RSG Verb

Aspektgebrauch

Der russische Verbalaspekt ist eine grammatische Kategorie, die vor allem Nichtslawen immer wieder Schwierigkeiten bereitet, weil sie in der eigenen Muttersprache nicht vorkommt und der Gebrauch der vollendeten (vo., auch (perfektiven, pf.) ) oder unvollendeten (unvo., auch imperfektiven, ipf.) Aspektform obligatorisch mit Vorstellungen zum Handlungsverlauf verbunden ist, die z.B. deutschen Sprechern kaum bewusst sind.
Wenn der Deutsche sagt: "Ich habe dir gestern einen Brief gezeigt und du hast darauf nicht geachtet" fragt er sich normalerweise nicht, ob er damit sagen will "Я тебе вчера показывал письмо, а ты не обращал внимания" oder "Я тебе вчера показал письмо, а ты не обратил внимание". Im ersten Fall werden beide Handlungen lediglich benannt, konstatiert, dass sie "waren". Im zweiten Fall liegt die Aufmerksamkeit darauf, dass zu einem lokalisierbaren Zeitpunkt der Vergangenheit zwei konkrete Vorgänge stattgefunden haben, die unmittelbar aufeinander folgten. Der beschriebene Unterschied mag auf den ersten Blick unwesentlich erscheinen, es gibt jedoch Fälle, in denen dies nicht so ist, z.B. wenn Schüler Mischa seinem Lehrer sagt: "Я не решал задачу", fragt der sich, warum Mischa damit überhaupt nicht angefangen hat. Sagt Mischa demgegenüber "Я не решил задачу", wird den Lehrer wahrscheinlich interessieren, warum er es nicht geschafft hat, die Lösung zu finden.

Somit scheint es wichtig, Russischlernenden Regeln an die Hand zu geben, mit denen sie in der Lage sind, die Aspektverwendung zu erschließen und zu steuern.
Für den russischen Muttersprachler, der die Regeln der Aspektverwendung in frühester Kindheit interiorisiert hat, ist diese Frage zunächst irrelevant - er kann die Aspekte richtig verwenden. Was er/sie in der Regel nicht kann, ist, den richtigen Aspektgebrauch zu erklären.

Bei der Frage, wie man bei der Erklärung der Aspektverwendung am besten vorgehen soll, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Hier seien zwei Wege genannt:

  1. Man sammelt sog. Faustregeln des Aspektgebrauchs. Sie beschreiben klare Fälle, z.B.:
    • Nach не надо, не нужно, не стоит u.a. wird immer der unvo. Aspekt gebraucht.
    • Nach Phasenverben findet immer der unvo. Aspekt Verwendung.
    • Treten im Satz Adverbien auf, die das plötzliche Auftreten von Handlungen singnalisieren (вдруг, внезапно u.a.), gebraucht man in der Regel den vo. Aspekt.
    • Treten im Satz Adverbien auf, die auf eine Wiederholung (z.B. часто, несколько раз, иногда) oder die Dauer verweisen, wird in der Regel der unvo. Aspekt gebraucht.
    • ...
  2. Man stellt ein mehr oder weniger geschlossenes System vor - manchmal sogar algorithmisiert. Dies kann wiederum auf unterschiedliche Art und Weise vor sich gehen. In den meisten Fällen benutzt man dabei die zuerst von BONDARKO beschriebenen speziellen Aspektbedeutungen (частные значения видов, частновидовые значения).

SCHLEGEL hat zu Lehrzwecken die genannten speziellen Bedeutungen - wie im Übrigen schon andere vor ihm, s. RASSUDOVA 1968) - in Paaren von Gegenüberstellungen angeordnet, darüber hinaus aber auch noch "Standard-Aspektbedeutungen" und "Periphere Aspekbedeutungen" (2000, 119-124) unterschieden - letztere für den produktiven Sprachgebrauch von Ausländern als nicht so wichtig eingestuft.

