Funktionalstil der Publizistik: Beispiel Interview

SPIEGEL ONLINE - 04. Juni 2004, 12:01
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Manfred Rommel über den D-Day: "Wie Waterloo - nur im Weltformat"

Manfred Rommel, 75, ehemaliger Stuttgarter Oberbügermeister und Sohn von Generalfeldmarschall Erwin Rommel, erinnert sich an den D-Day. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beschreibt er die Rolle seines Vaters und beurteilt die Teilnahme von Bundeskanzler Schröder an den Feiern zum 60. Jahrestag am Wochenende.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rommel, am 6. Juni 1944, dem Tag der Invasion, waren Sie 15 Jahre alt und wohnten in Herrlingen bei Ulm. Ihr Vater war gerade auf Heimaturlaub. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Manfred Rommel: Ich erinnere mich, dass mein Vater am Morgen von seinem Stabschef angerufen wurde. General Speidel habe mitgeteilt, die Anlandung sei möglicherweise erfolgt, die Lage sei unübersichtlich, in einer Stunde sehe man klarer. Mein Vater rief dann gegen 9 oder 10 Uhr an, und es stellte sich heraus: Die Landung ist erfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr Vater reagiert?

Rommel: Er stieg sofort ins Auto und fuhr nach Frankreich ins Hauptquartier, wo er am Nachmittag eintraf. Ursprünglich hatte er ja beabsichtigt, bei Hitler vorzusprechen wegen der Aufstellung der deutschen Truppen in Frankreich, die meinem Vater nicht genügte.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Vater nach Hause berichtet, wie die Schlacht stand?

Rommel: Darüber erfuhren wir erst später. Als mein Vater eintraf, war das Wesentliche bereits gelaufen. Rund 120 Kilometer südlich der Front standen zwei Panzerdivisionen. Die wurden erst am Nachmittag des 6. Juni in Marsch gesetzt, als es längst zu spät war.

SPIEGEL ONLINE: Hätten die Deutschen mit diesen Divisionen den alliierten Angriff abwehren können?

Rommel: Schwer zu sagen. Klar war, dass die Infanterie in den verminten Stellungen am Strand nicht in der Lage war, die Invasion abzuwehren. Man war also schon auf ein frühzeitiges Eintreffen der Panzerverbände angewiesen. In den deutschen Stäben gab es bereits vor der Landung eine große Diskussion über die Abwehrstrategie. Die Russland-Generäle waren der Auffassung, man müsse die Alliierten nach Frankreich hineinlassen, um sie dann in einer großen Panzerschlacht hinauszuwerfen. Mein Vater sagte, die alliierte Luftwaffe sei derart überlegen, dass sie jeden Versuch dieser Art zerschlagen werde. So kam es dann auch.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist man froh, dass die Invasion erfolgreich war, weil die Alliierten Deutschland und Europa vom Nationalsozialismus befreit haben.

Rommel: Das ist nicht ganz falsch. Wenn die Alliierten nicht gelandet wären, hätten irgendwann die Russen Deutschland niedergewalzt. Nur: Damals hat man nicht gewusst, dass die deutsche Armee gegen ihre eigenen Interessen kämpfte. Die Deutschen fürchteten zu dem Zeitpunkt die bedingungslose Kapitulation, sie fürchteten, dass das ganze Volk für die Befehle Adolf Hitlers zur Rechenschaft gezogen werde. Viele wünschten sich einen Frieden mit Bedingungen. Etliche Militärs versprachen sich von einem Sieg über die Alliierten in der Normandie, dass man Truppen hätte nach Osten verlegen können, um die vorrückenden Russen aufzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen kam die totale Niederlage.

Rommel: Wenn man 1944 gewusst hätte, dass es bereits im Jahr 1946 deutsche demokratische Regierungen im Westteil des Landes geben würde, dass US-Außenminister Byrnes hier in Stuttgart die "speech of hope" (die Rede der Hoffnung) halten würde und die Deutschen wieder in die Gemeinschaft der Völker zurückkehren würden, dann wäre der Kampfgeist sicher nicht groß gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr Vater den D-Day bewertet - als Befreiung oder als militärische Niederlage?

Rommel: Er hat ihn gar nicht bewertet, weil noch nicht klar war, was die Alliierten tun werden. Wenn er es von vornherein als Befreiung erlebt hätte, hätte er sich in Frankreich nicht so sehr angestrengt. Als aber klar war, dass die deutschen Truppen die Landung nicht zurückschlagen konnten, war er der Meinung, es müsse um jeden Preis der Krieg beendet werden, um unnötige Opfer zu vermeiden, die millionenfach gebracht wurden, als es Hitler gelang, den Krieg bis zum bitteren Ende weiterzuführen. Selbst im Jahr 1945 haben wir bei Crailsheim noch versucht mit einem Gegenangriff das Vaterland zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Vier Monate nach dem D-Day erlebten sie in Herrlingen, wie Ihr Vater, der in Frankreich schwer verwundet worden war, von zwei Generälen abgeholt wurde...

"Wüstenfuchs" Erwin Rommel: Zur Legende wurde Rommel im Afrikafeldzug 1941/42. Noch vor der Niederlage des Afrikakorps im Frühjahr 1943 wurde er in die Heimat zurückbeordert. Im November desselben Jahres erhielt Rommel den Auftrag, die Verteidigungsmaßnahmen an der französischen Atlantikküste zu überwachen. Beim alliierten Vormarsch nach der Landung in der Normandie wird Rommel bei einem Tieffliegerangriff bei Caen schwer verwundet. Nach dem mißglückten Attentat vom 20. Juli auf Hitler wird der Generalfeldmarschall beschuldigt, von den Plänen gewußt zu haben. Vom Oberkommando der Wehrmacht unter Druck gesetzt, begeht Rommel im Oktober 1944 mit einer Giftkapsel Selbstmord, die ihm von zwei Offizieren übergeben worden war. Am selben Tag verabschiedet er sich in seinem Heimatort Herrlingen von seiner Ehefrau und seinem Sohn Manfred. Mit einem Staatsakt in Ulm wird Rommel am 18. Oktober 1944 beigesetzt - erst nach dem Ende des Krieges werden die wahren Umstände seines Todes bekannt.


