – weil sie mehr als Gasthörer sein wollen.

Eigentlich hatte sich die Berlinerin in der Hauptstadt beworben. Doch dort wurde sie abgelehnt, weil sie älter als 55 war und besondere Gründe für die Studienaufnahme nicht vorlagen. „Das ist Altersdiskriminierung“, findet die ehemalige Journalistin. „Zumal die Menschen immer älter werden. Wenn man keine Einschränkungen hat, bleiben nach dem Ende des Arbeitslebens noch 20 Jahre für eine zweite Karriere.“ In Brandenburg gibt es auch für zulassungsbeschränkte Fächer keine Höchstaltersgrenze. Drei Prozent aller Studienplätze werden zudem für ein Zweitstudium vergeben: Auf diesem Weg bekam Hartmann ihre Zusage. 1979 hatte sie ihr erstes Studium der Sozialwissenschaften und der Publizistik beendet, mit einer medienpolitisch orientierten Diplomarbeit über das Kabelfernsehen. Wie studiert es sich 40 Jahre später? „Früher war mehr Lametta“, sagt Hartmann und lacht. „Irgendetwas wurde immer bestreikt.“ Heute stoße ein Vorschlag für eine Unterschriftensammlung bei den Kommilitonen kaum noch auf Begeisterung: Das Studium sei nicht mehr so offensichtlich politisch.

Auch Geschichtsstudent Dieter Rauer nutzt die Möglichkeit, sich nach dem Berufsleben weiterzubilden und in Potsdam ein ordentliches Studium zu absolvieren. In der DDR hatte er sich 1980 schon einmal für das Fach Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin beworben, wurde aber abgelehnt, obwohl er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Warum, erfuhr er nie. So entschied er sich für ein Ökonomiestudium in Leipzig, blieb dort auch für seine Arbeit in der Industrie und ging nach der Wende nach München, wo er zuletzt im kaufmännischen Bereich bei dem Medienkonzern Sky tätig war.

Als jedoch mit 60 die Rente näher rückte, lebte auch der Traum vom Geschichtsstudium wieder auf und Rauer begann zu recherchieren. „Genauso wie ein junger Mensch, der gerade erst das Abitur gemacht hat.“ An der Ludwig-Maximilians-Universität München bewarb er sich um einen Bachelor-Studienplatz in Geschichte und bekam die Zusage. Vor einem Jahr kehrte er nach Potsdam zurück, in seine alte Heimat, und wechselte an die hiesige Uni. Das Hauptfach blieb, sein Zweitfach sind nun die Jüdischen Studien. „Das Fach ist in Deutschland einzigartig – und ein Grund, warum ich hier studieren wollte.“ Heute ist er im vierten Fachsemester. Eilig hat er es nicht, bloß mehr als zwölf Semester dürfen es nicht werden. Ein Highlight seines Zweitstudiums steht kurz bevor: Im Februar 2020 geht es mit seinem Seminar auf Israel-Exkursion nach Tel Aviv, Haifa, der Hebräischen Universität Jerusalem und zu einem Kibbuz.

Nur einen Haken hat sein Studium: den Hebräisch-Kurs. Was Sprachen betreffe, sei er zwar noch nie eine große Leuchte gewesen. „Doch jetzt bin ich 65“, sagt er, „und das merke ich auch ein bisschen. Die jungen Leute sind doch etwas fixer. Aber Hebräisch ist eben eine Kröte, die ich schlucken muss.“ Für sein Hauptfach Geschichte, insbesondere die jüdische, interessiert er sich dagegen schon sein Leben lang. Das nütze ihm nun. „Dort heißt es: lesen, lesen, lesen. Und für die Texte habe ich den nötigen Background.“

Das Lernen im Alter sei schon etwas anderes, findet auch Daniela Hartmann. Früher habe sie lieber abends an Hausarbeiten geschrieben oder für Prüfungen gelernt, heute lieber morgens. In ihrem Beruf als Fernsehjournalistin trainierte sie vor allem ihr Kurzzeitgedächtnis; las fünf bis sechs Zeitungen am Tag und hatte bei Sitzungen die wichtigsten Inhalte parat. „Im Jura-Studium geht es aber darum, Wissen langfristig zu behalten.“ Auch eine neue Sprache, nämlich die juristische, habe sie lernen müssen. Da habe ihr der feuilletonistische Stil wenig geholfen.

