Notationen in der Sprachwissenschaft (eine Besprechung der Ausführungen von Th. Bruns)

Th. Bruns gibt in seiner Einführung in die russische Sprachwissenschaft. Tübingen: Narr, 2007, S. 33 eine tabellarische Übersicht, die er "Notation nach der sprachlichen Beschreibungsebene" überschreibt. Eingeführt wird diese Übersicht durch die Sätze

    "Jede Ebene der Sprache und damit jeder spezifische Typ von sprachlichem Zeichen wird in wissenschaftlichen Texten auf eine unverwechselbare Art und Weise notiert. Klar voneinander zu trennen sind folgende Ebenen:" (ebenda).

Danach folgt die Übersicht, die sich folgendermaßen darstellt:


"zu bezeichnendes Element wird notiert
Phon (reiner Laut) in eckigen Klammern [ ] (phonetische Umschrift gemäß API/IPA/1)
Phonem (Laut mit seinen bedeutungsunterscheidenden Merkmalen) in Schrägstrichen / / (phonologische Umschrift)
Graphem (Buchstabe) in spitzen Klammern < > (reine Buchstabenfolge)
Morphem (kleinste bedeutungstragende Einheit des Wortes) in geschweiften { } (morphematische Umschrift)
Wortbeispiel in Kursivschrift oder unterstrichen (gemeint sind das Wort (signifiant) und seine Bedeutung (signifié))
Bedeutung / Übersetzung eines Beispiels in 'einfachen Anführungszeichen' (gemeint ist nur die Bedeutung(signifié))
nur benanntes Wirkliches in Normalschrift, recte ("chose réelle" bei SAUSSURE)
falsche oder rekonstruierte Form mit vorangestelltem * (Asterisk)
1Association Phonétique International bzw. International Phonetic Association"
Dazu wäre aus meiner Sicht Folgendes zu bemerken:
  1. Abgesehen davon, dass die Tabelle keine besondere Spalte "Ebenen" aufweist, sondern die beiden Spalten "zu bezeichnendes Element" und "wird notiert", ist offensichtlich, dass der Begriff "sprachliche Beschreibungsebene" Heterogenes bezeichnet. Zum einen erkennt man, dass damit Ebenen des Sprachsystems (Phonetik, Morphologie) gemeint sind. Zum zweiten wird versucht, damit die Differenzierung objekt- und metasprachlicher sowie quell- und zielsprachlicher Verwendungen von sprachlichen Einheiten zu erfassen ("Bedeutung"/"Übersetzung") – wobei die parallele Behandlung an sich bedenklich ist. Zum dritten werden semiologische Unterscheidungen ("nur benanntes Wirkliches" vs. "Wortbeispiel") bemüht. Unglücklich scheint schließlich auch, dass die beiden angebenen Funktionen des Asterisk, die miteinander nichts zu tun haben, nicht deutlich voneinander abgegrenzt werden, wobei auch hier die Verwendung des Begriffs "Ebene" uneinsichtig ist. Aus all diesen Gründen würde ich den genannten Begriff "sprachliche Beschreibungsebenen" nicht verwenden und von "Notation sprachlicher Einheiten" bzw. "Notation von sprachlichen Gegebenheiten" sprechen.

  2. Ich denke, dass der Grund für die Einführung besonderer Schreibkonventionen (Notationen) nicht darin zu suchen ist, dass es eine Korrelation von sprachlichen Ebenen und spezifischen Zeichen gibt, sondern zunächst und vor allen Dingen darin, dass die Sprachwissenschaft wie keine andere Wissenschaft in dem Dilemma steckt, dass ihr Untersuchungsobjekt gleichzeitig Beschreibungsmittel ist. Es muss also streng geschieden werden zwischen sprachlichen Äußerungen, die Ausgangspunkt linguistischer Betrachtung sind (Realisierungen in der Objektsprache), und der Beschreibung bzw. Interpretation dieser Äußerungen (Realisierungen in der/in einer Metasprache). Die Angelegenheit wird dadurch kompliziert, dass auch im nichtlinguistischen Diskurs nicht nur "in der Sprache", sondern auch "über die Sprache" geredet/geschrieben werden kann. Letzteres sollte man entweder als "Metakommunikation" bezeichnen ('sich in einem kommunikativen Austausch befinden und darüber/dazu reden bzw. schreiben') oder als "Extrakommunikation" ('sich nicht in dem kommunikativen Austausch befinden, über den man spricht oder schreibt'), um diese spezifische Verwendungsweisen zu benennen (zu den Begriffen s. Handbuch der Linguistik. Allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft. Zusammengestellt von H. Stammerjohann. München. Nymphenburger Verlagshandlung, 1975).

