Textlinguistik

Einführung in die Analyse nach gegenständlich-thematischen Linien

Analyse als Form der Textrezeption

Der Ausgangspunkt ist, dass die angestrebte Methodik - will sie sich auf die Realisierung des Handlungsplans und des thematischen Plans beziehen - faktisch alle kognitiven Prozesse und alle temporären Zwischen- und Endergebnisse in den Blick nehmen müsste, die beim Textproduzenten bei der Umsetzung der genannten Pläne abgelaufen sein könnten. Dass dies nicht in toto gemacht werden kann, liegt auf der Hand. Um dieser Unvollkommenheit entgegen zu wirken, scheint es legitim, mit Modellvorstellungen zu arbeiten, die sich auf die in Rede stehenden kognitiven Prozesse und Resultate beziehen lassen. Dabei hilft m.E., wenn man die Textanalyse als eine spezifische Form der Textrezeption begreift.

Textrezeption ist in Bezug auf ihre Spezifik und ihre Abgrenzung gegenüber der Textproduktion einmal von Wolfgang Heinemann und Dieter Viehweger (1991,114) folgendermaßen beschrieben worden:

" (i) Textverstehen (Textinterpretation, Textrezeption) ist kein Spiegelbild, keine bloße Inversion der Textproduktion. Textverstehen ist - obwohl dabei im Prinzip jene Kenntnissysteme aktiviert werden, die im Zusammenhang mit der Textproduktion detaillierter beschrieben wurden - auch keine bloße Übertragung sprachlicher Informationen in eine kognitive Repräsentation. Interpretation, Verstehen sind komplexe, konstruktive Tätigkeiten, in denen der Rezipient über die Verarbeitung der Sinnesdaten weit hinausgeht, indem er die in der Regel vage Datenstruktur eines Textes mit Vorwissen bzw. Kenntnissen "auffüllt", die bereits im Gedächtnis gespeichert sind bzw. durch ihre kognitive Bewertung, die dem Text vorausgeht, gewonnen oder auch aktualisiert werden.

(ii) Textverstehen ist daraufhin eine vorläufige, auf Revidierbarkeit hin angelegte Entscheidung bezüglich der Interpretation, es ist eine "vorläufig stabile Interpretation", in der lokale und globale Interpretationsschritte ineinandergreifen, die Interpretationsresultate durchaus verändern, sogar korrigieren können. Textverstehen ist grundsätzlich als ein text-bzw. datengeleiteter als auch als ein wissensgeleiteter Prozeß zu verstehen, als ein Prozeß, in dem die im Text vermittelten Informationen mit Kenntnissen vereinigt werden, die bereits zum Vorwissen des Interpreten gehören. Die beiden von uns als text- und wissensgeleiteter Verstehensprozeß charakterisierten Interpretationswege werden in der Literatur häufig als top-down- und bottom-up-Strategie des Textverstehens bezeichnet. In allen Modellvorschlägen wird dabei unterstrichen, daß beide Verarbeitungsstrategien nicht sukzessive ablaufen, sondern interagieren und sich wechselseitig ergänzen."

Diese Ausführungen interpretiere ich, wie folgt:

  • Textrezeption ist kein (starrer) deterministischer, sondern ein (flexibler) stochastischer Prozess.
  • Textrezeption ist ein konstruktiver Prozess, der im Fortgang des Lesens oder Hörens zum Aufbau einer Repräsentation des vorläufig Verstandenen fortlaufend Entscheidungen in verschiedenen Dimensionen verlangt.
  • Beim Aufbau der Repräsentation des vorläufig Verstandenen greifen das aktualisierte Vorwissen und das im Verarbeitungsprozess gewonnene Wissen ineinander.

Im verwendeten Zitat betonen Heinemann und Viehweger u.a., dass Textrezeption ein daten- und wissensgeleiteter Prozess ist. Worauf später im Kapitel "Leserstrategien" zusätzlich hingewiesen wird (vgl. op.cit., 259), ist, dass Textrezeption auch ein aufgabengeleiteter Prozess ist. Man liest in der Regel Texte - um bei schriftlichen Rezeptionsvorgaben - zu bleiben - mit einem bestimmten Ziel bzw. zu einem bestimmten Zweck. Danach richtet sich auch das Vorgehen beim Lesen, was wiederum Einfluss auf kognitive Entscheidungen während des Textverarbeitungsvorgangs haben dürfte.

Aus den vorstehenden Darlegungen wird m.E. deutlich, dass eine Analyse von Texten, die auf die Rekonstruktion des Inhalts in der vom Textproduzenten intendierte Weise abzielt, Gemeinsamkeiten mit einer daten- und wissensgeleiteten Verarbeitung hat, wie sie oben von Heinemann und Viehweger beschrieben wurde. Sie läuft auf eine Modellierung dessen hinaus, wie ein Rezipient einen Text verstehen könnte. Sie ist zumindest in der Hinsicht unvollkommen, als die dem Textverstehen anhängige Verwertungsabsicht des Gelesenen ausgeblendet wird.

Heinemann, W., Viehweger, D. Textlinguistik. Eine Einführung. Niemeyer: Tübingen 1991.

Copyright © 2012 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung13.04.2015 9:12 PM

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag