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Kleine Fächer – große Relevanz? Die Slavistin Susanne Strätling über die Kleine Fächer-Wochen an der Universität Potsdam

Susanne Strätling im Interview. Foto: Tobias Hopfgarten

Susanne Strätling im Interview. Foto: Tobias Hopfgarten

An der Universität Potsdam und an der Europa-Universität Viadrina finden in diesem Wintersemester die Kleinen Fächer-Wochen statt. Was ein kleines Fach ist und warum diese Fächer so wichtig für die Wissenschaftslandschaft sind, darüber sprach Magda Pchalek mit Susanne Strätling, Professorin für Ostslavische Literaturen und Kulturen. Das von Strätling geleitete Projekt „Osteuropastudien in Brandenburg“, das sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Potsdam und Frankfurt/Oder entwickelt hat, wird in diesem Semester im Rahmen der Initiative „Kleine Fächer – Große Potenziale. Kleine Fächer-Wochen an deutschen Hochschulen“ durch die Hochschulrektorenkonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Prof. Strätling, was genau sind eigentlich die sogenannten kleinen Fächer? Was zeichnet diese aus?

Der Begriff „kleines Fach“ bezieht sich zunächst einmal auf ein quantitatives Kriterium: Kleine Fächer sind durchschnittlich mit nicht mehr als drei unbefristeten Professuren an einer deutschen Universität ausgestattet. Zugleich ist der Begriff etwas missverständlich, weil „klein“ sehr oft auch in der Bedeutung von „unbedeutend“ verwendet wird. Genau gegen diese Assoziation wendet sich die HRK mit ihrer Initiative „Kleine Fächer-Wochen“. Eben deshalb steht sie unter dem Motto „Kleine Fächer – große Potenziale“, weil die sogenannten kleinen Fächer sehr oft Schnittstellenfächer sind, die extrem vernetzt arbeiten und Disziplinen verbinden. Es ist eine eigentümliche Situation, dass diese interdisziplinäre Stärke der „kleinen Fächer“ sehr häufig aus einer Position der institutionellen Schwäche heraus geleistet wird. Denn kleine Fächer sind durch ihre unterdurchschnittliche Ausstattung sehr angreifbar und können durch verzögerte oder ausgesetzte Wiederbesetzungen schnell in eine prekäre Lage geraten. Die Mainzer Arbeitsstelle „Kleine Fächer“ – die übrigens vom Potsdamer Slavisten Norbert Franz initiiert wurde – leistet seit Jahren großartige Arbeit, um Bewusstsein sowohl für die Bedeutung wie auch für die komplexe Lage der kleinen Fächer zu schaffen.

Wie schätzen Sie den Beitrag der Kleinen Fächer für die Wissenschaftslandschaft ein? Und welchen Mehrwert haben die „Osteuropastudien in Brandenburg“ – auch gesamtgesellschaftlich betrachtet?

Kleine Fächer denken und arbeiten groß. An den Osteuropastudien ist das besonders gut zu sehen. Sie decken einen Wissensraum ab, der disziplinär Kulturwissenschaften, Geschichte, fremdsprachige Philologien (insbes. Slavistik, aber auch Hungarologie, Baltistik, Turkologie), Jiddistik, Ethnologie, Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte, Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften zusammenführt. In geografischer Hinsicht umfasst er das Territorium des östlichen Europa bis nach Asien, südlich begrenzt durch die Kaukasusregion. Für die Osteuropastudien ist dabei wichtig, dass sie es mit einem Gegenstand zu tun haben, der in den vergangenen Jahrzehnten bis in die unmittelbare Gegenwart hinein von tiefgreifenden Transformationen geprägt ist. Diese Transformationen bergen Herausforderungen, sie lassen aber auch das Potenzial des Faches zu Geltung kommen. Osteuropastudien sind immer auch Studien der Transition und des multilateralen Transfers. Genau hier liegt die Stärke und Innovationskraft der Osteuropastudien: Als eines der ersten Fächer in der deutschen Hochschullandschaft arbeitet es konsequent interdisziplinär sowie international und zeigt, wie nur im transdisziplinären und transnationalen Dialog Räume in Bewegung adäquat erforscht und vermittelt werden können.

