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Tschechowsche Erzählungen aus literaturwissenschaftlicher und sprachwissenschaftlicher Perspektive

Fragen an ein vorfindliches Textexemplar aus literatuwissenschaftlicher Sicht. Text und Gattung. (Sitzung 11.04.bzw. 18.04.02)


Literaturwissenschaft = Textwissenschaft
Verständnis der Literaturwissenschaft als Textwissenschaft entwickelte sich v. a. im 20. Jahrhundert. Gegenstand der Literaturwissenschaft sind schriftlich fixierte Texte. Jedoch sind nicht alle Texte Literatur. Deshalb stellt sich die Frage: Was ist Literatur, was ist ein literarischer Text?
Der Versuch, diese Frage zu beantworten, führte zur Entwicklung verschiedener theoretischer Ansätze in der Literaturwissenschaft. Zwei werden im Seminar, abgeleitet von den Studenten vorliegenden Textbeispielen, vorgestellt:

Literatur = Fiktion
René Wellek und Austin Warren diskutierten 1955 die Frage des Wesens von Literatur. Dieses Wesen erschien ihnen am klarsten im Bezug der Literatur zur Wirklichkeit. In der Literatur wird Bezug genommen auf eine Welt der Einbildung, der Illusion, so dass als Haupteigenschaft der Literatur, ihr Bezug zur Wirklichkeit, der "Schein" genannt werden kann.
Auch Käte Hamburger (1957 und 1968) hält fest, dass die erzählerische Fiktion Nicht-Wirklichkeit, den "Schein, die Illusion von Wirklichkeit" erzeugt.
In Anlehnung an Käte Hamburger und mit Bezug auf Robert Musil spricht Jochen Vogt (1990) vom fiktiven Erzählen als eine Art "Parallelaktion" zur Wirklichkeit; die Elemente der Wirklichkeit wie Daten, Fakten, Orte, Personen etc. sind "Bausteine eines Gebäudes, das als Ganzes [...] in einer imaginären Parallelwelt steht".
Wolfgang Iser (1993) schließlich sieht die Literatur als "organiserte[n] Verbund von Fiktivem und Imaginärem, aus dem Literatur allererst entsteht und daher ihre mediale Abgrenzung ermöglicht [...]."
Das Problem, Literatur mit Fiktion gleichzusetzen, scheint nun weniger in einer Abgrenzung des Fiktiven vom Faktischen zu bestehen, als vielmehr darin, dass mit diesem Konzept die Gattung der Lyrik aus dem Spektrum der Literatur ausgeschlossen bleibt. (Auch Iser bezieht sich "nur" auf die erzählerische und dramatische Kunst.)

Literatur = spezifische Art der Sprachverwendung
Im 20. Jahrhundert fand diese Auffassung große Verbreitung durch Formalismus und Strukturalismus.
Die spezifische Art der Sprachverwendung als Abweichung, die sich durch "Verfahren" (Verfremdung) vollzieht, wurde von den Formalisten formuliert. Als problem zeigte sich hier die Abgrenzung von "poetischer Sprache" und "Normalsprache", die die Existenz einer "Normalsprache" voraussetzt.
Die spezifische Art der Sprachverwendung in den Kontext der Kommunikation stellte Roman Jakobson und entwickelte die Auffassung von der Dominanz der "poetischen Funktion" (in literarischen Texten), welche "das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination" projiziert. Hier nun zeigt sich wiederum in besonderem Maße eine Orientierung auf die Gattung der Lyrik resp. auf poetische Sprache.
Dem Dilemma zu entkommen, versucht Jürgen Link, indem er eine Reihe von Strukturmerkmalen für poetische Texte auflistet: Autofunktionalität ("Einstellung auf die Nachricht um ihrer selbst willen"), Verfremdung, Vorherrschen der Konnotation (Denotation vs. Konnotation); Vorherrschen der Symbolik. Sicht auf den Text dominiert hier eine textinhärente Perspektive.

Unabhängig von den Definitionsversuchen der Literaturwissenschaft scheint es im alltäglichen Umgang mit Texten ein allgemeines Vorverständnis zu geben, welche Texte als literarische Texte einzuordnen sind. Wesentliches Kriterium hierbei ist die Zuordnung zu Gattungen (Textsorten).

Literatur und Gattungen
Literarische Texte werden Gattungen zugeordnet, deren Definition aber wiederum nicht denfintiv sein können. Seit dem 18. Jahrhundert - und vor allem dann im 19. Jahrhundert - hat sich ein Gattungskonzept formiert, das drei literarische Hauptgattungen Epik, Lyrik und Drama(tik) unterscheidet.
Von Normativität geprägt ist das wohl älteste Gattungskonzept, das Aristoteles in seiner Poetik entwickelte. Aristoteles geht von der Dichtkunst als Nachahmung (Mimesis) aus und unterscheidet die Epik als berichtend (nachahmende) und die Tragödie als die handelnd (nachahmende) Gattungen. Epos und Tragödie stehen im Mittelpunkt seiner Ausführungen, das sie "gute" Dichtkunst sind. Bei beiden Gattungen untersucht er die Nachahmung in dreifacher Hinsicht: in den Mitteln, in den Gegenständen und in der Art und Weise.
Eine Verschiebung von Normativität zu Universalität hin zeigt sich in dem Gattungskonzept, das Goethe im West-östlichen Divan aufzeigt: Er unterscheidet "drei Naturformen" - die klar erzählende (Epos), die enthusiastisch aufgeregte (Lyrik) und die persönlich handelnde (Drama). An dieses Gattungskonzept knüpft im 20. Jahrhundert Emil Staiger an und gibt ihm eine dezidiert anthropologische Perspektive. Er spricht von einer Idee des Lyrischen, des Epischen und des Dramatischen. Eine der Ideen gelangt dann in dem konkreten Text zur Dominanz, wodurch er einer der drei Gattungen (Epik, Lyrik und Drama) zugeordnet werden kann. Diese Idee lässt sich jedoch eigentlich nicht in diese Begriffe bannen, da das Lyrische, das Epische und das Dramatische allgemeine Möglichkeiten des Menschen darstellen.

Neuere Gattungskonzepte vollziehen eine deutliche Abkehr von normativen und universalen Gattungskonzepten und weisen unter anderem eine kommunikationsorientierte (z. B. Jauß) oder sozial-funktionsgeschichtliche Orientierung (z. B. Voßkamp) auf.
Jauß betrachtet die Gattungsgeschichte als einen zeitlichen Prozess fortgesetzter "Horizontstiftung und Horizontveränderung". Er knüpft zum einen an formalistische und strukturalistische Positionen an und gelangt durch die Analyse formaler und inhaltlicher Merkmale von Gattungen in synchroner Betrachtung zu "systemprägenden Dominanten", während sich andererseits seine diachronen Aktivitäten auf den "Erwartungshorizont" von Rezipienten konzentrieren. Solche Erwartungshaltungen der Rezipienten prägen und beeinflussen die Entstehung und Veränderung literarischer Gattungen und zugleich wird dieser Erwartungshorizont von der Gattungsmäßigkeit des Einzelwerkes aufgebaut und verändert.
Voßkamp zeigt Parallelen von Gattungstheorie und Theorie und Geschichte von Institutionen auf: Doppelheit von Zweckgebundenheit und Eigengesetzlichkeit, d.h. von Sozialabhängigkeit (zeitgenössischen Diskursen und historisch-sozialer Lebenswelt) und relativer Autonomie.


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Copyright © 2002 Universität Potsdam, Birgit Krehl.
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