RSG Allgemein - Grammatische Kategorien

Im vorliegenden Text wird vom morphologischen Standpunkt an die Behandlung grammatischer Kategorien herangegangen, d.h. von Kategorien in der Syntax abgesehen, die i.w.S. ja auch grammatische Kategorien darstellen.

Im Bereich der Morphologie sind die grammatischen Kategorien zunächst nach "oben" und "unten" abzugrenzen, d.h. von Klassen morphologisch gleichartiger Wörter einerseits und von einzelnen Wortformen andererseits. M.a.W., das Substantiv, Verb, Adjektiv stellen in dem vorliegenden Verständnis ebensowenig grammatische Kategorien dar, wie das Präteritum, der Genitiv, der Superlativ. Im erstgenannten Fall spricht man von Wortarten, im letztgenannten von Gliedern einer grammatischen Kategorie.

Als morphologische Kategorien werden in der russischen Tradition Systeme von korrelativen grammatischen Formen und Bedeutungen angesehen. Diese Systeme bestehen aus zwei oder mehr Gliedern, die sich durch ein oder mehrere Merkmale unterscheiden (distinktive Merkmale). Darüber hinaus besitzen alle Glieder einer morphologischen Kategorie ein gemeinsames (integrales) Merkmal, das auch als Gehalt der morphologischen Kategorie bezeichnet werden kann.

Als Beispiel sei der Verbalaspekt angeführt. Der Gehalt der Aspektkategorie besteht im Ausdruck der Differenzierung des Handlungsverlaufs. Beide Glieder der Aspektkategorie, der vo. und unvo. Aspekt, unterscheiden sich voneinander dadurch, wie sie diesen Ausdruck leisten. Der vo. Aspekt verfügt dazu über das distinktive Merkmal der Ganzheitlichkeit. Das bedeutet, dass jede vo. Aspektform, unabhängig davon, in welchem konkreten Kontext sie verwendet wird, ausdrückt, dass die bezeichnete Handlung als ganzheitliches Geschehen mit "Anfang", "Mitte" und "Abschluss" dargestellt/vorgestellt wird. Der unvo. Aspekt verfügt nicht über das Merkmal der Ganzheitlichkeit. Die Aspekttheorien - so sie den unvo. Aspekt als gleichberechtigtes Glied zum vo. Aspekt in Beziehung setzen - sprechen hier von "Nichtganzheitlichkeit". Tun sie das nicht, d.h. unterscheiden sie bei der Gegenüberstellung zwischen "markiertem", "starkem" und "nichtmarkiertem", "schwachem" Glied, sprechen sie davon, dass der vo. Aspekt als starkes Glied die Ganzheitlichkeit ausdrückt, der unvo. als schwaches Glied diese Bedeutung nicht ausdrückt.

Bei der Art, wie sich die Glieder einer morphologischen Kategorie gegenüberstehen, kann man zum einen feststellen, dass die Gegenüberstellung innerhalb eines Lexems vor sich geht, vgl. die Gegenüberstellung nach dem Kasus стол-ø, стол-а, стол-у... Dies wären die "reinen" morphologischen Kategorien, auch formbildende Kategorien genannt. Zum zweiten geht die Gegenüberstellung von Formen und Bedeutungen zwischen Lexemen vor sich, vgl. die Differenzierung innerhalb des Genus in Maskulina (z.B. cтул), Feminina (парта) und Neutra (кресло). Diese Kategorien werden auch klassifizierende K. genannt. Eine andere Bezeichnung ist "lexikalisch-grammatische Kategorien".

Mulisch, H. (Leiter des Autorenkollektivs).
Die Russische Sprache der Gegenwart. Bd. 2. Morphologie. Leipzig: Enzyklopädie, 1974. (HLB II)

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Letzte Aktualisierung: 29.04.2013 9:46 AM

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