Seltene Käfer und invasive Pflanzen – Biologin untersucht Artenvielfalt auf elf Berliner Gründächern

Emily Jäger
Grünfläche auf dem Kulturdachgarten Klunkerkranich.
Foto : Dr. Jana Scholz
Emily Jäger
Foto : Dr. Jana Scholz
Grünfläche auf dem Kulturdachgarten Klunkerkranich.

Schafgarbe, Wegwarte, Graukresse und wilde Rauke: Auf einem Holzhäuschen, das in DIY-Manier auf dem Dach eines Neuköllner Parkhauses errichtet wurde, wachsen hohe Gräser und Wildkräuter. Im Hintergrund ist der Berliner Fernsehturm zu sehen. Die Grünflächen des Kulturdachgartens Klunkerkranich zeigen nicht nur eine große Pflanzenvielfalt, dort leben auch bedrohte Käferarten. Die Studentin Emily Jäger hat in ihrer Masterarbeit auf elf Gründächern in Berlin erforscht, wie groß dort die Artenvielfalt der Pflanzen und Käfer ist. Ein halbes Jahr lang hat sie die Anlagen besucht und festgestellt, dass diese Orte wichtige Biotope im städtischen Raum sind.

„Gründächer sind extreme Standorte“, sagt Emily Jäger. „Es gibt in der Regel keinen Schatten, es ist sehr trocken und windig.“ Deswegen werden auf Gründächern typischerweise „Bodendecker“ wie Fetthenne oder Mauerpfeffer gesetzt, die keine Pflege benötigen, mit Trockenheit und Hitze gut umgehen können und mit einem dünnen, leichteren Nährboden auskommen. „Denn die Statik der Gebäude gibt meist nicht allzu viel her“, erklärt die Studentin.

Die elf Gründächer, die die Studentin ins Visier genommen hat, befinden sich auf dem Ökowerk Grunewald, in den Gärten der Welt in Marzahn, auf dem Saturn-Komplex am Alexanderplatz, auf den Berliner Wasserbetrieben in Mitte, auf einem Wohnhaus, auf den Neukölln Arkaden und dem nebenan gelegenen Klunkerkranich sowie auf vier Gebäuden der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), unter anderem in Adlershof.

Der erste Schritt ihrer Feldarbeit war eine Vegetationsanalyse, bei der sie zwei Mitarbeiter von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaftenunterstützten. Das Ergebnis: „Drei Anlagen stachen hervor, was die Vielfalt der Flora betrifft: der Klunkerkranich, das Ökowerk Grunewald und das Gründach der HU in Adlershof“, sagt Emily Jäger. Alle drei sind nicht standardmäßig angelegt, was zum Beispiel die Substratdicke und die gesetzten Pflanzen angeht. Mit 68 Pflanzenarten konnte Emily Jäger im Klunkerkranich den größten Artenreichtum feststellen. An jedem Standort fanden die drei Forschenden auch Neophyten, also gebietsfremde Spezies. Einige von ihnen gelten als invasiv und breiten sich besonders schnell aus.

In einem zweiten Schritt ging es um die Käfervielfalt auf den Gründächern. Auch hier zeigten die drei nicht standardmäßig begrünten Dächer die größte Artenvielfalt. Im Klunkerkranich beispielsweise leben zwölf verschiedene Rüsselkäferarten. Doch auch auf den anderen Dächern, sogar den standardmäßig bepflanzten, leben Käferarten, die als gefährdet eingestuft werden – und sogar zwei Arten, die in Berlin als ausgestorben gelten. Das könnte daran liegen, dass Gründächer oft nicht betreten werden: „Die Tiere und Pflanzen bleiben hier völlig ungestört.“

Wichtig sind die Insekten aber auch für uns Menschen, betont Emily Jäger: „Insekten entfernen organische Abfälle, sie sorgen für die Bestäubung von Pflanzen und beseitigen Schädlinge, unter anderem auf unseren Nutzpflanzen. Sie sind Futter für Vögel, Fledermäuse und viele andere Tiere. Insekten leisten so viel und es wäre sehr teuer, wenn wir selbst erledigen müssten, was sie uns jeden Tag abnehmen.“ Expertinnen und Experten schätzen, dass es allein mehrere Milliarden Euro kosten würde, wenn alle Nutzpflanzen auf der Erde künstlich bestäubt werden müssten.
Emily Jäger studiert Ökologie, Evolution und Naturschutz. Betreuer ihrer Abschlussarbeit sind Stephan Brenneisen von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Monika Wulf, gemeinsam berufene Professorin der Uni Potsdam und des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung.

Weitere Informationen unter: https://www.uni-potsdam.de/de/nachrichten/detail/2022-08-31-seltene-kaefer-und-schoene-aussichten-studentin-erforscht-artenvielfalt-auf-gruendaechern

Kontakt: Emily Jäger
E-Mail: emily.jaegeruni-potsdamde

Foto: Grünfläche auf dem Kulturdachgarten Klunkerkranich. Foto: Dr. Jana Scholz

Medieninformation 08-09-2022 / Nr. 099