Textlinguistik

Impulstext : Kohäsion

(nach Linke, A., Nussbaumer, M., Portmann, P.R. Studienbuch Linguistik. 2. Aufl., erg. um ein Kapitel "Phonetik und Phonologie" von Urs Willi. Tübingen: Niemeyer, 1994, 215ff.)

Betrachtet man den Text als eine Folge von Sätzen, blickt man also in die Richtung "vom Satz zum Text", fällt auf, daß es eine Vielzahl von sprachlichen Elementen gibt, die syntaktisch und semantisch über die Satzgrenzen hinweg miteinander in Beziehung stehen. Solche sprachlich manifesten Beziehungen werden zumeist kohäsive Beziehungen genannt, die sprachlichen Einheiten, die sie anzeigen Kohäsionsmittel und die betreffende Erscheinung Kohäsion.

Man kann mit Bezug auf die o.g. Quelle folgende Formen von Kohäsion unterscheiden:

  1. Rekurrenz
    Die materiale Wiederaufnahme eines Textelements durch ein anderes nennt man Rekurrenz. Dabei kann es zu einer wortwörtlichen Wiederaufnahme (vollständige, totale R.) oder einer teilidentischen Wiederaufnahme kommen (partielle R.).
  2. Substitution
    Unter den Begriff der Substitution fallen inhaltliche Zusammenhänge, die dadurch entstehen, daß substituendum und substituens auf dasselbe außersprachliche Element Bezug nehmen, koreferent sind. Solche Beziehungen kann man als Synonymiebeziehungen i.w.S. (Synonymie i.e.S., Hyperonymie, Metapher, Metonymie, Paraphrase) bezeichnen. Unter Umständen gehört in diesen Bereich auch die Antonymie.
  3. Pro-Formen
    Von der Substitution durch Synonyme sind die Ersetzungen durch sog. Proformen (Pronomen, Proadverbien) zu unterscheiden. Proformen hält man in dem Sinne für "inhaltsleer" als sie kein eigenes Referens haben und ihre Benennungsleistung erst über den Verweis auf ein "Inhaltswort" erreichen. Proformen haben im Text also eine Art Suchanweisung.
    Man kann bei den Proformen die anaphorische (rückwärts) und die kataphorische (vorwärts) gerichtete Verweisung unterscheiden.
  4. Bestimmter und unbestimmter Artikel (Textdeixis und [Vor-]Wissensdeixis)
    Vorliegendes Kohäsionsmittel findet man in artikelhaltigen Sprachen, wie das Deutsche, Englische, Französische. Folglich ist es für das Russische irrelevant.
  5. (Situations-)Deixis
    Gemeint ist in diesem Fall der Verweis sprachlicher Mittel aus dem Text heraus auf die konkrete Situation. Im Unterschied zu den Proformen wirken diese Textelemente nicht textdeiktisch, sondern situationsdeiktisch. Die Suchanweisung bezieht sich also auf die Situation, nicht den (Ko-)Text.
    Beispiel:

    "- Ruth fährt nach MAULBRONN. Sie will dort die berühmte Stiftsschule besichtigen.
    (Verwendung von dort als anaphorisches Textverweismittel bzw. als anaphorische Pro-Form: Textdeixis)
    - 'Ruth, wo ist der Hausschlüssel?' - 'Ach Gott, irgendwo, vielleicht dort.' Ruth deutet auf den Eßtisch.
    (situationsdeiktische Verwendung von dort)" - op.cit., 221.

  6. Ellipse
    Auch die Ausfüllung einer Leerstelle, die durch den Gebrauch einer offensichtlich strukturell unvollständigen Satzkonstruktion, also durch eine sog. Ellipse entsteht, kan man als Kohäsionsform ansehen.

    "A: 'Ich komm nicht mit. Das ist mir zu blöd.'
    B: 'Ich schon'.
    "
    (op.cit., 222.)

  7. Explizite (metakommunikative) Textverknüpfung
    Als metakommunikative Äußerungen bezeichnet man gewöhnlich solche, die vom Sprecher/Schreiber mit Bezug auf eigene oder fremde kommunikative Beiträge getätigt werden, dabei aus der gegebenen syntagmatischen Folge heraustreten. Dies sind z.B. gliedernde Ausdrücke, die die Abfolge kennzeichnen (erstens ...., zweitens..., drittens), die an vorangegangene Aussagen erinnern (wie ich oben schon ausgeführt habe...), nachfolgende explizit ankündigen (im folgenden seien zwei Punkte diskutiert...). In den Kreis metakommunikativer Mittel gehören auch modalisierende (z.B. kommentierende) Aussagen vom Typ ich bin mit sicher, Sie stimmen eine solcher Lösung sicherlich zu.
    Vorliegende Form der Textverknüpfung wird vorrangig dann eingesetzt, wenn der Bezug über größere Textpassagen hergestellt werden soll.
  8. Tempus
    Neben den genannten Kohäsionsformen kann man für bestimmte Textsorten auch das Tempus als spezifisches Kohäsionsmittel ansetzen. Gemeint sind vor allem die sog. narrativen Texte, solche also, in denen erzählt, beschrieben, berichtet wird.
  9. Konnektive
    Als Bindeglieder nicht nur im Satz, sondern auch im Text fungieren Konjunktionen (und, weil...) und Konjunktionskorrelate (deswegen....).

Kohäsion ist, wie aus dem bisher Dargelegten ersichtlich werden dürfte, eine Erscheinung, die mehr oder weniger direkt durch sprachliche Mittel an der Textoberfläche ausgedrückt wird, die sich auch aus der linearen Sicht auf die Textstruktur ergibt.
Obwohl die beschriebenen Mittel auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen angesiedelt sind, ist ihnen wohl allen der Verweis auf innertextliche sprachliche Korrelate eigen. Dadurch, dass das Verweisen im Einzelnen und das Textverstehen im Allgemeinen jedoch nicht an sich, sondern durch ein Subjekt, den Rezipienten bewerkstelligt wird, das nicht nur sein sprachliches Wissen, sondern auch andere Wissensbeständen einsetzt, reicht Kohäsion als Erklärung für das Herstellen des Textzusammenhangs beim Rezpienten nicht aus. Aus diesem Grund begann man nach der "grammatischen", "systemorientierten" Phase in der Entwicklung der Textlinguistik die Kategorie der Kohärenz zu nutzen

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Letzte Aktualisierung: 30.04.2012 11:39 AM