  3. Ohne den Anspruch darauf zu erheben, die Notationsfrage erschöpfend beantworten zu wollen, sei im Folgenden versucht, einzelne Erscheinungsformen zu charakterisieren.

    1. Die Unterscheidung von Objekt- und Metasprachlichem als Problem, das nicht auf die Linguistik begrenzt ist

      Dass man Objekt- und Metasprachliches auch außerhalb der Linguistik voneinander scheidet, ist jedem Sprachträger mehr oder weniger bewusst. Nehmen wir einmal an, ein deutscher Muttersprachler produziert die Laut- bzw. Schriftfolge:

      (1) *Ich benutze jetzt einmal das böse Wort Rotzlöffel. (Weil das Beispiel orthographisch inkorrekt ist, verwende ich das "Sternchen", den Asterisk.)

      Während im Mündlichen die Indikation des Unterschieds zwischen Objekt- und Metasprache über lexikalische Mittel und u.U. die Intonation realisiert wird, legen gängige Orthographie-Regeln im Schriftlichen die Verwendung von sog. Gänsefüßchen (von Anführungszeichen) nahe:

      (2) Ich benutze jetzt einmal das böse Wort "Rotzlöffel".

      Ob die Setzung der Anführungszeichen im Schriftlichen obsolet wird, wenn man einen Doppelpunkt setzt - was im Mündlichen einer (Mini-)Pause entspräche -, konnte mir mein DUDEN nicht sagen, vgl.:

      (3) Welche Schreibweise wäre richtig - Ich benutze jetzt einmal das böse Wort: Rotzlöffel. Oder: Ich benutze jetzt einmal das böse Wort: "Rotzlöffel"?

      Wenn der Linguist ein Beispiel bespricht, muss er verdeutlichen, dass es sich um einen Beleg handelt. Dies tut er gewöhnlich, wie eben gesehen, indem er den gesamten Ausdruck kursiv setzt, den er zum Gegenstand der Betrachtung nimmt, z.B.:

      (4) Interessant wäre zu untersuchen, ob und worin sich die folgenden Aussagen unterscheiden: (A) Ich benutze jetzt einmal das böse Wort "Rotzlöffel". (B) Ich benutze jetzt einmal das böse Wort: Rotzlöffel.

      Will man bei der Besprechung nun im entsprechenden Beispiel etwas hervorheben, benutzt man in deutschen Publikationen in der Regel die Unterstreichung, z.B.

      (5) Eine pejorative Bezeichnung wird in der Regel nicht ohne besondere Einführung verwendet, z.B. um zu signalisieren, dass man eine bestimmte Distanz zu seiner eigenen Aussage hat: Ich benutze jetzt einmal das böse Wort "Rotzlöffel".

      Die Unterstreichung kann auch einzelne Wörter, sogar nur Wortteile betreffen, vgl.

      (6) "Bei der vollständigen Kongruenz (полное согласование) liegt vollkommene Übereinstimmung in den Kategorien Kasus, Numerus und Genus vor (занимательное выступление), bei der partiellen Kongruenz (неполное согласование) werden nicht alle drei Kategorien angeglichen; so liegt bei река Дон nur Kongruenz in Kasus und Numerus, nicht jedoch im Genus vor, und bei Екатерина и Марина играли на скрипке wird formal nur die Numeruskongruenz ausgedrückt, während die feminine Genusmarkierung in der Verbalform des Plurals nicht zum Tragen kommt." (Th. Bruns, a.a.O., 147)

      Der vorstehende Beleg macht noch etwas Anderes deutlich. Die Kursivschrift kann auch zu anderen Zwecken als zur Kennzeichnung dessen verwendet werden, dass es sich um einen sprachlichen Beleg handelt. Dies hängt offensichtlich mit den Vorschriften des Verlags zusammen, wie z.B. Hervorhebungen einheitlich zu markieren sind. Dass diese Vorschriften zwischen Verlagen differieren, mag ein Auszug aus einer russischen Quelle belegen:

      (7) "Несогласованное определение, выраженное существительным в творительном падеже без предлога, встречается очень редко и называет признак предмета путем сравнения  (Он носит шляпу  к о т е л к о м) или признак по отношению к другому предмету (И дала мне пятак  с е р е б р о м. (П.)" Астафьева, Н.И., Наумович, А.Н. Современный русский язык. Словосочетание. Понятие о предложении. Типы предложений. Двусоставное предложение. Минск: Вышэйш. школа, 1975, 119.