Ein anderer Ansatz besteht darin, dass man zwischen obligatorischem Aspektgebrauch und Aspektsynonymie unterscheidet, dabei die speziellen Aspektbedeutungen als Beschreibungsgrößen benutzt (s. LAMPRECHT 1980 und 1981).
Obligatorischer Aspektgebrauch liegt vor, wenn die Verwendung des anderen Aspekts ein anderes Denotat (einen anderen Sachverhalt) bezeichnet, synonymer Gebrauch, wenn dasselbe Denotat benannt wird. Äußeres Kennzeichen für den obligatorischen Gebrauch kann sein, dass der andere Aspekt nur verwendet werden kann, wenn auch der Kontext verändert werden muss. Für den synonymen Aspekt wäre die formale Bedingung, dass keine Kontextänderung vor sich gehen darf.

Beispiel für den obligatorischen Aspektgebrauch: Он сегодня получил письмо. - Он сегодня получал письма.
Mit dem vo. Aspekt wird die Einmaligkeit der Handlung bezeichnet, mit dem unvo. die Mehrmaligkeit. Der Sachverhalt (das Denotat) unterscheidet sich wesentlich. Ein Ersatz der Aspektform ohne Kontextänderung ist nicht möglich.

Beispiel für Aspektsynonymie: В этот день хозяин тира не закрывал своего заведения на обед. (Катаев) - В этот день хозяин тира не закрыл своего заведения на обед. Und in nichtverneinter Form: В этот день хозяин тира закрывал свое заведение на час раньше. В этот день хозяин тира закрыл свое заведение на час раньше.

Der bezeichnete Sachverhalt (das Denotat) unterscheidet sich bei den verneinten vo. und unvo. Formen sowie bei den nichtverneinten vo. und unvo. Formen nicht voneinander. Die Bedeutungsunterschiede liegen nicht auf der denotativen, sondern auf der designativen (signifikativen) Ebene. Der unvo. Aspekt bezeichnet des Fehlen (bzw. das Vorhandensein) einer Handlung innerhalb einer lokalisierbaren Dauer als solche (abstrakt-vollzogene Bedeutung nach SCHELJAKIN), der vo. Aspekt das Fehlen (bzw. die Durchführung einer Handlung) als einmalig-konkretes geschlossenes Ganzes innerhalb der lokalisierbaren Dauer (konkret-vollzogene Bedeutung nach BONDARKO). Der gegenseitige Ersatz der Aspektformen in den verneinten bzw. nichtverneinten Sätzen geht ohne Kontextänderung vor sich.


Quellen

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  2. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. K. Gabka. Kommentare und Aufgaben zur Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1988.
  3. Autorenkoll. u. d. Ltg. v. H. Schlegel. Компендиум лингвистических знаний для практических занятий по русскому языку. Volk und Wissen: Berlin, 1992.
  4. Lamprecht, R.-R. Zur Anwendung des Funktionsbegriffs beim Aspekt (verneinte und nichtverneinte praeteritale Verbformen). In: Wiss. Ztschr. d. Päd. Hochsch. - Potsdam. 24(1980)2. - S. 321 - 327.
  5. Lamprecht, R.-R. Obligatorischer und synonymer Aspektgebrauch verneinter und nichtverneinter (vo.) Präteritalformen im modernen Russischen. In: Wiss. Ztschr. d. Päd. Hochsch. - Potsdam. 25(1981)2. - S. 265 - 276.
  6. Schlegel, H. Der aspektuale Bezugsmoment als linguistische Grundlage für die Beschreibung und Vermittlung des russischen Verbalaspekts. München: Otto Sagner, 2000.
  7. Костомаров, В.Г., Максимов, В.И. (ред.). Современный русский литературный язык. Москва: Гадарики, 2003.
  8. Шведова, Н.Ю, Лопатин, Н.Н. (ред.). Краткая русская грамматика. Москва: РАН, 2002.
  9. Шелякин, М.А. Справочник по русской грамматике. Москва: Русский язык, 2000.

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Letzte Aktualisierung: 13.01.2017 4:25 PM

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