Textlinguistik/Gesprächsanalyse

Kommunikationsverfahren (KV) - Konspekt aus: Wilhelm Schmidt (Hrsg.)„Funktional-Kommunikative Sprachbeschreibung“, Leipzig 1981. (Larissa Schreckenbach)

KV sind elementare Einheiten der sprachlich-kommunikativen Tätigkeit; im Sinne der Psycologie handelt es sich um Operationen. Nach A.N.Leonte´v (1973, S.432; siehe 1.1.1) - Differenzierung zwischen Tätigkeit - Handlung - Operation.
KV sind der Erreichung eines übergreifenden kommunikativen Handlungsziels eingeordnet. Eine Handlung hat „neben ihrem intentionalen Aspekt (was soll erreicht werden) auch einen operationalen Aspekt (wie, auf welche Weise kann das erreicht werden), welcher nicht vom Ziel an sich, sondern von den objektiv-gegenständlichen Bedingungen seiner Erreicheung bestimmt wird“ (A.N.Leonte´v 1973, S.432)

Merkmale der Operationen:

  • Operationen sind Prozesseinheiten der Handlungen; sie zeichnen sich durch das Merkmal der Verknüpfbarkeit aus. (vgl. Theoretische und Experimentelle Untersuchungen 1975, S.34);
  • Operationen gehen aus den Handlungen hervor. Sie sind „ihrer Herkunft nach nur das Produkt einer Entwicklung der ihnen entsprechenden Handlungen, indem die abstrahierten und verallgemeinerten objektiven Beziehungen fixiert werden, die die gegenständlichen Bedingungen der Handlung charakterisieren“ (A.N.Leonte´v 1977, S.45)
    Operationen sind Produkt gesellschaftlicher Erfahrungen hinsichtlich des Vorgehens unter bestimmten Handlungsbedingungen. (A.N.Leonte´v 1977, S.267)
  • Aus dem gesellschaftlichen Charakter der Operationen geht es hervor, dass diese in der Gesellschaft erworben werden. Die sind das Ergebnis von Lernprozessen,das Ergebnis der Aneignung gesellschaftlich ausgearbeiteter Verfahren und Mittel der Handlung (vgl. Rubinstein 1977, S.682)
  • Operationen bilden eine entscheidende Grundlage für die Festlegung von regeln, indem ihre Anwendbarkeit (oder auch ein Anwendungsverbot) hinsichtlich bestimmter Bedingungen fixiert werden kann. (vgl. Klix 1976, S.29) Dadurch erhöht sich die Effektivität des Handelns.
  • „Als bewußte Operation bezeichnen wir nur ein solches Handlungsverfahren, das sich durch Umwandlung einer vorher bewußten, zielgerichteten Handlung herausgebildet hat“ (A.N.Leonte´v 1977, S.267)

Kommunikationsverfahren (KV) sind Ausdruck „kommunikativen Denkens“, insofern haben sie „geistigen" Charakter. Kommunikativ wirksam und faßbar sind sie aber immer nur in ihrer sprachlichen Exteriorisation (Äußeres) und damit Objektivation.(Vergegenständlichung, vom rein Subjektiven abgelöste Darstellung). Deshalb charakterisieren wir die KV als „geistig-sprachliche Operationen“. Sie sind kommunikativen Handlungen eingeordnet und dienen der Erreichung des Handlungsziels. In ihnen reflektiert sich die Bezogenheit auf bestimmte Faktoren und Bedingungen der kommunikativen Handlung, die im Interesse der Realisierung des Handlungsziels Beachtung erfordern. Die Leistung des KV wird geprägt durch die kommunikative Einstellung des Kommunizierenden, d.h. seine Einstellung auf Faktoren und Bedingungen der Kommunikation, und die spezifische Bewußtseinsleistung, auf deren Grundlage eine entsprechende kommunikative Verarbeitung erfolgt. Daraus resultieren die Wesensmerkmale der KV. Die heißen funktional-kommunikative Merkmale (FKM).

KV bilden in der Planungsphase die Strukturelemente des Kommunikationsplans und damit eine Voraussetzung für die Strukturierung der kommunikativen Handlung und ihre Objektivierung in der Textstruktur.
KV finden ihren Niederschlag als verfahrensspezifische Komponenten im Text und bilden so eine wichtige Grundlage für die Textrezeption

Die Orientierung auf die KV bedeutet für uns eine Orientierung auf die Ebene der bewußten Operationen, d.h. von Operationen, die aus sprachlich-kommunikativen Handlungen entstanden sind und die - bei entsprechender eigener Zielstellung - auch als selbstständige Handlungen realisiert werden können.

