Juli - September 2005
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Gesetze des Verhaltens verstehen

Internationales Promotionskolleg führt Psychologen, Physiker, Linguisten und Mathematiker zusammen

Sie stammen aus Brasilien, Russland, Australien, Deutschland und der Slowakei. Insgesamt sind es elf junge Leute, die nicht nur aus verschiedenen Ländern nach Potsdam gekommen sind, sondern auch noch Diplome unterschiedlicher Fachrichtungen in der Tasche haben. Was ist es, das sie zusammenführt?


Hartes Brot: "Nachhilfe" in der Physik.
Foto: Fritze

Es ist die Chance, im Promotionskolleg "Computational Modeling of Behavioral, Cognitive and Neural Dynamics" unter fachkundiger Betreuung in kürzester Zeit eine Dissertation auf dem verhältnismäßig neuen Forschungsgebiet der computationalen Neurowissenschaft anzufertigen. Sieht sich der Laie um, fällt sofort auf: Hier existiert eine inhaltliche Aufeinanderbezogenheit verschiedener Disziplinen, die äußerst innovativ sein dürfte. "Das Besondere an unserem Kolleg ist das Zusammenspiel von Psychologie, Physik, Linguistik und Mathematik", beschreibt auch Prof. Dr. Reinhold Kliegl aus dem Institut für Psychologie, Leibniz-Preisträger und einer der drei Koordinatoren der Gruppe, deren Ausnahmestellung.
In Potsdam wird bereits seit rund zehn Jahren sehr erfolgreich auf den Feldern der Kognitionswissenschaft und der Nichtlinearen Systeme zusammengearbeitet. Dieser Erfolg und das weltweit immer stärker wachsende Interesse an den "Computational Neuroscience" führten zur Initiierung des Promotionskollegs. Denn verstärkt bemühen sich Wissenschaftler national wie international darum, die Prozesse des Denkens und des Gehirns auf eine formale Ebene zu bringen, sie mathematisch oder mit Hilfe von Computermodellen zu beschreiben.
Kliegl und seine Professoren-Kollegen und Mitkoordinatoren Jürgen Kurths aus dem Institut für Physik und Ralf Engbert aus dem Institut für Psychologie eint der Gedanke, eine systematische Nachwuchsförderung in dieser Forschungsrichtung zu betreiben. Seit einem dreiviertel Jahr betreuen sie nun die Doktoranden. Das Promotionskolleg ist nur der erste Schritt, sagen sie. "Denn eigentlich reicht es nicht aus. Man müsste einen speziellen Master of Science vorschalten", erklärt Kliegl. Zwar kämen die jungen Promovenden mit sehr gutem Spezialwissen, doch notwendige Kenntnisse aus den benachbarten Disziplinen fehlten. Die Zeit für eine interdisziplinäre Grundlagenausbildung sei de facto jedoch nicht vorhanden. Mit der Dissertation wird sofort begonnen. "Rein praktisch bedeutet das natürlich, dass wir Kompromisse schließen müssen", so Kliegl. Über die Inhalte der Themen soll die interdisziplinäre Ausbildung erfolgen. Und spezielle Veranstaltungen helfen beim Nachholen des Fehlenden. Doch ideal sei die Situation nicht, urteilen die Professoren.
Eine andere Sorge treibt sie ebenfalls um. Ein Geburtsfehler, sozusagen. Noch gibt es keine gemeinsame räumliche Verankerung des Kollegs. "Interdisziplinäres Arbeiten setzt eigentlich voraus, dass die Leute auf dem gleichen Flur sitzen", so Kliegl. Trotz der bestehenden Probleme herrscht jedoch große Freude über das Kolleg. "Dass wir das zu einem großen Teil über die Zielvereinbarung mit dem Ministerium ermöglicht bekamen, ist schon gigantisch", betont der Uni-Psychologe. Wie es allerdings genau weitergehen wird, steht derzeit noch nicht fest. Förderoptionen gäbe es verschiedene, man wolle sich in Ruhe entscheiden, auch unter Berücksichtigung der gegenwärtigen politischen Entwicklung.


Jürgen Kurths
Foto: Fritze

Die von Beginn an vorhandene starke Forschungsorientierung legt für die elf Doktoranden die Latte hoch. Das wissen sie. In Potsdam wird handfeste Grundlagenforschung betrieben, freilich nicht ohne gelegentliche direkte Kontakte in die Praxis. "Wir sind Grundlagenforscher", so Kliegl zum hiesigen Selbstverständnis. "Wir wollen die Gesetze des Verhaltens genauso verstehen, wie die Physik die Himmelsbewegungen versteht. Eine der Forschungsdomänen sei das Lesen und die Worterkennung. Über die Augenbewegungen können die Wissenschaftler untersuchen, wie das Gehirn die Informationen verarbeitet. In Computermodellen erfolgt eine Nachbildung des Leseprozesses, wobei diese Modelle physiologische und psychologische Beschränkungen respektieren müssen. "Man kann nicht irgendein Programm schreiben, sondern muss ein Programm schreiben, dass dem gerecht wird, was wir bereits über die Organisation des Gehirns und die Organisation des Geistes wissen", erklären die Beteiligten. Sie wissen um die noch ungelösten Rätsel, die vor ihnen liegen. "Aber hier liegt auch der Reiz sinnvoller Kooperation", so Kliegl.

pg
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[Letzte Aktualisierung 20.07.2005, Queck]