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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Zweitstudium fürs Fernziel

Politikwissenschaftler Uwe Stab kehrte für ein Zweitstudium an die Uni zurück

The decision to study came relatively late for Uwe Stab, and he was already 42 years old upon receiving his degree in political studies. He does not regret his studies at all. After six months he had found a position as an agent at the employment office in Potsdam. In 2009, Uwe Stab returned to the University of Potsdam to study for a master’s degree in regional science. In addition to expanding his profile, with this degree he expects to have better opportunities in the Anglo-American job market, for he is considering immigrating with his family to New Zealand.

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Sattelt noch ein Studium auf und zwar
berufsbegleitend.
Foto: privat

Jack of all trades – master of none” (Hansdampf in allen Gassen – Meister in gar nichts; Anm. d. Red.) – an diese humorvolle Tätigkeitsbezeichnung, die ich vor 20 Jahren bei meinem ersten Aufenthalt in Südafrika hörte, musste ich nach meinem dreijährigen Diplomstudium in Politikwissenschaft oft denken. Nach dem Abschluss Ende 2005, inzwischen 42 Jahre alt, fiel mir nach einigen weniger erfolgreichen Bewerbungen auf, dass ich zwar eine sehr gute und vielfältige wissenschaftliche Ausbildung genossen hatte und wesentlich mehr Kurse besucht als gefordert, aber der Arbeitsmarkt nun mal eher nach handfesten Qualifikationen fragte, die vor allem auch praxistauglich sein sollten. Auch das einjährige Praktikum, das ich bei der Stadtverwaltung Potsdam auf Minijob–Basis absolviert hatte, half da nicht.

Meine Annahme, dass ich durch meine betriebliche Erstausbildung als Reiseverkehrskaufmann und die anschließende zwölfjährige Berufspraxis, unter anderem als Ausbilder und Reiseleiter im Ausland, ein deutliches Profil aufweisen würde, erwies sich erst nach einem halben Jahr als berechtigt. Durch Zufall gelangte ich auf eine nicht ausgeschriebene befristete Stelle bei der Arbeitsagentur Potsdam. Dort konnte ich als Arbeitsvermittler im Jugendbereich sehr interessante Einblicke in die bedrückende Alltäglichkeit von Arbeitslosigkeit gewinnen. Nach dem häufig abstrakten theoretischen Studium gefiel mir die Konfrontation mit der ungeschminkten Realität. Hier gab es keine akademische Diskurse, sondern nur harte soziale Probleme, die unter hohem Zeitdruck nach einer Lösung verlangten. Allerdings war es durch die zahlreichen internen Vorschriften und die durchschnittlich 150 Personen, teilweise auch deutlich mehr, die jeder Mitarbeiter betreuen musste, kaum möglich, in dem erforderlichen Maß individuell auf die Arbeitslosen einzugehen.

Im Folgejahr war ich für zehn Monate Mitarbeiter bei der Handwerkskammer Potsdam. Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, neue Ausbildungsplätze zu akquirieren und Schulklassen, die das Ausbildungszentrum besuchten, für die handwerklichen Ausbildungsberufe zu begeistern. Ende 2008 zeichnete sich jedoch nicht nur die Wirtschaftskrise deutlich ab, sondern auch die demographische und bildungspolitische Entwicklung passte nicht mehr zur Aufgabe: Die Zahl der jungen und ausbildungsfähigen Menschen ist mittlerweile so gering, dass es ein Überangebot von Lehrstellen gibt.

Neben meinen beruflichen „Experimenten“ belegte ich sechs Semester lang als Gasthörer verschiedene Vorlesungen und Seminare, um Bereiche zu erkunden, die ich entweder nicht mehr in meinem Studium hatte unterbringen könne oder die ich im Beruf gut gebrauchen konnte: Als gut verwertbar erwiesen sich beispielsweise zwei Seminare in Sozialrecht – Wissen, das ich sofort in der Praxis umsetzen konnte. Rückblickend war der Hinweis eines Tutors im ersten Semester hilfreich, als er uns neuen Politikstudenten riet, entweder in Betriebswissenschaften oder Jura zusätzliche Kurse zu belegen.

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Familienbesuch am neuen Arbeitsplatz: An der Uni wollen
Uwe Stabs Töchter ihren Vater später aber lieber nicht treffen.
Foto: privat

Seit dem Sommersemester 2009 bin ich zurück an der Universität Potsdam, da ich nach vielen Recherchen den Masterstudiengang „Regionalwissenschaften“ fand, der mir unter Anrechnung fast aller Hauptstudiumsscheine nun die Gelegenheit gibt, auch noch einen „modernen“ Abschluss zu erreichen. Neben der weiteren Profilierung geht es mir dabei auch um die Wiedererkennbarkeit des Abschlusses im anglo-amerikanischen Ausland: Ein Masterzeugnis, zudem mit englischer Übersetzung, wirft weniger Fragen auf als ein Diplom, welches erst inhaltlich und vom Niveau her erklärt werden muss. Zwei Bewerbungen beim Deutschen Entwicklungsdienst für Stellen in Südafrika sind bisher gescheitert; auch hier soll die akademische Profilierung meine Position verbessern. Seit einigen Jahren haben meine Familie und ich Neuseeland als Auswanderungsziel im Blick. Aber zunächst ist das Zweitstudium eine interessante Herausforderung, wobei der Kontakt zu den jüngeren Kommilitonen für eine gewisse Offenheit bei den eigenen Lebenseinstellungen sorgt. Meine Töchter, zehn und elf Jahre alt, befürchten allerdings mittlerweile, dass sie ihren Vater bei ihrem eigenen Studium noch als Mitstudenten antreffen.

Seit kurzem bin ich bei einem privaten Träger in Berlin beschäftigt. Hier bin ich für die Eingliederung von Hartz IV-Empfängern in den ersten Arbeitsmarkt zuständig. Dank flexibler Arbeitszeiten und kollegialer Unterstützung kann ich mein Studium berufsbegleitend fortsetzen. Im nächsten Sommersemester möchte ich meine Abschlussarbeit schreiben.

Insgesamt betrachtet war die Entscheidung für ein (spätes) Studium eine meiner besten, da ich auch für mich privat sehr davon profitiert habe und nun viele gesellschaftliche und politische Entwicklungen gut und kritisch einschätzen kann. Zwar war ich durch die Betreuung meiner Kinder bei der Kurswahl teilweise zeitlich eingeschränkt, aber durch die Lebenserfahrung und die in der Kommunalpolitik gesammelten Erfahrungen konnte ich gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich gut mithalten. Bezüglich des Arbeitsmarktes erwies sich für mich, neben den von Arbeitgebern schier endlos geforderten zusätzlichen Qualifikationen, der Öffentliche Dienst als „kulturelles“ Problem: Meine berufliche Sozialisation im privatwirtschaftlichen Bereich hat mich so nachhaltig geprägt, dass ich bis heute mit dem deutlich langsameren Tempo und der Anonymität des Arbeitgebers im öffentlichen Dienstleistungssektor nur schwer umgehen kann.

Uwe Stab



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[Letzte Aktualisierung 28.11.2009, Räder]