Universität Potsdam

Institut für Slavistik


Vorlesung "Diskursanalyse (am Beispiel der russischen, polnischen und tschechischen Gespräche der Alltagssprache)"


Die Distinktion konstativ vs. performativ

Ich möchte zunächst einige wichtige Begrifflichkeiten einführen, die für das allgemeine Verständnis der späteren Ausführungen zur "Bewertung als Sprachhandlung" eine unbedingte Voraussetzung bilden.

1. Die erste wichtige Dichotomie in der SA-Theorie Austins ist das Paar performativ vs. konstativ.

Zunächst möchte ich kurz auf den sprachphilosophischen "background" zu sprechen kommen, der den Ausgangspunkt dieser Unterscheidung bildet:

Seit GOTTLOB FREGELS (1892) Unterscheidung von Sinn und Bedeutung einer Aussage wird die Bedeutung einer Satzaussage durch den Wahrheitswert bestimmt:

Der Satz: "Die Katze ist kleiner als die Maus." stimmt entweder mit der Wirklichkeit überein, und ergo der Satz ist wahr oder nicht und ergo der Satz ist falsch:

Ich zitiere: "So werden wir dahin gedrängt, den Wahrheitswert eines Satzes als seine Bedeutung anzuerkennen. Ich verstehe unter dem Wahrheitswert eines Satzes den Umstand, daß er war oder falsch ist. Weitere Wahrheitswerte gibt es nicht." (Zitiert nach der Ausgabe von G. PATZIG (ed.), Funktion, Begriff, Bedeutung. Göttingen 1969, S. 48.)

Problematisch an dieser Bestimmung ist die Tatsache, daß von dieser Definition nur die assertorischen Sätze erfaßt werden. Diese logisch-positivistische Satzbedeutungstheorie betrifft ausschließlich Sätze mit dem Modus der "Assertion", d. h. Aussagen, Behauptungen, Beschreibungen etc. oder eben Propositionen, die ohne Modus sind. Insofern werden auch Fragen bzw. Befehle aus dem Begriff ausgeklammert.

Interessierte sich der Logische Positivismus (z. B. Wiener Kreis um Wittgenstein) nur für Sätze, die die Aussagen (Assertionen) beinhalten, so interessierten J. L. AUSTIN gerade die nicht-assertorischen Sätze. Er "persiflierte" den logisch-positivistischen "statemental-approach" - auch bekannt in der deutschen SA-Forschung unter dem Begriff "deskriptiver Fehlschluß" mit folgenden Worten:

"Natürlich waren es die Philosophen gewohnt so zu reden, als ginge ich oder irgend jemand anderer herum und sagte alles über alles aus, und das wäre vollkommen in Ordnung, und es gäbe nur die kleine Frage: ist das wahr oder falsch." (Zitiert nach BRAUROTH/SEYFERT et al. (ed.), Performative Utterences, in: Phil. Papers 236, 1978, S. 138.)

Selbstverständlich war es schon immer bekannt, daß es neben Assertionen (w/f) auch nicht-assertorische Sätze in natürlichen Sprachen gibt.

Aufgabe 1

Novum an der Austinschen Feststellung ist, daß auch ein großer Teil der Sätze im Präsens Indikativ keine Assertionen (Aussagen) in dem Sinne darstellen, daß sie etwas beschreiben, berichten oder behaupten. Vielmehr stellt ihre Lokution (Äußerung) ein HANDELN dar, und Handlungen kann man nicht als wahr (w) oder falsch (f) klassifizieren.

Sätze dieser Klasse sind z. B.:

(1) Ich taufe dieses Schiff auf den Namen "Queen Elizabeth".
(2) Ich vermache meine Uhr meinem Bruder.
(3) Ich wette einen Fünfziger, daß es morgen regnet.