      Da der russische Verlag offs. keine Unterstreichung zur Hervorhebung zulässt, erscheinen hier die Fettschrift sowie die Sperrung.

      Bliebe aus meiner Sicht noch etwas zur Verwendung der halben (einfachen) Anführungszeichen zu sagen. Nach üblicher Auslegung kommen sie zum Einsatz, wenn es sich um eine Anführung innerhalb einer Anführung handelt:

      (8) Саша сказал: "Сегодня в нашем кино показывают 'Летят журавли'".

      In linguistischen Arbeiten werden die halben Anführungszeichen darüber hinaus - wie von Bruns angeführt - in der semantischen Beschreibung von sprachlichen Einheiten zur Kennzeichnung ihrer Bedeutung verwendet. Wenn ich einmal das Beispiel Rotzlöffel nehme und darauf die Erklärung in Wikipedia von verwende, ergibt das z.B. folgende Aussage:

      (9) Nach Wikipedia (Rotzlöffel. <http://de.wikipedia.org/wiki/Rotzlöffel>. Letzter Besuch: 02.09.09) hat Rotzlöffel die Bedeutung "... 'eine Person, meistens ein Kind oder Jugendlicher, die frech, dreist, arrogant und unbelehrbar auftritt, aber auch wehleidig, widerspenstig und weinerlich'".

      Ich komme somit zu einem ersten Fazit.

      Besondere Schreibweisen (Notationen), um linguistisch relevante Sachverhalte zu kennzeichnen, sind nicht nur Bestandteil der Fachsprache der Linguistik, sondern auch der Allgemeinsprache. Diese Schreibweisen (Notationen) können mit der in der Fachsprache der Linguistik zusammenfallen, müssen es aber nicht. Auf die Realisierung der Schreibweisen haben die Verlage Einfluss, indem sie vorgeben, wie metasprachliche Gegebenheiten umzusetzen sind.

    2. Die Unterscheidung von Objekt- und Metasprachlichem als Problem, das auf die Linguistik begrenzt ist

      Die Linguistik ist in der Pflicht, ihre Aussagen begrifflich eindeutig, und zwar in Termini, zu fixieren. Das generelle Problem, das dabei auftritt, ist, dass diese Termini selbst Bestandteil einer entsprechenden Theorie sind. Gibt es nebeneinander existierende theoretische Ansätze, kann es vorkommen, dass für ein und dieselbe Erscheinung mehrere Termini Verwendung finden. Falls die erfassten Erscheinungen deckungsgleich sind, kann man u.U. beide Termini ohne Folgen parallel benutzen, obwohl man dann streng genommen zwei oder mehr Ansätze miteinander vermischt. Sind die Erscheinungen nicht deckungsgleich, besteht die Gefahr, dass ungenaue, missverständliche, vielleicht auch falsche Aussagen getroffen werden.

    Zumindest missverständlich ist in der o.a. Tabelle von Th. Bruns die Erklärung des Phons als "reiner Laut". Um diese Behauptung zu belegen, muss ich etwas weiter ausholen und einige Positionen aus der "Lautlehre" darstellen und diskutieren, wie die Phonetik i.w.S auch vortheoretisch genannt wird.