Welche Veranstaltungen finden an der Universität Potsdam während der Kleine Fächer-Wochen statt?

Wir haben für das Wintersemester ein Portfolio von etwa 30 Veranstaltungen vorbereitet. Das heißt, wöchentlich finden etwa zwei Veranstaltungen statt – ein wirklich dichtes und intensives Programm! Darunter sind Screenings mit neuen osteuropäischen Filmen, Lesungen aus den „kleinen Literaturen“ Osteuropas, Podiumsdiskussionen mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft, Netzwerkworkshops für Nachwuchswissenschaftler, Ausstellungen von Studierenden der Osteuropastudien und vieles mehr. Wichtig war uns dabei, nicht nur ein akademisches Publikum zu adressieren, sondern mit den Veranstaltungen aus der Universität hinauszugehen. Wir arbeiten deshalb mit vielen Kooperationspartnern zusammen, etwa dem Potsdamer Einstein-Forum oder dem Cottbusser Filmfestival, auf dem in diesem Jahr eine Gruppe Studierender eine Sektion über Migrationsfilme aus Osteuropa gestaltet hat. Einige Veranstaltungen, wie unsere große gemeinsame Ringvorlesung zu „Metropolen des Ostens“ werden auch im Livestream zwischen Potsdam und Frankfurt/Oder übertragen, sodass wir an beiden Orten ein Publikum erreichen. Wir haben für unser Projekt eine eigene Homepage eingerichtet, auf der unser Veranstaltungskalender auch einsehbar ist.https://www.uni-potsdam.de/de/osteuropastudien-in-brandenburg/veranstaltungen/veranstaltungskalender.html

Was wünschen Sie sich für die Kleinen Fächer in Brandenburg und Deutschland?

Ich wünsche mir, dass die „kleinen Fächer“ nicht länger das akademische Prekariat des deutschen Hochschulsystems bilden. Die „kleinen Fächer“ sind nicht nur zumeist notorisch unterausgestattet und stehen permanent unter massivem Legitimationsdruck. Sie sind auch extrem von politischen Konjunkturen abhängig, was sich ebenfalls an den Osteuropastudien gut erkennen lässt. Zu Beginn der 1990er Jahre – mit der Perestrojka – haben sie einen gewissen Zuwachs an Interesse erlebt und wurden als relevantes Fach wahrgenommen, ohne dass sich dadurch eine institutionelle Stärkung ergeben hätte. Vielmehr haben zeitgleich die slavistischen Institute insbesondere der Universitäten im Osten Deutschlands eine Kürzungswelle sondergleichen erfahren. Diese Lage hat sich bis heute kaum stabilisiert. Die Streichungen von Professuren – etwa kürzlich der osteuropäischen Geschichte in Köln –, die Schließungen slavistischer Institute – in den letzten Jahren etwa in Bonn und in Frankfurt am Main – zeigen, wie schnell diese Rahmenbedingungen für ein Fach existenziell werden können. Es geht also prinzipiell darum, die Signifikanz eines Faches anzuerkennen, das sich mit einem kulturellen, politischen und sozialen Raum auseinandersetzt, der im europäischen und globalen Kontext in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Die Universität Potsdam nimmt in diesem Prozess eine deutschlandweit ungewöhnlich weitsichtige Position ein: Hier gibt es auch seitens der Hochschulleitung ein ausgeprägtes Bewusstsein für die wissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Relevanz der Osteuropastudien.

Hier finden Sie das Veranstaltungsprogramm des Projektes „Osteuropastudien in Brandenburg“:
https://www.uni-potsdam.de/de/osteuropastudien-in-brandenburg/veranstaltungen/veranstaltungskalender.html


Text: Magda Pchalek
Online gestellt: Magda Pchalek
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.de