Mit den Äußerungen der Sätze (1) bis (3) beschreibt man nicht etwa, was man tut (nämlich "taufen", "eine Uhr vermachen", "wetten"), man macht auch keinen "Bericht" über Schiffstaufen, Geschenke oder Wetten; es handelt sich bei (1) bis (3)auch um keine "Feststellung" (man kann z. B. nicht mit "Das ist nicht wahr" darauf reagieren). Die Äußerung der Sätze (1) bis (3) stellt die Handlung selbst dar, denn mit ihrer Äußerung führt man gewissermaßen die Handlung aus. In dieser Hinsicht sind diese Äußerungen verschieden von den Äußerungen (4) bis (6):

(4) Ich fahre mit der "Queen Elizabeth".
(5) Ich blicke auf meine Uhr.
(6) Ich habe einen Fünfziger bei mir.

Aufgabe 2

Sätze des Typs (1) bis (3) wollen wir fortan als performative Sätze bzw. Äußerungen bezeichnen, da man mit ihnen zugleich eine Handlung (performance) ausführt.

Sätze des Typs (4) bis (6) werden zunächst als konstative Sätze bzw. konstative Äußerungen bezeichnet (im Anschluß an Austin).

Die beiden Typen von Äußerungn lassen sich durch folgendes Merkmalbündel (vorläufig) charakterisieren:

(7)

Wahrheitswert
Vollzug der Handlung
performative Äußerungen
-
+
konstative Äußerungen
+
-

Um präzise zu sein, sollten wir den Begriff "Satz" vermeiden, denn Sätze selbst können nicht wahr oder falsch sein, insbesondere wenn sie anaphorische oder deiktische Formen nicht enthalten. Der Satz

(5) Ich blicke auf meine Uhr.

Ist nicht verifizierbar, da aus der Form des Satzes nicht hervorgeht, auf welchen empirischen Tatbestand er sich bezieht, z. B.: wer ist der "Ich" dieses Satzes, wann (zu welchem Zeitpunkt) gilt die Aussage (5).

Man sollte daher bei den konstativen "Sätzen" des Typs (4) bis (6) lieber von "Äußerungen" sprechen, wie dies auch Austin getan hat, bzw. von Sprechakten, obwohl es natürlich auch Sätze gibt, deren Wahrheitswert unabhängig von der Äußerungssituation (Deixis) ist, z. B. generische, universelle, definitorische, deontische oder logische Sätze des Typs (8) bis (14).

(8) Die Zahl "3" ist eine Primzahl. (w)
(9) Der Mond besteht aus grünem Käse. (f)
(10) poln.: W Anglii jezdzi sie lewa strona ulicy. "In England fährt man links." (w)
(11) russ.: Jaguary v Juznoj Amerike vymirajut. "Der Jaguar (gen. prox.) stirbt in Südamerika aus." (w)
(12) russ.: Cypljat po oseni scitajut. "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben." (?)
(13) cech.: Na zacatku vety se pise velke pismeno. "Am Satzanfang schreibt man (gen. univ.) groß." (w)
(14) cech.: Zakony musi byt dodrzovany (vsemi). "Gesetze müssen (von allen/generell) befolgt werden." (w)

Der Satz "Der Mond besteht aus grünem Käse" ist nur insofern ohne Kontext als wahr oder falsch zu beurteilen, insofern man weiß, worauf sich das Nomen "Mond" bezieht, d. h. auf welches Objekt der außersprachlichen Wirklichkeit es sich konkret bezieht worauf es "referiert". Ich will dies anhand der folgenden Skizze zeigen:

Mond1 = Begleiter der Erde, d. h. Satz (9a) ist falsch
Mond2 = Attrappe (Nachbildung) vielleicht als Werbegag der Lebensmittelbranche , d. h. Satz (9b) ist wahr.

Daraus folgt: die pragmatisch ausgerichtete Satzanalyse untersucht die Satzsemantik gerade im HANDLUNGSKONTEXT! Ihre kleinste Einheit ist die Äußerung, nicht aber der isolierte Satz oder das isolierte Wort.

