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Einführung in die Russistik

Kurzer Abriß Geschichte der (russischen) Sprachwissenschaft (Fragment)

x.1. Der Anfang der Geschichte der russischen Sprachwissenschaft wird gewöhnlich mit dem Namen Michail Vasil'evich Lomonosov (1711 - 1765) in Verbindung gebracht. Man sollte aber auch solche Forscher, wie Maksim Grek (ca. 1480 - 1556), Ivan Fedorov (1525 - 1583), Meletij Gerasimovich Smotrickij (ca. 1578 - 1633), Genrich Ludolf (1655 - 1712), Ivan Semenovich Gorlickij (1688 - 1777), Vasilij Evdokimomich Adodurov (1709 - 1778 bzw. 1780), Vasilij Kirillovich Trednakovskij (1703 - 1768), Aleksandr Petrovich Sumarokov (1717 - 1777) in ihrem Beitrag zur Herausbildung der russischen Sprachwissenschaft nicht vergessen (s. Berezin, F.M., Istorija russkogo jazykoznanija. Vysshaja skola: Moskva 1979).
Von einer generellen linguistischen Strömung, die sich nicht nur in Rußland, sondern auch in Europa zeigte, kann man allerdings erst im 19. Jahrhundert sprechen. Sie hat die Bezeichnung Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft erfahren. Als prägende Vertreter dieser Richtung werden vor allem genannt: der Däne R. Rask (1787 - 1832), die Deutschen F. Bopp (1797 - 1867), J. Grimm (1785 - 1863), F. Dietz (1794 - 1876), A. Pott (1802 - 1887), der Russe A.Ch. Vostokov (1781 - 1864) der Tscheche J. Dobrovskij (1753 - 1829), der Slowake P.J. Schafarik (1795 - 1861) - s. z.B. Filin, F.P. (Hrsg.), Russkij jazyk. Enciklopedija. Sovetskaja enciklopedija: Moskva 1979, 328.

In einer subsumierenden, äußerst vergröbernden Annäherung kann davon gesprochen werden, daß diese Richtung es sich zur Aufgabe gemacht hat, Sprachzustände innnerhalb einer "Nationalsprache" sowohl im historischen Schnitt zu beschreiben als auch ihre Formierung unter dem Einfluß anderer Sprachen aufzuzeigen, genetische Zusammenhänge zwischen verwandten Sprachen aufzudecken.

Die historisch-vergleichende Sprachbetrachtung hat ein stark deskriptives Moment, das in der methodologischen Sicht immer wieder auf Taxonomien hinausläuft (verstanden als Einordnungen in "Systeme" auf der Grundlage von Beschreibungen und Vergleichen entsprechender sprachlicher Formen). Diese Grundhaltung sei ausdrücklich gewürdigt und nicht vordergründig negativ - weil angeblich "vortheoretisch" - verurteilt. Man kann so manchem "Linguisten" der Neuzeit nur wünschen, daß er in annähernder Weise historische, vor allem kulturgeschichtliche Kenntnisse mit einer akribischen Arbeitsweise in Verbindung bringen kann [Philologieproblem].

x.2. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft als Strömung in der Linguistik im allgemeinen ist nie "abgelöst" oder durch andere Strömungen von der Bildfläche "verdrängt" worden. Die Entstehung anderer - zumeist auf längere Sicht vorherrschender - Richtungen ist nicht primär im Zusammenhang mit Defiziten zu sehen, die der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft inhärent sind und die ihr "Überleben" damit nicht erlaubten. Die angezeigte "Abwendung" von historisch-vergleichenden Untersuchungen hin zu anderen ist vielmehr der allgemeinen Entwicklung in der Wissenschaft geschuldet, im Ver-laufe derer vor allem der System-/Strukturgedanke in den Mittelpunkt des theoretischen Interesses gerückt wurde.

x.3. Die Einführung des System-/Strukturgedankens in die Linguistik wird dem schweizerischen Philosophen F.de Saussure zugeschrieben, dessen Ansichten - vorgetragen in Vorlesungen an der Universität von Lausanne - von seinen Schülern Ch. Bally und A. Sechehaye editiert wurden (de Saussure, F. Cours de Linguistique Generale. Hrsg. v. Ch. Bally und A. Sechehaye. Paris/Lausanne 1916). Die Art der Bekanntmachung der Öffentlichkeit mit den Gedanken de Saussures, vor allem durch wen (Bally und Sechehaye gelten schließlich als Linguisten mit eigenen Ideen), waren hin und wieder Gegenstand von Zweifeln über die Urheberschaft bestimmter Unterscheidungen, Positionen u.a. Dies alles vernachlässigend, kann man wohl bestimmte Leitideen beschreiben, die seit de Saussure als eingeführt gelten und die zum einen für lange Zeit in der Linguistik als dominant anzusehen sind und die zum zweiten ihre Gültigkeit in einer bestimmten Relativität bis auf den heutigen Tag nicht verloren haben.
Stützt man sich auf G. Helbig (Helbig, G. Geschichte der neueren Sprach-wissenschaft. Unter dem besonderen Aspekt der Grammatik-Theorie. Bibliographisches Institut: Leipzig 1973, 33ff.), könnte man als wesentliche Gedanken, die die weitere Entwicklung der Sprachwissenschaft im ganzen bestimmt haben, ansehen:

  • den Gedanken der Systemhaftigkeit der Sprache (System von Zeichen), der sich in den Unterscheidungen von "langue", "parole" und "langage" differenziert bzw. konkretisiert;
  • den Gedanken der strikten Unterscheidung von synchronischer und diachronischer Sprachwissenschaft;
  • den Gedanken der Bilateralität von Zeichen sowie
  • den Gedanken, daß die Sprache ein immanentes Relationssystem bilde.

x.4. Die Gedanken de Saussures sind in der Geschichtsschreibung der Sprachwissenschaft unter dem Gesichtspunkt der "Strukturellen Linguistik" immer wieder mit weiteren Strömungen ("Schulen") verbunden worden. Als chrestomatisch erweist sich dabei die Einteilung in die sog. Prager Schule, die sog. Kopenhager Schule, die des amerikanischen Deskriptivismus.

Inhaltlich, d.h. vor allem mit Blick auf die bleibenden Ideen, Kategorisierungen, Begriffe u.a., sollte man folgendes als ungefähre Darstellung wagen:

(a) Die sog. Prager Schule geht auf den 1926 gegründeten Cercle Linguistique de Prague zurück, dem die Einheimischen Mathesius, Havranek, Trnka, Skalicka u.a., aber auch die Russen N.S. Trubetzkoy und R. Jakobson angehörten.

Wenn man so will, ist von den Linguisten des Prager Zirkels vor allem der Funktionsgedanke in die Sprachwissenschaft eingebracht worden. Dieser Funktionsgedanken hat sowohl bei der erstmaligen Ausarbeitung der Phonologie durch Trubetzkoy als auch der Entwicklung der Theorie der binären Oppositionen inbezug auf morphologische Erscheinungen durch Jakobson wie auch bei der Konzeptionierung der funktionalen Satzperspektive durch Mathesius als auch der funktionalen Stilistik eine tragende Rolle gespielt und ist heute Allgemeingut der Linguistik geworden.

(b) Bei der sog. Kopenhagener Schule, die sich seit 1933 vor allem mit den Namen L. Hjelmslev und V. Brondal verbindet und die auch unter der Bezeichnung "Glossematik" in der Geschichtsschreibung der Linguistik geführt wird, stand zunächst die Übertragung der "phonologischen" Methode auf die inhaltliche Seite der Sprache im Vordergrund. Aus diesen Bestrebungen erwuchs z.B. die Einteilung in vier "Strata" (Phonetik, Phonologie, Grammatik, Semantik), die sich mühelos in der gängigen Unterscheidung von Phonetik, Grammatik (Syntax, Morphologie) und Lexik(ologie) als Ebenen der Sprache sowie als Teildisziplinen der Sprachwissenschaft wiederfinden läßt. Hervorhebenswert scheint bei der Glossematik des weiteren, daß in ihr der Funktionsbegriff zum ersten Mal in der Linguistik auch im strengen mathematischen Sinne - als Relation - gehandhabt wurde. Alles in allem könnte diese Strömung innerhalb der strukturellen Linguistik als die erste angesehen werden, die sich konsequent um eine Theorie bemüht, dabei der logischen Stringenz besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat.

x.5. amerikanischer Deskriptivismus; Bloomfield, Fries, Harris
x.6. Generative Transformationsgrammatik; Kompetenz und Performanz; idealer Sprecher und Hörer; Oberflächen- und Tiefenstrukturen; Entwicklungsetappen
x.7. Language Philosophy, Ordinary Language Philosophy; Austin, Searle; illokutiver, lokutiver, perlokutiver Akt; Kommunikation als regelgeleitetes Verhalten, Bedingungen für das Glücken von Sprechakten; Pragmatik: Grice - Gesprächsmaximen
x.8. Sowjetische Tätigkeitstheorie; Vygotskij, Lurija, Zinkin, Sokolov, Leont'ev A.N., A.A.; Tätigkeit - Handlung - Operation
x.9. Kognitive Psychologie, Künstliche Intelligenz, Computerlinguistik

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[Letzte Aktualisierung: 16.04.2006 18:45 ]