Die Sprache verschlagen.
Aphasie durch Sprachtherapie behandeln Aus heiterem Himmel trifft ein Schlaganfall sein Opfer. Eine feine
Ader im Gehirn setzt sich zu, Hirnregionen werden nicht mehr versorgt und sterben ab.
Werden dabei die Sprachzentren der linken Hirnhälfte beschädigt, so kann der Patient
nicht mehr richtig sprechen: Aphasie lautet dann die Diagnose.

Die beiden Hauptzentren von Sprache befinden sich in der
linken Hirnhälfte. Es handelt sich dabei um die Wernicke-Region und das Broca-Areal.
Foto: Repro |
Die Angehörigen wissen oft nicht, wie sie mit dem
Patienten umgehen sollen, bringen ihm Kinderbücher oder behandeln ihn wie einen geistig
Behinderten. Eine furchtbare Erfahrung für beide Seiten. Und ein Missverständnis, denn
die kognitive Leistungsfähigkeit ist im Allgemeinen nicht beeinträchtigt, sagt Prof. Dr. Ria De Bleser vom Institut für Patholinguistik der Universität
Potsdam. Aphasie wird am häufigsten durch Schlaganfall verursacht, aber auch ein
Hirn-Tumor kann die Sprachzentren beschädigen. Im Durchschnitt sind die Patienten, die
zum Potsdamer Zentrum für angewandte Patholinguistik kommen, erst fünfzig Jahre alt.
Zwei Hauptzentren
Dass Sprache ihren Sitz in bestimmten Hirnregionen hat,
weiß man schon seit gut hundert Jahren. Nach Obduktionen an verstorbenen Patienten mit
besonders charakteristischen Sprachstörungen identifizierte man die beiden Hauptzentren
in der linken Hirnhälfte: Das Broca-Areal, das offenbar für die Sprachproduktion
zuständig ist, sowie die Wernicke-Region, in welcher die Bedeutung von Worten und Sätzen
verarbeitet wird. Patienten mit Broca-Aphasie sprechen im so genannten Telegramm-Stil,
aber ihre gestammelten Sätze sind sinnvoll und sie verstehen alles. Wernicke-Patienten
reden dagegen wie ein Wasserfall, aber ihre Wörterflut hat oft wenig mit dem zu tun, was
sie eigentlich ausdrücken möchten. Mit herkömmlichen Testverfahren teilt man die
Patienten grob in vier Kategorien ein, doch in Wirklichkeit ist jeder Patient ein
Sonderfall. Das jedenfalls meint De Bleser. An ihrem Institut wurde jetzt ein sehr viel
genaueres Testmaterial entwickelt, das in Kürze bei Hogrefe erscheint. Der Lexikon- und
Morphologie-Test, kurz LEMO, erlaubt eine detaillierte Einzelanalyse und produziert
computerunterstützt eine Diagnose, so dass er auch in der Praxis niedergelassener Ärzte
eingesetzt werden kann.
Schnelle Therapie
Schon kurz nach dem Schlaganfall sollten die ersten
sprachlichen Übungen beginnen, und nach vier bis sechs Wochen kann die gezielte Therapie
einsetzen. Gelegentlich wird eine Aphasie jedoch noch von einer Störung in der Planung
der Sprechvorgänge überlagert, und das echte Bild der Aphasie kommt erst zum Vorschein,
nachdem die Sprechapraxie gemildert wurde. Deshalb zeigen sich manche Verbesserungen erst
nach einem Jahr.
Manche Patienten lassen Präpositionen und Konjugationen
fort, sprechen in Inhaltswörtern und Zweiwort-Sätzen wie: Kaffee getrunken,
Schlafen gegangen, Fernseh gucken". Diese Patienten kommen nur mit eindeutigen
Sätzen zurecht, wie: Das Kind isst den Apfel." Ein solcher Satz verliert beim
Umdrehen seinen Sinn, denn der Apfel wird nie das Kind aufessen können. Da die Patienten
die Bedeutung von Inhaltswörtern verstehen, macht ihnen das keine Schwierigkeiten. Aber
es gibt Sätze, die ohne Grammatik mehrdeutig werden, zum Beispiel: Das Mädchen
ärgert den Jungen." Die Patholinguisten arbeiten bei der Therapie mit Sätzen, wo
beide Aktanden Subjekt und Objekt sein können. Oder auch mit passiven Sätzen wie:
Der Junge wird von dem Mädchen geärgert." Dabei lässt sich nicht durch die
Reihenfolge erschließen, wer nun das Subjekt ist. Da führen die kognitiven
Strategien solcher Patienten nicht zum Ziel. Wir arbeiten mit dem Patienten und so lernt
er wieder, wie er diese Sätze richtig deuten kann", erklärt De Bleser.
Testmaterial für den Totalausfall
Auch ein Totalausfall" von Sprache kommt
vor: Patienten, die an globaler Aphasie leiden, äußern sich nur noch mit immer derselben
Silbe, zum Beispiel mit dadadada". Allerdings betonen sie diese Silben
ausgesprochen stark. Die Vermutung lag nahe, dass sie sich über eine Satzmelodie
mitteilen möchten. Doch in einer Untersuchung an zehn Patienten mussten die Potsdamer
Patholinguisten diese Hypothese fallen lassen, hinter den Betonungen verbargen sich
stereotype Muster. Die manchmal kuriosen Sprachstörungen sind äußerst quälend für die
Patienten und ihre Familien: Manche sagen immer wieder dieselben Satzfragmente wie
Kann die Liebe Sünde sein?" oder Ave Maria". Sie wüssten genau,
dass dies nicht angemessen sei und seien oft furchtbar frustriert, erklärt De Bleser. Was
aber passiert bei einer Therapie im Gehirn? Mit der funktionalen Kernspintomografie lässt
sich beispielsweise beobachten, dass bei Aphasie-Patienten im Verlauf der Therapie die
Regionen um die Läsion herum stärker aktiviert werden. Das war eine Überraschung, denn
bisher vermutete man, dass die rechte Hirnhälfte Funktionen übernehmen könnte, die in
der linken Hälfte beschädigt wurden. Wir glauben schon, dass die Therapie auch
physische Auswirkungen hat", sagt De Bleser. Denn das Gehirn ist auch im
Erwachsenenalter noch erstaunlich flexibel, und eine Sprachstörung nach einem
Schlaganfall kann sich daher teilweise und manchmal sogar vollständig wieder
zurückbilden.
ar
| Das Zentrum für angewandte Patholinguistik
in Potsdam besteht seit sieben Jahren und ist seither sehr gut von den Patienten
angenommen worden. Aufgebaut hat es die Linguistin Prof. Dr. Ria De Bleser, die damals aus
Aachen an die Uni Potsdam berufen wurde und dort auch den bundesweit einmaligen
Studiengang Patholinguistik konzipiert hat. Das Zentrum hat eine Krankenkassenzulassung,
aber behandelt auch Patienten, bei denen die Kassen keine Therapie mehr bezahlen, weil der
Schlaganfall schon länger zurückliegt. |
Die Universität Potsdam beteiligt sich an einem
European Master of clinical Linguistics" mit Universitäten aus Holland,
England und Norwegen. Dies ist ein einjähriges Postgraduiertenstudium, wobei sich die
Studierenden ein Semester bei einer anderen Einrichtung aufhalten sollen. Die beteiligten
Institutionen wollen so wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, der bereits Übung mit
internationaler Zusammenarbeit besitzt.
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