Rommel: ... sie teilten ihm mit, er sei überführt, vom Attentat gegen Hitler gewusst zu haben. Sie sagten ihm auch, wenn er das Gift, das sie dabei hatten, sich verabreichen ließe, würden die üblichen Maßnahmen gegen seine Familie und gegen seinen Stab nicht unternommen. Da mein Vater ohnehin der Überzeugung war, dass Hitler nicht so blöd war, ihn vor dem Volksgerichtshof zu präsentieren, sagte er sich, es wäre besser einzuwilligen. So hatte er wenigstens die Hoffnung, dass seine Familie und seine Mitarbeiter davonkämen. Auch wollte er vermeiden, wie die Verschwörer verhört zu werden, so dass die Befrager nicht auf weitere Beteiligte stießen.

SPIEGEL ONLINE: Als Ihr Vater abgeholt wurde, waren Sie selbst seit etwa zehn Monaten Flak-Helfer in Hitlers Armee. Was ging in Ihnen damals vor?

Rommel: Ich habe in meinem Leben Gott sei Dank glücklichere Tage erlebt als den.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, Sie hätten Ihren Vater gerne gefragt, wie das alles möglich war, wie dieser Krieg geführt werden konnte gegen die Interessen des deutschen Volkes. Haben Sie selbst eine Antwort?

Rommel: Die ist ziemlich klar. Es war die Wirkung der Propaganda und der Unfreiheit und der ständigen Gehirnwäsche. Es gab kein Recht auf freie Meinungsäußerung, dafür die Pflicht, das Maul zu halten und das zu tun, was einem befohlen war. Mein Vater zum Beispiel wurde permanent überwacht. In Bormanns Akten steht, dass er ein Pessimist und Defätist sei. Viele sahen auch keine Perspektive mehr und fürchteten sich nur noch vor der Rache der Sowjetunion, die aufgrund der deutschen Politik freilich ihre Gründe dafür hatte. Das muss man den Sowjets zubilligen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als ob Ihr Vater ein dauernd überwachter Befehlsempfänger war. Er war schließlich auch einer der höchsten Befehlshaber der Wehrmacht.

Rommel: Das eine schließt das andere nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Welche Motivation hatten Sie?

Rommel: Die deutsch-französische Freundschaft war mir stets ein Anliegen. Ich habe auch sehr gute Beziehungen nach Großbritannien. Das Angebot der Amerikaner, Engländer und Franzosen zur Versöhnung muss man als einen sehr großen Glücksfall betrachten. Das hat es in der Weltgeschichte nie zuvor gegeben, dass sich die Sieger in kurzer Zeit weniger auf ihren Sieg berufen haben, als versucht haben, mit dem Besiegten wieder in ein gutes Verhältnis zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: In den Jahren 1984 und 1994 wollte der damalige Kanzler Helmut Kohl nicht an den Jahresfeiern in der Normandie teilnehmen - und Staatspräsident Francois Mitterrand war darüber erleichtert.

Rommel: Ich habe volles Verständnis dafür. Ein deutscher Regierungschef ist in einem Zwiespalt: Er begrüßt das Ende der Nazi-Diktatur, kann aber nicht jubeln und so tun, als ob er zu den Siegern gehört und gleichzeitig Zehntausende deutsche Gefallene vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Kanzler Gerhard Schröder hat eine Einladung Jacques Chiracs für dieses Jahr gerne angenommen.

Rommel: Ich halte es für richtig, dass Schröder hingeht. Er ist von den Alliierten eingeladen worden und tut gut daran, die Geste der Versöhnung anzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Amerikanische und britische Veteranenverbände haben seine Teilnahme jedoch scharf kritisiert.

Rommel: Wegen der erfolgreichen Landung in der Normandie leben wir in einer freien Welt. Folglich müssen wir uns damit abfinden, dass unser Verhalten kritisiert wird. Ich war übrigens von amerikanischen Veteranenverbänden eingeladen, kann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Amerikaner die Einladung Schröders begrüßt.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl der Kanzler den von den USA angeführten Krieg im Irak nicht unterstützt?

Rommel: Umso mehr muss Schröder jede Gelegenheit wahrnehmen, die alte Solidarität zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland wieder herzustellen. Es gibt einiges zu reparieren. Das ständige Naserümpfen über die Amerikaner sollte einer etwas differenzierteren Betrachtung weichen.

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikaner haben sich im Irak nicht mit Ruhm bekleckert.

Rommel: Die Foltergeschichten sind fürchterlich, aber man kann sich hundertprozentig darauf verlassen, dass die amerikanische Demokratie diese Fälle aufklärt und in Ordnung bringt.

SPIEGEL ONLINE: Am Wochenende wird es entlang der Landungsstrände Sword, Juno, Gold, Omaha und Utah, sowie in Caen und Bayeux insgesamt 17 offizielle Feiern geben. Eine Million Besucher und 17 Staats- und Regierungschefs werden erwartet. Ist dieses Ausmaß dem Ereignis angemessen?

Rommel: Ja, denn es ist ein Weltereignis gewesen. Wie Waterloo. Nur im Weltformat.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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Letzte Aktualisierung: 27.05.2010 1:13 PM