Charakerisierung von Kommunikationsverfahren (KV) unter funktionalkommunikativem Aspekt und ihre Gruppierung auf der Grundlage der ermittelten funktional-kommunikativen Merkmale.(FKM)

Wir wollen uns darauf beschränken, jeweils dominierende Merkmale zu berücksichtigen. Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der KV sichtbar werden zu lassen, gehen wir von solchen Merkmalen aus, die mehreren KV gemeinsam sind, und erfassen dann ihre unterscheidenden Merkmale.
Kommunikative Verarbeitung kann - den verschiedenen Seiten der Bewußtseinständigkeit entsprechend - entweder vorrangig darauf gerichtet sein, Widerspiegelungsresultate für einen Partner wiederzugeben oder ihn zu veranlassen, etwas zu tun, Handeln bei ihm auszulösen, oder auch für ihn den Prozeß des Aufdeckens von Zusammenhängen, der Gewinnung von Erkenntnissen, sichtbar zu machen. Dementsprechend unterscheiden wir zwischen:

  • Deskriptiven KV (auf Übermittlung von Erkenntnisresultaten orientierten KV);
  • Inzitativen KV (auf Handlungsveranlassung beim Hörer/Leser orientierten KV);
  • Inventiven KV (auf das Sichtbarmachen von Erkenntnisprozessen gerichteten KV);

Deskriptive KV

Innerhalb dieser Gruppe bildet die Sicht des Sprechers/Schreibers auf den Kommunikationsgegenstand ein Abgrenzungsmerkmal zwischen KV. Es kann dominieren:

  • das Streben nach sachbetonter Wiedergabe des als Kommunikationsgegenstand widergespiegelten Sachverhalts. Diese Leistzung ist an ein FKM „sachbetont“ gebundenm es gilt für das KV Mitteilen, für die KV Berichten und Beschreiben, aber auch für das Zitieren und Referieren.
  • die Übermittlung eines Sachverhalts unter Einflüß der Stellungnahme des Sprechers/Schreibers zur Gültigkeit der Darstellten. Ausdruck dafür ist ein FKM „modifikativ“.

Für die weitere Differenzierung sind vor allem die Spezifika der betreffenden Klasse von Kommunikationsgegenständen zu beachten, z.B. „prozessual“ für das Berichten sowie für das Beschreiben von Vorgängen; „reproduktiv“ als Ausdruck dafür, dass es sich um Wiedergabe von bereits Geäußertem handeltt, vgl. Zitieren, Referieren.

Inzitative KV

Für die Gruppierung berücksichtigen wir, wie das einführende Handel auf beabsichtigten Handeln wirkt.

  • Mit dem FMK „Aktion futur.allgemein“ wird die Leistung erfaßt, dass unterschiedliche Formen von handeln/Verhalten des Hörers/Lesers ausgelöst werden. Das gilt für KV wie Anregen, Bitten, Aufrufen, Appelieren, Anweisen, Befehlen, Fordern.
  • Abgehoben davon ist das Fragen als ein KV, mit dessen Hilfe spezifische Handlungen, und zwar kommunikative Antwortreaktionen, ausgelöst werden sollen. Wir erfassen diese Spezifik mit dem zusätzlichen FKM „Aktion futur.interrogativ“
  • Ein inizitatives Moment steht zweifellos auch im Vordergrund bei den KV Loben und Tadeln. Im Unterschied zu den bereits charakterisierten inzitativen KV werden mit dem Einsatz von Loben und Tadeln primär psychische Reaktionen hervorgerufen, zusätzliches FKM ist „Aktion futur.emotiv“.

Inventive KV

Kriterien für eine Abgrenzung von KV mit dem FKM „inventiv“ können bilden:
a) der Charakter der im Erkenntnisprozeß erschlossenen Beziehung oder „inventiv“ kausal KV Begründen

„inventiv“ kausal-konsekutiv KV Schlußfolgern
„inventiv“ komparativ KV Vergleichen
„inventiv“ generalisierend KV Verallgemeinern
„inventiv“ bewertend KV Beurteilend
„inventiv“ replikativ KV Antworten

b) die Evidenz des Wahrheitswertes für das Hörer/Leser

„inventiv“ verifikativ KV Beweisen
„inventiv“ falsifikativ KV Widerlegen

Unter a) und b) angeführten Beispielen sind weitere Spezifizierungen möglich, z.B. können die Elemente der zugrunde liegenden Relation charakterisiert werden.

Damit sind jeweils domimierende, die kommunikative Leistung der einzelnen KV entscheindend prägende Merkmale erfaßt. Die FKM, auf die sich die Zuordnung bestimmter KV zu einer Gruppe gründet, bezeichnen wir mit Bezug auf die KV dieser Gruppe als ihre allgemeinen FKM. Sie sind allgemein unter dem Aspekt, dass sie in der Regel mehreren KV gemeinsam sind, und sie sind es primär im Sinne einer Charakterisierung der Gesamtleistung.


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Letzte Aktualisierung 08.05.2007 8:12 AM