Nur wer
rastet, der rostet
Beifall für die alterspsychologische Forschung bei der ersten Sonntagsvorlesung Besucherschlangen an der Kasse im Alten Rathaus. Run auf
die Garderobe. Ein hoffnungslos überfüllter Saal mit zusätzlich aufgestellten Stühlen.
Etwa 20 meist ältere Besucher lehnen an der Wand. Viele können nicht mehr eingelassen
werden. Ein Sonntagmorgen in Potsdams Jahr der Wissenschaften 2003"!

Dazu gelernt: Viele Trainingsmöglichkeiten.
Foto: Fritze |
Mit so viel Andrang bei der ersten
Veranstaltung einer 16-teiligen Sonntagsvorlesungsreihe mit Experten hiesiger
wissenschaftlicher Institutionen hatte wahrlich niemand gerechnet. Das Thema war auch
spannend. Leibnizpreisträger Prof. Dr. Reinhold Kliegl vom Uni-Institut für Psychologie war
angekündigt, um über neueste Erkenntnisse zu Möglichkeiten und Grenzen der Steigerung
von Gedächtnis- und Lernleistungen im Alter zu sprechen. Er musste sich zwar durch den
Privatdozenten Dr. Ralf T. Krampe vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
und Humanentwicklung vertreten lassen, aber dieser hatte jahrelang mit Kliegl zusammen
gearbeitet, unter anderem auch am Institut für Psychologie und im Innovationskolleg
Formale Modelle kognitiver Komplexität."
Der Referent machte gleich zu Beginn seines
Vortrages den zahlreichen Zuhörern im dritten und vierten Erwachsenenalter"
Mut, indem er all die deprimierenden Auffassungen vom lebenslangen Nervenzellen- und
Gehirnabbau in Frage stellte und sie mit differenzierteren biologisch-psychologischen
Erkenntnissen konfrontierte gewonnen in den letzten Jahren aus einer Vielzahl
alterspsychologischer Tests, verbunden mit moderner Rechentechnik und bekannten
medizinischen Methoden wie der Computertomografie.
Und das kam bei all dem heraus: Unser
menschliches Gehirn verändert sich lebenslang. Furchen und Rillen verstärken sich, das
Volumen wird kleiner. Dies trägt tatsächlich zu einem allmählichen Nachlassen der Lern-
und Gedächtnisleistungen bei. Man reagiert langsamer auf Umweltreize, erinnert sich
weniger gut, prägt sich Neues langsamer ein und löst Probleme weniger schnell. Um etwa
ein Drittel ist die Geschwindigkeit der Hirnprozesse bei einem 90-Jährigen geringer als
50 bis 60 Jahre zuvor von Ausnahmen abgesehen. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem
Alter immer mehr Gehirnkapazität zur bewussten Aufrechterhaltung wichtiger
Körperfunktionen wie Gehen und Stehen oder Harnzurückhaltung abgezweigt"
wird.
Fest steht allerdings heute auch, dass Jüngere
wie Ältere in der Lage sind, ihre Gedächtnis- und Lernleistungen zu verbessern. Nur
sollten die Senioren dabei ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Tests zur Wiedergabe
von Begriffen aus einer 30 Wörter umfassenden Liste in richtiger Abfolge brachten nach 38
Trainingssitzungen in der Potsdamer Psychologie-Forschungsstelle Gutenbergstraße 67 bei
jüngeren Personen bis zu 25 Treffern, bei älteren nur 15. Ralf Krampe bestätigte die
Tatsache, dass ältere Menschen für altes Wissen" ein recht gutes Gedächtnis
haben und auch motorische Fähigkeiten wie Rad fahren, Schwimmen, Klavier spielen nur in
geringem Umfang einbüßen.
Aber es gibt gravierende Probleme"
bezüglich der Gedächtnisleistungen sowie der Lern- und Umlernfähigkeit in Zusammenhang
mit neuem Wissen. Allerdings ist es möglich, sein Leistungsvermögen auch hier zu
steigern. Neues bleibt besser im Gedächtnis, wenn im Moment des Aufnehmens eine
Verbindung zu sicherem alten Wissen" hergestellt wird. So könnte man an den
Eiffelturm denken, wenn man sich Namen und Höhe eines bisher unbekannten Berges merken
will. Gesichter anderer Menschen prägen sich für längere Zeit besser ein, wenn Merkmale
im Geiste überspitzt" gespeichert werden. Sicher gibt es viele
Trainingsmöglichkeiten. Und das Gehirn hilft auch biologisch mit. Es kann im Bedarfsfalle
weniger genutzte Areale dem Gedächtnisbereich zuschalten".
Trotz alledem wird das Lernen und Merken mit
zunehmenden Alter mühsamer. Der ältere Mensch sollte sich deshalb nicht zu viel
abverlangen, sollte besonders sorgfältig auswählen, was er unbedingt zur Bewältigung
seiner Lebensansprüche neu lernen, sich neu einprägen will.
Und neben geistiger ist vor allem auch
körperliche Bewegung gefragt. Fitness steigert die Gehirnleistung. Nur wer rastet, der
rostet.
Übrigens: Die Uni- Psychologen suchen nach wie
vor ältere Versuchspersonen. Es gibt eine Aufwandsentschädigung. Tel. 0331/9774780.
ak
Weitere Sonntagsvorlesungen
- 4. Mai 2003
Landnutzung, Flussbau, Klima:
Wie beeinflusst der Mensch die Hochwasser an unseren Flüssen?"
Referent: Prof. Dr. Axel Bronstert, Universität Potsdam
- 18. Mai 2003
Erde im Wandel Technologien für die Zukunftsvorsorge"
Referent: Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Emmermann, GeoForschungsZentrum
- 1. Juni 2003
Der Schutz der Menschenrechte in kriegerischen Konflikten"
Referent: Prof. Dr. Eckart Klein, Universität Potsdam
Die Sonntagsvorlesungen finden im Alten Rathaus,
Am Alten Markt, 14467 Potsdam statt. Beginn ist 11.00 Uhr. |
Titelthema
| Uni Aktuell | Forschung | Studiosi | Personalia | Vermischtes
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Potsdam, Glaesmer, Knappe
[Letzte Aktualisierung 04.04.2003, Knappe] |