Wenn Informatiker Pilze züchten – Bioökonomie als nachhaltiges Wirtschaftsprinzip

Bioökonomie fängt beim Kaffeebecher an. Abgebildet sind viele weiße Kaffeebecher und ein grüner Kaffeebecher mittig. Foto: Adobe Stock/ Robert Kneschke
Bioökonomie fängt beim Kaffeebecher an. Foto: Adobe Stock/ Robert Kneschke

Die Debatte rund um Nachhaltigkeit ist hochaktuell. Was kann aktiv unternommen werden, um nachhaltiger zu wirtschaften? Wie wird auf diesem Gebiet an der Universität Potsdam geforscht und in welchem Maße betrifft das jede und jeden Einzelnen von uns? Sind Supermarktäpfel mit Druckstellen weniger wert, weil sie nicht perfekt aussehen? Nein, sagt der Wirtschaftsinformatiker Dr. Edzard Weber von der Universität Potsdam und fordert zum Umdenken auf. Anders als im Laden, würden angeschlagene Äpfel aus dem eigenen Garten auch nicht verschmäht.

Weber beschäftigt sich in mehreren Projekten und Seminaren mit Bioökonomie. Darunter ist ein Wirtschaftsprinzip zu verstehen, das die Erzeugung und Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen statt fossiler Rohstoffe in den Vordergrund stellt. Auf diese Weise soll den Gefahren des Klimawandels und dem Kampf um Ressourcen entgegengewirkt werden. Er betont, dass die Aufrechterhaltung unseres Lebensstandards ein anderes Bewusstsein notwendig mache. Müll ist für ihn nicht einfach nur Müll, sondern kann als Rohstoff neu verwertet werden. Derartige Perspektivwechsel könnten für weitreichende Veränderungen sorgen.
Den Forscher motiviert vor allem die Dringlichkeit des Themas – die absehbaren Konsequenzen der Erderwärmung und die drohende Rohstoffknappheit. Doch wie passt Weber als Wirtschaftsinformatiker in die Zukunftsvisionen der Bioökonomen? Er erklärt, dass die Digitalisierung bereits 90 Prozent der Bioökonomie ausmache. Dabei gehe es vor allem um die Integration nachhaltiger Verfahren in das gesamtwirtschaftliche Marktgefüge. Die Herausforderung bestehe darin, für bioökonomische Ansätze technische Konzepte und Prozesse zu entwickeln, die dann für Firmen und Verbraucher praktisch anwendbar sind. Nur so könnten die aus Biomasse hergestellten Produkte preislich mit konventionellen Produkten konkurrieren.

