Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Impulstext: "Dialogische Texte".Sekundäre und tertiäre Abbildungen. Transkription.

(s. Brinker, K., Sager, S. F. Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung.2. durchges. u. erg. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 1995, 33ff.)

Um natürliche Gespräche, die Primärdaten, linguistisch beschreiben und erklären zu können, müssen sie aufgezeichnet werden. Das bedeutet, daß die Primärdaten in auditiven bzw. audiovisuellen Medien in Sekundärdaten verwandelt werden. Diese sekundäre Abbildung bringt erste Verluste mit sich (zeichnet man nur den Ton auf, geht man der Interpretationsbasis für Mimik und Gestik verlustig; auch schlechte Aufnahmequalität führt zu Einbußen).
Als tertiäre Daten, tertiäre Abbildung bezeichnet man dann die Verschriftlichung der aufgezeichneten Gespräche, die im wissenschaftlichen Sprachgebrauch "Transkription" genannt wird.
Transkripte zu erstellen, bedeutet, sich allmählich an das Original anzunähern. Es gibt also in einem gewissen Sinne nie ein "fertiges" Transkript, sondern nur eine Vorlage, die dem gewählten Analysezweck genügt. Dies schließt ein, daß auch noch während der Analyse des Gesprächs immer wieder Verfeinerungen des Transkripts vorgenommen werden können. Je nachdem, wie weit man hier modelltheoretisch vorgehen will, kann man dann von Tertiärdaten unterschiedlicher Ordnung (1.,2., ...n-ter Ordnung) sprechen.

Transkripte untergliedert man in der Regel in den Trankriptkopf und den Transkriptkörper. Im Transkriptkopf erscheinen dann zumeist:

  • die Archivkennzeichnung,
  • die beteiligten Personen,
  • Beschreibung der Situation,
  • Datum und Uhrzeit der Aufzeichnung,
  • Name, Funktion des Aufzeichnenden,
  • Bemerkungen zur technischen Qualität,
  • Transkribent, Zahl der Transkriptionsdurchläufe.

Die Gestaltung des Transkriptkörpers richtet sich nach den Untersuchungszielen.

Hinsichtlich des Layouts wählt man gewöhnlich entweder eine Textnotation oder eine Partiturnotation. Die Textnotation eignet sich insbesondere für die Wiedergabe von Gesprächen mit längeren Redebeiträgen und für das Erkennen der inneren Struktur. Die Partiturnotation hingegen ist für die Wiedergabe von häufigem parallelem Sprechen günstig, wobei man allerdings schwerere Lesbarkeit in Kauf nehmen muß. Außerdem ist ihre Herstellung umständlicher und platzraubender.


Legt man für einen Sprecher mehr als eine Zeile an, spricht man vom Zeilenblockverfahren, das in beiden genannten Notationen zum Einsatz kommen kann. Dieses Verfahren erlaubt es, z.B. paraverbale und nonverbale Aspekte mit zu erfassen.

In jeden Trankriptkörper gehört auch immer die eindeutige Kennzeichnung des jeweiligen Sprechers. Diese Kennzeichnung erfolgt in der Regel durch Sprechersiglen, die im Transkriptkopf erklärt werden (z.B. HK = Helmut Kohl oder A = Mann, ca, 40 Jahre, gepflegte Erscheinung).

Schließlich ist es unabdingbar, daß das Transkript durchgehend numeriert wird, damit Verweise möglich werden. Bei der gegenstandsbezogenen Zählung orientiert man sich an Wörtern, Sätzen, Gesprächsbeiträgen, wobei man dadurch theoriegeleitet vorgeht und der empirischen Analyse gewissermaßen vorgreift. Die andere Möglichkeit, die der sog. systembezogenen Zählung, entsteht durch die Numerierung von Einheiten (z.B. Zeilen, Partiturblöcken), wie sie zufällig durch das Notieren entstehen.


Bei der Wahl der Notation für den verbalen Teil des Gesprächs kann man z.B. eine phonetische Transkription wählen, die die Aussprachbesonderheiten am genauesten wiedergibt. Man kann auch eine modifizierte orthografische Transkription wählen (wolln we nich ein anderes bu:ch kucken) bzw. eine orthographisch korrigierte Variante (woll(e)n we (wir) nich(t) ein anderes Buch gucken (angucken)).

Über die rein verbalen Äußerungen hinaus sollte nach Meinung der o.g. Autoren (a.a.O., 47f.) im Trankript auch folgendes gekennzeichnet werden:

  1. Pausen
    • kurze P. = 1'', als Zeichen z.B. +
    • mittellange P. = 2'', ++
    • lange P. = 3'', +++
    • sehr lange Pausen, mit Sekundenangaben, z.B. +8+
  2. Lautproduktionen
    • wiedergegeben durch Versalien (Großbuchstaben), z.B. LACHT. STÖHNT, HUSTET.
  3. Dehnungen
    • von Vokalen, wiedergegeben durch einen Doppelpunkt, z.B. sa:gen
    • von Konsonanten, wiedergegeben durch Verdoppelung, z.B. wass
  4. Emphase
    • wiedergegeben durch einfache Unterstreichung, z.B. hat er nicht gesagt
  5. unverständliche Passagen
    • wiedergegeben durch Leerklammern, (   )
  6. schwer verständliche Passagen
    • eingeschlossen in Klammern, (hat er nich gesagt)
  7. Bemerkungen des Transkribenten
    • eingeschlossen in Doppelklammern, z.B. ((Beifall

Dehnung und Emphase kann man schon zum paraverbalen Bereich zuordnen. Für diesen sollte man eine Extrazeile anlegen, auch wenn man entsprechende Charakterisitka nicht durchgehend, sondern nur an besonders auffälligen Stellen aufzeichnet. Hierbei spielt in jedem Fall immer der temporale, der dynamische und der musikalische Verlauf in der Intonation eine Rolle. Diese Kennzeichnungen lassen sich folgendermaßen wiedergeben:

s----------------s  = für schnell gesprochen,
l-----------------l  = für langsam gesprochen,
p----------------p = für leise gesprochen,
f-----------------f  = für laut gesprochen,
h----------------h  = mit hoher Stimme gesprochen,
t-----------------t  = mit tiefer Stimme gesprochen,
...........................  = für lachend gesprochen.


Es bleibt festzuhalten, dass es in der russischen Sprachwissenschaft bis jetzt keine genormte Wiedergabe von Gesprächen in Form von Transkripten gibt. In der Germanistik hat sich inzwischen Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT) als Standard etabliert.

Copyright © 1998 Universität Potsdam, Rolf-Rainer Lamprecht.
Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 10:04 PM

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