Und dennoch: Schon im ersten Semester sagte ihr der inzwischen emeritierte Professor für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht Detlev Belling: „Frau Hartmann, von Anfang an hätten Sie Jura studieren sollen!“ Und das hatte sie sich eigentlich auch vorgestellt. Doch da sie Journalistin werden wollte, schienen andere Fächer geeigneter. Und schon in den 1970er Jahren galt Jura als ein sehr anspruchsvolles Studium – wie sie nun am eigenen Leib erfährt: „Ich wusste, dass es nicht leicht wird. Aber dass es so hart wird, hatte ich mir nicht vorgestellt.“ Bis zur Zwischenprüfung arbeitete sie oft mehr als 40 Stunden pro Woche. „Vor Klausuren dachte ich mir: Warum machst du das eigentlich? Muss das wirklich sein?“ Doch ihr liegt das Fach; durch eine Prüfung ist sie nie gefallen. So blieb sie in Potsdam, auch wenn sie nach dem ersten Semester wahrscheinlich an eine Berliner Uni hätte wechseln können. „Ich fühle mich hier wohl.“

Vor dem Jura-Studium war Hartmann stellvertretende Leiterin der Abendschau im RBB. Um das Studium aufzunehmen, ging sie dort mit 63 in Rente. Als Anwältin könnte sie mit dem Bachelor-Abschluss zwar nicht arbeiten. Doch Hartmann interessiert sich ohnehin mehr für beratende Tätigkeiten, zum Beispiel in Mietervereinen oder Stadtteilvereinen.

Die 66-Jährige schreibt zurzeit an ihrer Bachelorarbeit über die Bewältigung des Unrechtsstaates der DDR. Sie hat sich schon morgens einen Tisch in der Bereichsbibliothek in Griebnitzsee reserviert, bevor es zur Lehrveranstaltung ging. Denn die Bibliothek ist fast das ganze Jahr gut besucht. Ein junger, blonder Mann nickt ihr zu, Hartmann lächelt zurück. „Ich habe heute bestimmt schon mit drei Leuten Kaffee getrunken“, sagt sie. Am Anfang fiel sie als deutlich ältere Studentin schon auf. Inzwischen sei es „komplett normal.“ Schließlich teilen sie viele Sorgen. Bestehe ich die Klausur? Steht das Thema für die Abschlussarbeit schon? Werde ich in der Regelstudienzeit fertig? Obwohl sie sich, anders als viele Kommilitonen, über die Finanzierung keine Gedanken machen muss. „Ich habe Hochachtung vor denen, die neben dem Jura-Studium noch jobben.“

Auch Geschichtsstudent Dieter Rauer betrachtet es als Luxus, dass er nicht mehr nebenbei arbeiten muss. Wie belastend das sein kann, weiß er noch aus seinem ersten Studium. Und das Alter bietet noch weitere Vorteile. Der Druck sei nicht mehr so groß wie bei seinen jüngeren Kommilitonen, denen die Karriere noch bevor steht. Auch die größere Lebenserfahrung ist von Nutzen: „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Das habe ich gelernt.“ Auch wenn er nicht mehr arbeitet, ehrenamtlich engagiert er sich trotzdem noch, und zwar beim Bauverein Winzerberg, der sich für den Erhalt der alten Terrassenanlagen einsetzt. Das Projekt liegt ihm am Herzen – schließlich ist er um die Ecke, in der Potsdamer Weinbergstraße aufgewachsen. Außerdem ist er Mitglied im Förderverein des Potsdam-Museums.

Gasthörer wollte Rauer nicht werden, das stand für ihn von Anfang an fest. Schließlich handelt es sich um nichts Geringeres als seinen Lebenstraum. In Potsdam benötigt man zwar als Gasthörer keine Hochschulzugangsberechtigung, kann aber auch keine Prüfungen ablegen und Leistungspunkte erwerben. „Als ‚Vollstudent‘ erhalte ich eine fundierte und umfangreiche Grundbildung, die mir immer fehlte. Nur für einen Studiengang mit Numerus Clausus wollte ich mich nicht bewerben. Für manch jungen Studenten bedeutet das zu viel.“ Nun sei er manchmal in Seminaren, wo noch reichlich Platz wäre – und fühlt sich wohl. Zwar betrachtet der 65-Jährige sein Berufsleben als abgeschlossen. Aber wer weiß, sagt er, vielleicht ergibt es sich ja doch, dass er nach seinem Bachelorabschluss in einem Archiv ein paar Wochenstunden als Historiker arbeitet.

„Meine Kolleginnen und Kollegen beim RBB schlossen damals bestimmt Wetten ab, dass ich nur ein Semester durchhalten würde“, sagt die Jura-Studentin Daniela Hartmann. Die Wetten hätten sie nun verloren, erklärt sie und lächelt. Heute fragen sie manchmal: Vermisst du uns nicht, guckst du noch die Sendung? Dann verneint Daniela Hartmann. Sie ist froh, dass diese Etappe vorbei ist – und eine neue begonnen hat.

Foto zum Download: Dieter Rauer in der Bereichsbibliothek am Neuen Palais. | Foto: Thomas Roese.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2020 „Bioökonomie“ (PDF).