Zurück in die Zukunft

Weber ist es auch ein persönliches Anliegen, den bioökonomischen Wandel aktiv mitzugestalten. Seine Tätigkeit als Wirtschaftsinformatiker beschreibt er als Schnittstelle zwischen Mensch, Technik und Organisation. Bioökonomie ist kein neuer Trend: Lange, bis vor 200 Jahren die industrielle Revolution begann, haben Menschen vor allem durch die Nutzung von Holz bereits in einer bioökonomischen Kreislaufwirtschaft gelebt. Neben dem Einsatz von Solar-, Wind- und Wasserenergie führt uns nach Webers Ansicht die Endlichkeit fossiler Brennstoffe zurück zur Bioökonomie.
Der Wissenschaftler leitet eines der zukunftsträchtigen Projekte der Universität Potsdam in diesem Bereich – den RegioDiskurs Bioökonomie (DiReBio). Das Vorhaben wird finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und hat weitgehend klimaneutrales Wirtschaften und die Versorgung von Kommunen durch Bioökonomie zum Ziel. Dabei sollen regionale Interessensgruppen in die Entwicklung lokaler und nachhaltiger Kreislaufkonzepte und Wertschöpfungsketten eingebunden werden. Das Ergebnis kann sein, dass einzelne Kommunen eine eigene, unabhängige Energieversorgung aufbauen. Eine weitere Option wäre es, aus regional angebautem Mais vor Ort Produkte herzustellen, die für den Endverbraucher bestimmt sind, anstatt an Großproduzenten verkauft zu werden.
Anstelle abstrakter Vorträge oder Diskussionsrunden will DiReBio unterschiedlichste Akteure einer Gemeinde oder Kommune eigenständig Modelle erstellen lassen. Mit „Hands-on“-Methoden und haptischen Modellierungstechniken sollen alle Beteiligten die Thematik im wahrsten Sinne „be-greifen“ können. Ein Modell eines betreffenden Ortes, Landstriches oder eines einzelnen Hauses wird mit allen wichtigen Merkmalen nachgebaut, um dann die geplanten bioökonomischen Neuerungen, wie Biogasanlagen, Felder, Leitungen oder Dämmungen darin zu platzieren. So können gezielt Fragen gestellt und alternative Szenarien entworfen werden, die man sich plastisch vorstellen kann. Dabei wird kreatives Potenzial bei Erwachsenen freigesetzt, wie es Kinder beim Spielen und Phantasieren nutzen.
Bei all dem Zukunftsdenken vergessen Weber und sein Team kommende Generationen nicht, die mit den zukünftigen Veränderungen leben müssen: Jugendliche dürfen selbst Experimente im BioLab durchführen und ihre Meinung zu bereits entwickelten Modellen und Konzepten äußern. Erst dann wird eine gemeinsame Vision geschaffen, die Grundlage für konkrete Maßnahmen ist. Weber erhofft sich durch Transparenz und die Teilhabe aller Betroffenen den absehbaren Konflikten solcher Großprojekte vorzubeugen. Denn er weiß, dass Nachhaltigkeit zwar im Allgemeinen begrüßt wird, aber niemand von entsprechenden Maßnahmen unmittelbar betroffen sein will.
Aktuell befindet sich die Workshop-Entwicklung noch in der Testphase, doch wenn es nach Weber geht, soll ein erstes konkretes Projekt noch in diesem Jahr starten. Die größte Hürde sieht er darin, Kommunen dafür zu begeistern, wenn Landtagswahlen, Kohleausstieg und Landflucht mitunter dringlicher zu sein scheinen. Doch Weber glaubt, dass vielen dieser Probleme durch eine Umstrukturierung der Regionen begegnet werden kann und diese so langfristig attraktiver werden.

Ausprobieren und Spaß im „FabLab“

Eine weitere Initiative der Universität Potsdam war das Seminar „Bioökonomischer Wandel“, das Weber gemeinsam mit sechs Dozentinnen und Dozenten verschiedener Disziplinen, von Informatik über Betriebswirtschaftslehre bis zur Literaturwissenschaft, leitete. Studierende unterschiedlichster Fachrichtungen waren dazu eingeladen, im Sommersemester 2019 gemeinsam an diversen Orten in Potsdam nachhaltige Zukunftstechnologien zu erproben. Im Vordergrund stand dabei, Produkte aus bioökonomischen Materialien zu entwickeln und sich mit unterschiedlichsten Problemstellungen zu beschäftigen. Die Studierenden analysierten Satellitenbilder im Geolabor oder züchteten Pilze im BioLab, aus denen anschließend Isolierboxen hergestellt wurden. Im FabLab (Fabricatory Lab) erprobten sie digitale Produktionstechnologien wie den 3D-Druck.
In Zukunft sollen weitere Lehrveranstaltungen dieser Art am Institut für Wirtschaftswissenschaften stattfinden. So können sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler praktisch und vor Ort mit bioökonomischen Verfahren und Produktionsweisen auseinandersetzen und interdisziplinäre Visionen für einen gesellschaftlichen Wandel entwickeln.
Das BioLab und das FabLab „machBar“ sind Teil des Wissenschaftsladens Potsdam e.V. auf dem freiLand-Gelände und stehen allen Interessierten zur Verfügung. Bei FabLabs, die mittlerweile weltweit vertreten sind, handelt es sich um offene Werkstätten. Sie bieten bürgerwissenschaftlichen Projekten ebenso wie Forschungskooperationen den Raum und die technische Ausstattung, wie zum Beispiel Lasercutter, um selbst kreativ zu werden und eigene Produktideen umzusetzen. Diesem Konzept entspricht, dass gesellschaftliche Veränderungen und nachhaltige Verfahrensweisen nicht einfach von oben verordnet werden, sondern alle Gesellschaftsgruppen die Möglichkeit zum Mitmachen und Mitgestalten erhalten. Schon Kinder im Grundschulalter können spielerisch für die Themen nachhaltige Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie begeistert werden, indem man ihnen Möglichkeiten gibt, sich auszuprobieren und selbst etwas herzustellen.

