Krisen-Einmaleins

Betriebswirtschaftler bei der Ursachenforschung

Im Herbst 2008 geriet die Welt ins Wanken, so heftig wie seit fast 80 Jahren nicht mehr. Das Epizentrum lag in Nordamerika, auf der kleinen Insel Manhattan. Die Folgen des Bebens sind bis heute zu spüren, nahezu überall auf der Welt. Möglich sogar, dass das Schlimmste noch vor uns liegt. Mit der Pleite der „Lehman Brothers Inc.“, einer der größten Investmentbanken der USA, begann eine Krise, die binnen kurzer Zeit von den internationalen Finanzmärkten auf die global vernetzten Wirtschaftskreisläufe übergriff. Mittlerweile sind reihenweise Volkswirtschaften von schweren Rezessionen betroffen, Arbeitslosenquoten erreichen schwindelerregende Höhen und ganze Länder drohen Pleite zu gehen. Auswege aus der allgegenwärtigen Krise werden händeringend gesucht, ihre Ursachen auch. Prof. Dr. Detlev Hummel ist Inhaber der Professur für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Finanzierung und Banken an der Universität Potsdam. Er forscht bereits seit Langem zur Entwicklung der Finanzmärkte. Hummel ist sich sicher: So global wie die Krise müssen auch die Analyse ihrer Ursachen und die Strategie zu ihrer Überwindung sein.

Das Bankensystem ist einer der Forschungsschwerpunkte von Detlev Hummel, länger schon als es in der Krise steckt. Doch die alles erfassenden Erschütterungen an den Finanzhandelsplätzen drängen sich seit 2008 gewissermaßen in den Vordergrund seiner Arbeit. Workshops, Doktorarbeiten, Tagungen und Erhebungen – viele der Forschungsaktivitäten, die von Hummels Lehrstuhl ausgehen, versuchen Fragen zu beantworten, die sich aus der Krise ergeben. Allem voran: Was war eigentlich die Ursache der Misere? Um dem auf den Grund zu gehen, hat beispielsweise ein Doktorand Hummels, Rolf-Peter Mikolayczyk, die „Veränderungen des US-Bankensystems als Wurzel der Bankenkrise von 2008“ untersucht. Sein überraschender Befund: Die amerikanische Politik hat es verschlafen, aus der größten Finanzkrise des 20. Jahrhunderts, die im Oktober 1929 einsetzte, Konsequenzen zu ziehen – und dauerhafte politische Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Jahrzehntelang war die amerikanische Finanzwelt durch ein politisches Dekret, den 1933 erlassenen Glass-Steagall-Act, als sogenanntes Trennbankensystem organisiert. Da man das bisher bestehende Universalbanksystem als Ursache der „Großen Depression“ der 1930er Jahre ausgemacht hatte, wurden die Finanzgeschäfte gesetzlich getrennt. Neben den Geschäfts- existierten fortan die Investmentbanken, ihre Arbeitsfelder waren strikt aufgeteilt. 1999 wurde der Glass-Steagall-Act aufgehoben; die nachfolgende Regelung sollte den globalen Finanzflüssen gerecht werden und die US-amerikanischen Großbanken wettbewerbsfähig machen. Für Mikolayczyk war sie schlicht „eine unausgegorene Maßnahme der amerikanischen Legislative; denn nicht einmal zehn Jahre nach Wiedereinführung des Universalbankensystems in den USA war die Welt wiederum mit einer tiefgreifenden Bankenkrise konfrontiert“. Das Geschäftsgebaren der nach 1999 neu entstehenden amerikanischen Universalbanken machte rasch weltweit Schule. Die aus ihrem Scheitern 2008 erwachsende Krise ebenso. Mikolayczyk veröffentlichte seine Untersuchung 2011. Zum Abschluss nennt er zwei Instrumente, mit denen es gelingen könnte, derartige Fehlentwicklungen vorausschauend zu verhindern: eine starke zentrale Bankenaufsicht und strikte, transparente Regeln zur zulässigen Verschuldung von Banken bei Risikogeschäften. Beides wird seit einiger Zeit weltweit diskutiert und verschiedentlich bereits umgesetzt.

Auch wenn es weit mehr kritische Stimmen gebraucht haben dürfte, um die Debatte über eine stärkere Bankenregulierung auf internationales politisches Parkett zu heben, zeigt die Analyse Mikolayczyks den praxisnahen Ansatz, den Detlev Hummel mit den Forschungen an seinem Lehrstuhl verfolgt. „Viele meiner Doktoranden kommen aus der Praxis, sie bringen oft jahrelange Erfahrung mit Finanzgeschäften und nicht selten auch die Daten für ihre Untersuchungen mit“, so Hummel. So war Rolf-Peter Mikolayczyk lange Investment-Banker an der Wallstreet, ehe er bei dem Potsdamer Betriebswirtschaftler Doktorand wurde.