Für uns ist die Erkenntnis wichtig, daß eine semantische Theorie, die pragmatische Faktoren wie Weltwissen der Kommunikationspartner einbezieht, den Bereich der Erkenntnistheorie, der sogenannten "ordinary language philosophy" berührt und in die von Hintikka begründete Richtung der "Semantik der möglichen Welten" mündet. Austin nennt Äußerungen wie "Ich taufe dieses Schiff auf den Namen "Queen Elizabeth"." performative Äußerungen (aus engl. perform = handeln, vollziehen). Performative Äußerungen sind solche, mittels denen man Handlungen vollzieht oder vollbringt. Die Unterscheidung zwischen performativ - konstativ bestimmt Austin als "die Unterscheidung zwischen Tun und Sagen" (Austin, Theorie: 63).

Handlungen, die mit Hilfe von performativen Äußerungen vollzogen werden können, kann man auch non-verbal vollbringen. Statt zu sagen: "Hiermit schenke ich Dir eine Mark", kann man die Handlung so ausführen (z. B. die Mark in die Hand des Dialogpartners drücken).

Performative Äußerungen erfordern immer auch die Reaktion des Hörers. Wenn man z. B. jemandem eine Mark schenkt, zieht dieser Akt der Schenkung nicht nur Besitzerwechsel nach sich, sondern setzt voraus, daß der Beschenkte die Mark annimmt! Tut er das - aus welchen Gründen auch immer - nicht, dann ist zwar meine Äußerung "Ich schenke Dir eine Mark" nicht "Falsch" (also keine konstative Äußerung), aber da die Handlung nicht zustandegekommen ist, sie "verunglückt" ("unhappy", wie Austin das nennt).

Performative Sprechakte können, wie alle anderen Handlungen auch, glücken oder mißlingen.

Dem "Wahrheitskriterium" der konstativen Äußerungen entspricht das "Erfolgskriterium" der performativen Äußerungen.

Zu fragen wäre hier, wie die Struktur des Gelingens oder Mißlingens eines SAs von Austin im einzelnen klassifiziert werden. Die Lehre von den "Unglücksfällen" (infelicities) bestimmt diese Determinanten, die den Handlungscharakter der Äußerungen verbürgen.

Ich will diese Unglücksfälle hier zunächst noch ausklammern. Wichtiger erscheint mir die Unterscheidung zwischen expliziten performativen Äußerungen des Typs:

(1) // "Hiermit spreche ich Dir ein Lob aus."

Und den primären performativen Äußerungen wie:

(2) // "Das hast Du schön gemacht."

Beide Sätze bzw. Äußerungen stellen den Sprechakt (performative Äußerung) des "Lobes" dar.

Aber im ersten Satz steht die sogenannte performative Formel obligatorisch als Form 1. Ps. Sg./Pl. Präsens Indikativ Aktiv von einem Handlungsverb wie LOBEN, TADELN, TAUFEN, WETTEN etc. und durch das Modalwort "hiermit", "hierdurch" modifiziert werden. Die performative Formel verdeutlicht den Handlungscharakter durch das Benennen der Handlung direkte Handlungsreferenz. Steht das performative Verb dagegen nicht im Präsens und/oder nicht in der 1. Ps., dann bedeutet seine Verwendung nicht gleichzeitig den Handlungsvollzug selber, sondern einen bloßen Bericht über eine Handlung, z. B.:

(1) a. "Damals habe ich ihn gelobt."
(1) b. "An Pfingsten wurde Anja getauft."

Diese Äußerungen (1a-b) sind verifizierbar oder falsifizierbar, also wahrheitsfähig/bzw. wahrheitswertfähig, und somit als konstative Äußerungen zu bezeichnen!

Die sogenannten Handlungsäußerungen enthalten keine performative Formel. Sie gelten daher als primär, weil Austin der Überzeugung ist, daß die expliziten die implizit-primären voraussetzen!


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[ Letzte Aktualisierung 21.04.1997 M. Unger]