    In der Phonetik/Phonologie ist es notwendig, den Laut als Bestandteil einer linguistischen Betrachtung zu kennzeichnen. Es geht in dieser Sicht nicht um den Laut als sinnlich wahrnehmbare Entität, wie es z.B. das umgangssprachliche "gib einmal Laut" nahelegt.
    Um die linguistische von der alltagssprachlichen Perspektive zu scheiden, gibt es m.E. zwei Möglichkeiten. Die erste wäre: Man reserviert den Terminus "Laut" für die konkreten, singulären Erscheinungsformen, wie sie in der alltäglichen Kommunikation vorkommen und benutzt für die linguistische Beschreibung spezialisierte Begriffe, wie "Phon", "Phonemvariante", "Allophon", "Phonem", "Archiphonem", "Hyperphonem". "Laute" wären somit keine Einheit der Linguistik. Diese Variante kann wohl nur als hypothetisch angesehen werden, allein schon deshalb, weil korrekte Lautbildungen, die z.B. im Fremdsprachenunterricht lehrbar gemacht werden, entsprechende Beschreibungen voraussetzen. Diese Beschreibungen können nicht bei der Deskription akustisch-artikulatorischer Regularitäten stehen bleiben, sondern müssen so oder so auf die Produktion und Rezeption lingistisch relevanter Merkmale Bezug nehmen.
    Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass man zwei Arten von Lauten zulässt - solche, die konkret und singulär sind, und solche, die wiederholbar und generalisierbar sind. Dadurch bekommt das Wort "Laut" eine Mehrdeutigkeit. Ihre Vereindeutigung wird in russischen Quellen damit versucht zu erreichen, dass zwischen "звуки речи" ('Laute der parole' nach deSaussure) und "звуки языка" ('Laute der langue') terminologisch getrennt wird. Vgl.:
    "Различают звуки речи и звуки языка. З  в  у  к    р е ч и  - это конкретный звук, произнесенный конкретным лицом в конкретном случае. Обычно нельзя воспроизвести в точноcти один и тот же звук - это будет уже другой звук речи. Можно это сделать только при помоши идеального магнитофона или лазерного плейера. Звук речи - точка в артикуляционном и акустическом пространстве.
    З в у к  я з ы к а  - это множество звуков речи, близких друг другу в артикуляционно-акустическом отношении, определяемых говорящими как тождество. Звук языка - это звуковой тип, эталон звука, существующий в языковом сознании говорящих. Как и всякое множество, звук языка уже не конкретный звук, а абстракция." (Современный русский язык. Теория. Анализ языковых единиц: учебник для студ. высш. заведений. В 2 ч. Ч. 1. Фонетика и орфоэпия. Графика и орфография. Лексикология. Фразеология. Лексикография. Морфемика. Словообразование/ [Е.И. Диброва, Л.Л. Касаткин, Н.А. Николина, И.И. Щеболева]; под ред. Е.И. Дибровой. - 2-ое изд. испр. и доп.. - М.: Издательский центр "Академия", 2006, 74).

    Die Frage ist nun, was ist das "Phon"? Ist es der "Laut der Rede" (звук речи) oder der "Laut der Sprache" (звук языка, der langue)?

    Legt man die angeführten Bestimmungen zugrunde, wäre es der "Laut der Sprache". Bruns ordnet es allerdings beiden linguistischen Kategorisierungen zu: "Das Phon (фон) als zentrale Untersuchungseinheit der Phonetik wird definiert als kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der Sprache, die noch nicht klassifiziert ist. Es ist wahrnehmbar und daher eine konkrete Einheit der parole. Gleichzeitig ist es die Realisierung eines Phonems als abstrakte Einheit der langue." (a.a.O., 56)

    Ähnlich scheint zunächst die folgende Einordnung zu sein: "Der Ausdruck 'Phon' ist mehrdeutig. Er bezeichnet zum einen
    - ein durch einen konkreten Sprecher verursachtes konkretes raumzeitliches Schallereignis (eine konkrete Lautäußerung)
    - und zum anderen ein abstraktes Schallmuster (Schallform) (eine abstrakte Lauteinheit (Lautform))" - Phon (Linguistik). <http://de.wikipedia.org/wiki/Phon_(Linguistik)>. Letzter Besuch: 08.09.09.

    Der wesentliche Unterschied liegt m.E. aber darin, dass Bruns einen Zusammenfall des konkreten raumzeitlichen Schallereignisses (der "konkreten Lautäußerung") mit dem abstrakten Schallmuster (mit der "abstrakten Lauteinheit") konstatiert.
    Die andere Quelle trennt beides voneinander. Dabei wird (ebenda) unter Bezug auf Ritter, Phonetik und Phonologie, in: Volmert (Hrsg.), Grundkurs Sprachwissenschaft, 5. Aufl. (2005), S. 60 argumentiert: "Der Schritt der Zuordnung eines Schallereignisses zu einem bestimmten Phon durch den Phonetiker ist 'eine gehörige Abstraktionsleistung'." Und unter Bezug auf Brandt/Dietrich/Schön, Sprachwissenschaft, 2. Aufl. (2006), S. 247: "Das Phon ist 'bereits eine erste Abstraktion vom konkreten Klangereignis'.

    Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Wenn man - wie Bruns es tut - das Phon als reinen Laut erklärt, könnte man diese Einheit mehr als konkretes Schallereignis, denn als abstraktes Schallmuster verstehen. Dies wäre dann die Quelle von Missverständnissen.
    Es sei nicht bestritten, dass man gewissermaßen eine Kette mit aufsteigender Abstraktion aufmachen könnte, und zwar "nichtklassifizierter Laut" - "klassifizierter Laut/Lautmuster" - "Varianten von Lautmustern" - Invarianten von Lautmustern" und entsprechend von "Laut" - "Phon" - "Allophon"/"Phonemvariante" - "Phonem" sprechen könnte. Ob dies aber einer eingehenden Diskussion standhält, müsste geprüft werden.