Anders wäre Forschung für Hummel auf seinem Fachgebiet auch kaum denkbar: „Was bei uns nicht geht, ist ein Experiment im Labor. Wir kommen an der Analyse von vergangenen Entwicklungen und ihren Ursachen oder an Erhebungen gegenwärtiger Prozesse nicht vorbei.“ So nahm ein unlängst abgeschlossenes Projekt die Anlagestrategien der Pensionsfonds der 16 deutschen Bundesländer genauer unter die Lupe. Und eine 2012 abgeschlossene Untersuchung widmete sich im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) den Risiken der Mittelstandsfinanzierung in Deutschland. Der Fokus auf aktuelle, der Praxis entnommene Forschungsfragen erhöht zudem die Chancen für die Wissenschaftler, mit ihren Ergebnissen wiederum Gehör zu finden. Umso wichtiger ist Hummel der Transfer der Forschungsresultate auf möglichst vielen Wegen. Die Arbeiten seiner Doktoranden gibt er seit 2002 in einer Buchreihe heraus, die mittlerweile auf 20 Bände angewachsen ist. Zahlreiche kleinere Publikationen, vor allem in Fachorganen der Finanzbranche, begleiten diese Veröffentlichungen. Hummel selbst bringt an verschiedenen Stellen seine Expertise direkt ein. So berät er das brandenburgische Finanzministerium bei seinen Anlagestrategien. Und seit April 2013 gehört er einem Beratungsgremium an, das im Auftrag des Europäischen Rechnungshofes über die Ausgestaltung des Europäischen Rettungsschirms diskutiert.

Als einen ganz konkreten Ausgangspunkt für einen „Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis“ vor Ort hat Hummel das Institut für Innovationsfinanzierung und -management e.V. (IIF) gegründet – eine vermittelnde Instanz an der Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Finanzunternehmen. Den einen soll es Zugang zu dringend benötigter Finanzierung verschaffen, den anderen Investitionsmodelle bei kalkulierbaren Risiken eröffnen. Anfang 2013 konnte das IIF erstmals seine Forschungen zur Innovationsfinanzierung Vertretern aus Wirtschaft und Politik vorstellen. Und stieß auf positive Resonanz, wie Hummel nicht ohne Stolz betont.

Allerdings sei die Brücke zwischen Forschung und Praxis, gerade in Krisenzeiten, nicht immer stabil, beklagt Hummel. „Wenn die Bilanzen stimmen, kommen Vertreter der Finanzinstitute gern einmal in eine Vorlesung und präsentieren die Zahlen. Aber wenn es nicht läuft, lässt sich keiner gern in die Karten schauen.“ Dennoch lädt er immer wieder Praxisvertreter in seine Lehrveranstaltungen ein. „Nur so können wir bestimmte Theorien oder Instrumente konkret und mitunter kritisch diskutieren“, sagt Hummel.

Für die Forschung zum Finanz- und Bankensektor gilt es freilich ebenso internationale Verbindungen zu knüpfen. Die globalen Ausmaße von Geld- und Wirtschaftsströmen sind nicht erst seit der Krise von 2008 offensichtlich. Hummel pflegt schon seit Jahren wissenschaftliche Kooperationen zu Kollegen u.a. aus Russland, China und den USA, viele von ihnen sind wie er in ihrer Heimat beratend tätig. „Erst im Austausch über die unterschiedlichen Finanzmärkte und dazugehörigen Politiken lassen sich eigene Einschätzungen in ein Gesamtbild einordnen“, sagt Hummel. Immer wieder kommen die Forscher zu Tagungen und Workshops zusammen, zuletzt im Juli 2012 in Potsdam, um über die Folgen der Finanzkrise zu diskutieren.

Das besondere Interesse galt dabei, wie Hummel erklärt, dem deutschen Finanzsystem. Obwohl dieses seit jeher von Universalbanken geprägt sei, habe es sich in der Krise bisher als vergleichsweise robust erwiesen. Dank des Dreisäulenmodells aus Privatbanken, Kreditgenossenschaften und Sparkassen sei der Schaden in Deutschland in Grenzen geblieben. Doch auch in Deutschland sei Reformbedarf erkennbar geworden, so sein Urteil: „Systemrelevante Banken müssen stabiler gemacht werden. Und es muss verhindert werden, dass die Einlagen von Sparern im Investmentbanking landen. Wohl wissend, dass die aktuelle Krise immer die schlimmste ist“, so Hummel, „bietet auch die gegenwärtige Entwicklung Chancen. Auf jeden Fall ist Dogmatismus fehl am Platz und es ist wahrscheinlich, dass etliche – durchaus schmerzhafte – Kompromisse nötig sind.“

Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Detlev Hummel studierte Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1996 ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Finanzierung und Banken an der Universität Potsdam.

Kontakt 

Universität Potsdam
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
August-Bebel-Straße 89
14482 Potsdam
E-Mail: <link an prof. detlef>detlev.hummel@uni-potsdam.de

Text: Matthias Zimmermann, Bearbeitung: <link an die>Julia Schwaibold