Hoffnung auf die Zukunft

So hat sich im Rahmen einer Projektwoche eine Potsdamer Grundschulklasse mit den Themen Müllvermeidung und alternative Nahrung beschäftigt: Zuerst konnten sich die Kinder im Babelsberger Unverpackt-Laden „FairVerpackt“ davon überzeugen, dass man fernab großer Supermärkte und Discounter Lebensmittel kaufen kann, die nicht in mehreren Schichten Plastik verpackt sind. Im BioLab stellten sie anschließend Insekten-Lollies her und entwickelten dafür im FabLab eine eigene nachhaltige Verpackung. Besonders begeistert berichtet Weber, dass sie mit „Lego Serious Play“, einer Art Lego-Baukastensatz für Erwachsene, eigenständig eine Maschine zur Müllvermeidung entwickelten – ein Klacks für die Kinder! Diese heranwachsende Generation, die spielerisch Modelle zur bioökonomischen Kreislaufwirtschaft entwirft und dabei schon früh ein Bewusstsein für nachwachsende Rohstoffe und Umweltschutz entwickelt, mache Hoffnung für die Zukunft, so Weber.
Der Wissenstransfer zwischen universitären Einrichtungen, Zivilgesellschaft, Unternehmen und Landwirtschaft ist somit in vollem Gange und findet in unterschiedlichen Formen wie Workshops, Werkstätten und Laboren statt. Potenzielle Schwierigkeiten sieht Weber darin, Bioökonomie als neues Allheilmittel zu missverstehen. Auch hier bedürfe es eines verantwortungsbewussten Umgangs mit unserem Lebensraum. Dabei gehe es vor allem um Ausgewogenheit. Mit nachhaltigen und individuellen Flächennutzungskonzepten soll den Gefahren von Agrarwüsten, Monokulturen oder dem Einsatz von Gentechnologie entgegengewirkt werden. Zudem bestehe das Risiko von fehlendem Verantwortungsbewusstsein. Weber führt anschaulich an, dass viele Menschen gerne eine Autobahn nutzen, nicht aber neben einer solchen wohnen möchten. Genauso verhält es sich mit der Bereitschaft, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen und ein Umdenken zuzulassen, das die Voraussetzung für einen erfolgreichen ökonomischen Wandel darstellt.
Diesen Wandel wünscht sich Weber in naher Zukunft. Er findet, wir sollten die Aufbruchsstimmung der aktuellen Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte nutzen und uns persönlich damit befassen. Es sei wichtig, jetzt bioökonomische Alternativen bereitzustellen, damit sie schnell und effizient umgesetzt werden können.

Dieser Artikel beruht auf einem Interview, das die Autorinnen Johanna Ballon und Marie-Kathrin Elbel Anfang September 2019 mit Dr. Edzard Weber vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse und Systeme an der Universität Potsdam geführt haben. Der Text entstand im Rahmen des Seminars „Journalistisches Schreiben“ des Career Service der Universität, dass die Journalistin und Buchautorin Liane von Droste leitete.

Text: Johanna Ballon und Marie-Kathrin Elbel
Online gestellt: Magda Pchalek
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde