Die Nachrichten aus dem Jahr 1995 erinnerten an Hitchcocks Film Die Vögel": Kolkrabenschwärme zögen übers Land und hackten Vieh zu Tode. Brandenburger Landwirte forderten Schadensersatz von den Behörden und die Zahl der angeblich von Kolkraben getöteten Nutztiere stieg. Nun entlastet ein Gutachten des Instituts für Ökologie der Universität Potsdam die großen Rabenvögel. Zusammen mit vier Studenten haben Prof. Dr. Dieter Wallschläger und Dr. Angelika Brehme drei Mutterkuhherden im Frühjahr dieses Jahres mehrere Wochen lang von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang beobachtet und in 25 Stunden Videoaufnahmen dokumentiert, was die Vögel auf der Weide eigentlich treiben. Die Herden aus etwa 170 Mutterkühen und ihren Kälbern waren ganzjährig draußen. Auch aus diesem Betrieb in der Prignitz wurden regelmäßig Schäden durch Kolkraben gemeldet.
Der
Kolkrabe war bis vor wenigen Jahrzehnten in Deutschland vom Aussterben bedroht.
Inzwi-schen leben in Brandenburg wieder zwischen 5.000 und 10.000 dieser großen und
verspielten Vögel. Abb.: zg.
Bis vor wenigen Jahrzehnten galten die etwa 65 Zentimeter großen Rabenvögel (Corvus corax) als bedroht. Seit sie unter Schutz stehen, haben sie sich wieder so ausgebreitet, daß sie stellenweise zur Plage für Landwirte geworden sind. Sie graben Saatkartoffeln aus, picken Feldfrüchte an und versammeln sich abends zu Hunderten auf Mülldeponien, wo sie auf der Suche nach Nahrung leicht fündig werden. In den unverdaulichen Resten, die die Tiere als sogenannte Gewölle auswürgen, finden sich Zahnpastaverschlüsse, Taschentücher und Spielzeugteile, mit einer Vorliebe für die Farbe Rot. Zum Schlafen lassen sie sich in der Nähe der Deponien nieder und fliegen von dort morgens aus, um in kleineren Trupps nach neuen Nahrungsquellen zu suchen und vielleicht auch, um etwas zu erleben.
Jugendbanden ziehen übers Land
Solche Horden von Kolkraben gab es früher nicht, vermutet Wallschläger, nirgendwo werden
sie in der Literatur erwähnt. Kolkraben leben eigentlich als Brutpaare in einem großen
Revier, das gegen Artgenossen verteidigt wird. Diese einzelnen Paare richten kaum Schaden
an: Sie meiden menschliche Ansiedlungen, leben von natürlicher Nahrung und ziehen
entgegen der Saga von den Rabeneltern ihre Jungen sorgfältig und liebevoll groß.
Daß sich seit einigen Jahren die Jungvögel zusammenrotten, mag mehrere Gründe haben:
Zum einen reicht der Platz nicht aus, um weitere Brutreviere zuzulassen, zum andern bieten
Müllhalden, Ackerflächen und Viehweiden reichlich Futter und Unterhaltung. Den
schlechten Ruf haben also nur die Junggesellenhorden verdient.
Nicht Kadaver, sondern Kot
Dennoch: So lästig die großen Kolkraben auch sein mögen, töten können sie nicht.
Dessen war sich Wallschläger schon vor der Beobachtungsphase ziemlich sicher, schon
allein ihr Schnabel ist dafür nicht geeignet: Er ist eher klotzig und stumpf, geschickt
zum Ausgraben von Früchten oder Käfern, nicht jedoch scharf wie der Schnabel eines
Greifvogels. Auch während der gesamten Beobachtungszeit kam eine massive Agression
niemals vor. Die Video-Aufnahmen zeigen jedoch, daß die jungen Kolkraben die Kälber
kneifen, am Schwanz ziehen und oft nicht in Ruhe lassen, bis sie aufstehen oder die Mutter
die Vögel vertreibt. Nur ein Kalb, das schon sehr schwach ist und zudem von der Mutter
nicht beachtet wird, kann durch das dauernde Picken schließlich ernsthaft verletzt werden
und tatsächlich sterben. Aber selbst nach einem ganzen Tag solcher Attacken erholt
sich ein Kalb wieder, wenn es der Landwirt entdeckt und in den Stall bringt", sagt
Wallschläger. Ein totes Kalb fressen die Kolkraben von den Weichteilen her an, kommen
aber wegen ihres stumpfen Schnabels nicht sehr weit. Tote Tiere sind allerdings auch nicht
die Hauptmotivation für die Kolkraben, entdeckten die Potsdamer Biowissenschaftler. Denn
normalerweise stehen die Kälber einfach auf und lassen dabei meist etwas Kot fallen.
Kälberkot ist sehr eiweißhaltig und vermutlich sogar süß", erklärt Prof.
Wallschläger. Das Picken ist also auch eine aktive Methode, um an diesen Kot zu kommen,
vermutet er. Deutlich wird das in den Videoaufnahmen, wo sich die Vögel erwartungsvoll
hinter dem gerade aufgestandenen Kalb postieren. Aber auch andere Nahrungsquellen gibt es
auf Viehweiden für die ungebetenen Besucher: Kraftfutterpellets zum Beispiel, die die
geschickten Vögel aus den Spendeautomaten ziehen. Auch wenn eine Kuh frisch gekalbt hat,
stehen die Kolkraben an und machen dem Muttertier die Nachgeburt streitig.
Kolkraben als Warnzeichen
Die Jugendbanden fressen dem Vieh Nährstoffe weg und bringen Unruhe in die Herde hinein.
Das bestreitet auch Prof. Wallschläger nicht, der den überaus intelligenten Tieren
ansonsten viel Sympathie entgegenbringt. Aber Tiere töten können sie nicht und es läßt
sich aus ihrer Anwesenheit sogar Nutzen ziehen: Der Kolkrabe ist eine Art
Gesundheitspolizei, die dem Landwirt sagt, daß irgendwas mit seiner Herde nicht
stimmt", meint der Tierforscher. Das können Durchfallerkrankungen oder andere
Krankheiten sein, eine Mutterkuh, die ihr Kalb nicht annimmt oder andere Probleme in der
Herde. Für die Landwirte hat seine Arbeitsgruppe jetzt ein Merkblatt erarbeitet, auf dem
Ratschläge stehen, wie zum Beispiel die Futterautomaten rabensicher" gemacht
werden. Das Forschungsprojekt am Kolkraben, das über das Hochschulsonderprogramm III, das
brandenburgische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur und einen weiteren
Drittmittelgeber gefördert wird, geht in den nächsten Jahren weiter. Nun untersuchen
Wallschläger und seine Mitarbeiter unter anderem, wie sich Kolkraben in Schafherden
verhalten. Bis zum Jahr 2000 wollen sie ein Gesamtbild der Kolkraben in Brandenburg
vorstellen und konkrete Maßnahmen vorschlagen, wie die Landwirte Schäden durch Kolkraben
verringern können.
ar