  4. Schließlich sei ein letzter Einwand gegen die angeführte Übersicht erhoben werden. Im Kern geht es darum, dass zwischen den sprachlichen Einheiten Beziehungen bzw. Korrelationen bestehen. Vortheoretisch (nichtterminologisch) gesprochen kann man zum einen Laute und Buchstaben zueinander in Beziehung setzen, zum zweiten Wortbestandteile verschiedenen Ausmaßes zu anderen Wortbestandteilen, zum dritten Wörter zu Wörtern, zum vierten Wortgruppen zu Wortgruppen und zum fünften Sätze zu Sätzen. Abgesehen von der ersten Korrelation, die spezifischer Natur ist, steckt hinter den anderen ein strukturalistischer Grundgedanken: linguistische Einheiten höherer Ordnung werden aus Einheiten niedriger Ordnung gebildet, z.B.: Phoneme sind die Bestandteile von Silben und Morphemen; Wörter (sofern man sie nicht als Spezialfall von Morphemen behandelt) werden aus Morphemen gebildet; Wörter bilden Fügungen von Wörtern (Wortgruppen); der Satz ist ein Gefüge von Wortgruppen und der Text ein Gefüge von Sätzen.
    Es ist unstrittig, dass in einer Einführung, wie der vorliegenden, und dann noch unter dem Gesichtspunkt "Notationen" nicht alle diese Korrelationen berücksichtigt werden können, zumal nicht in jedem Fall spezifische Schreibweisen vereinbart wurden. Aber wenn man schon "Phon" und "Phonem" einführt, später in anderen Kapiteln zudem "Phonemvarianten" behandelt und den Begriff "Allophon" benutzt, sollte man in der tabellarische Übersicht diese Einheiten auch entsprechend der phonetischen und der phonematischen Umschrift zuordnen. Geht man eine Stufe "höher", ergeben sich folgende Schwierigkeiten: da Phonemsequenzen als Ausgangspunkte für die Bestimmung von Morphen genommen werden, erscheinen diese auch in phonematischer Umschrift. Aus Morphen gewinnt man nach strukturalistischer Forschungslogik Allomorphe, die Grundlage für die Bestimmung von Morphemen sind. Wenn Morpheme, wie in der Übersicht gesagt, durch eine morphematische Umschrift dargestellt werden, wie stellt man dann Allomorphe dar? Schaut man in Standardwerke und Lehrbücher der Russistik, kommt hinzu, dass die morphematische Umschrift bei Morphem- und Wortbildungsanalysen des Russischen gar nicht verwendet wird. Dahingegen findet man fast in allen Fällen die spezifische Markierung der Morphemtypen durch grafische Symbole, die Bruns weiter hinten erklärt.

    Sehr unglücklich finde ich auch, dass als Elemente, die durch den Einschluss in spitze Klammern gekennzeichnet werden, Graphem und Buchstabe angegeben werden. Wenn in der "Nachbarschaft" die Unterscheidung von "Laut" - "Phon" - "Phonemvaríante" - "Allophon" - "Phonem" getroffen wird, so müsste man sicherlich auch zumindest "Buchstabe", "Allograph" und "Graphem" voneinander differenzieren. Es könnte auch sein, dass auch andere Konventionen zur Kennzeichnung von Graphemen größere Geltung haben. Z.B. benutzt man in "Die russische Sprache der Gegenwart", hrsg. v. K. Gabka. Bd 1. Leipzig 1988 runde Klammern zur Markierung von Graphemen.

  5. Alles in allem kann man die angeführte Übersicht wegen der angeführten Gründe nicht als gelungen bezeichnen. Vielleicht wäre an dieser Stelle keine Darstellung mit zweifelhaftem theoretischem Hintergrund angeraten, sondern eine illustrativ-exemplarische, z.B.:
    In der Sprachwissenschaft, die in besonderer Weise damit zu tun hat, dass bei ihr Gegenstand (die Sprache) mit dem Beschreibungsmittel zusammenfällt (das Mittel ist auch "Sprache"), haben sich spezifische Schreibweisen (Notationen) zur Kennzeichnung eingebürgert. Zum Beispiel werden Laute und Lautmuster (Phone, Phonemvarianten - s.S. ...) in eckige Klammern gesetzt - играет erscheint also als [ɩgraĭɩt]. Diese Umschrift heißt "phonetische Transkription". Von ihr muss man die "phonologische Transkription" unterscheiden, die in Schrägstriche gesetzt wird und in der entsprechende Phoneme notiert werden - Invarianten, von denen in dieser Position alle Varianten abgeleitet werden können: /igrajot/.
    ...

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Letzte Aktualisierung: 29.03.2012 7:28 PM