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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Mit Leib und Seele für die Wissenschaft

Philologe Carsten Schmieder ist selbstständiger Lektor und arbeitet darüber hinaus an seiner Habilitation

Carsten Schmieder came to the University of Potsdam to write his master’s thesis. In order to make money for his doctoral project, he entered into self-employment as an editor and translator for English and French. After receiving his doctorate, he held a temporary position at a French university. In addition to being self-employed, he works today as a lecturer at the Humboldt University and is searching for a position as research associate in order to finish his work on his postdoctoral thesis faster.

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Carsten Schmieder:
Lektor, Übersetzer, Wissenschaftler.
Foto: Christian del Monte

Carsten Schmieder kam für seine Magisterarbeit an die Universität Potsdam. Um seine Promotion zu finanzieren, machte er sich anschließend als Lektor sowie Übersetzer für Englisch und Französisch selbstständig. Nach der Promotion erhielt er eine befristete Stelle an einer französischen Universität. Heute ist er, neben seiner Selbstständigkeit, Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität und sucht eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, um seine Habilitation schneller zum Abschluss zu bringen.

Um als Berliner Student nach Potsdam zu wechseln, bedarf es eines Grundes. Dessen Vorgeschichte reicht zurück in das Jahr 1999. An der Humboldt-Universität sollte es nicht möglich sein, im Fach Lateinische Philologie eine Magisterarbeit zu schreiben, deren Thema den Begriff Mythos und die Tragödien Senecas verschränkte. Gleiches Schicksal widerfuhr dem Thema an einer anderen Berliner Universität, die jetzt Exzellenzstatus genießt. Ein dortiger, als Seneca-Spezialist geltender Ordinarius schloss seine Ablehnung mit den bekennenden Worten: „Sie wissen, Herr Schmieder, wer etwas Neues machen will, hat es schwer. Auf Wiedersehen!“

Ganz anders an der Uni Potsdam. Prof. Peter Riemer ließ sich meine Idee auseinandersetzen und war freizügig mit konstruktiven Ratschlägen. Somit kam im Oktober 2000 ein nicht unbeachtliches Opus zur Welt, von dem ein Gedanke aufgenommen und weiterentwickelt wurde, so dass er schließlich 2007 in einer internationalen Fachzeitschrift aus Belgien erscheinen konnte. Die Magisterprüfungen waren dann lediglich eine Routineangelegenheit, die 2001 ihren Abschluss fand und damit auch mein Studium.

Als frisch examinierter Magister Artium bestand nun die einzige Möglichkeit, mich weiter mit der Sprache Latein wie deren Kultur zu befassen, in einer Promotion. In Potsdam hatte jedoch inzwischen der Lehrstuhlinhaber gewechselt und es erging der Rat, doch lieber ein Routinethema zu favorisieren, denn etwas wirklich Interessantes oder gar Neues zu versuchen. Somit führte mich der Weg wieder von der Havel zurück an die Spree: Friedrich Kittler, einst Zweitgutachter meiner Magisterarbeit, empfing mich mit offenen Armen.

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„Mobile“ Werbung in eigener Sache: Die Trikots mit Aufdruck
hat Carsten Schmieder den Freizeitfußballern gesponsert.
Foto: Christian del Monte

Da sämtliche Bewerbungen um ein Stipendium negativ beschieden wurden, entschloss ich mich zu einer Selbstständigkeit als Lektor und Übersetzer (Englisch, Französisch, später noch Italienisch), um mein Dissertationsprojekt zu finanzieren: Das universitär erworbene Wissen tauchte ein ins richtige Leben. Vorteil einer solchen Tätigkeit war, dass sie ortsunabhängig sowie die Arbeitszeit frei einteilbar ist. Ein weiterer war der immense Erfahrungsgewinn auf dem freien Markt und die Tätigkeit für die verschiedensten Bereiche und Branchen, darunter auch eine Berliner ARTE-Redaktion, für die ich mehrere Jahre Off- und Zwischentexte verdeutschte. Keinen Nachteil, jedoch eine gewaltige Anstrengung, zumindest in der ersten Zeit, bedeutete die Kundenakquise. Der Haken insgesamt war allerdings ein äußerst unregelmäßiges Einkommen, zudem nicht üppig. Somit verband und ergänzte ich diese Tätigkeit mit der Arbeit als Fremdsprachenassistent in Paris und als Lehrbeauftragter an einer Moskauer Universität.

Zudem führten mich Recherchen für meine Dissertation nach Bologna ins Pasolini-Archiv. Auch hierbei hatte ich keinerlei strukturelle Unterstützung oder gar finanzielle Förderung. Im Dezember 2005 reichte ich schließlich dennoch die Dissertation ein und im Juli 2006 folgte die Disputation. Und zu allem Glück bekam ich unmittelbar im Anschluss eine Stelle als Lektor an einer französischen Universität. Wieder auf Reisen, weitere neue Erfahrungen, eine neue Wohnung, ein festes Gehalt, nette Kolleginnen und Kollegen: Das Leben war schön.

Tagungen oder Kongresse bereicherten und bereichern immer wieder diesen Spagat zwischen Selbstständigkeit und Wissenschaft – sei es an der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, der École Normale Supérieure, der Université Paris X, der Nietzsche-Gesellschaft oder der Schliemann-Gesellschaft. Internationales Parkett, Kontakte zu Kollegen, Freundschaften, lange Diskussionen und gute Küche. Wichtiger jedoch ist das Wissen, das man von solchen Ereignissen mit nach Hause nimmt, und bisweilen die Erkenntnis, dass Geisteswissenschaften nicht immer etwas mit Geist zu tun haben.

Unterdessen hatte auch meine gedruckte Dissertation die Welt erobert. Sie ist in fast allen wichtigen deutschen Universitätsbibliotheken und darüber hinaus in sechs Ländern zu finden – unter anderem auch an der Harvard University. Und das, obwohl sie lediglich in einem kleinen, völlig unbekannten Verlag herauskam. Dort ist vor knapp anderthalb Jahren auch mein zweites Buch erschienen. Zwei weitere Bücher sind in Planung beziehungsweise bereits in Arbeit.

Seit mein Vertrag in Frankreich ausgelaufen ist, bin ich wieder in Berlin und jetzt bereits das dritte Semester Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität. An der Uni Potsdam war es mir bisher nicht möglich, einen Lehrauftrag zu erhalten. Im Moment fehlt lediglich noch das Angebot für eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, um die Habilitation schnell und effektiv über die Bühne zu bekommen. Denn ohne Universitätsluft zu atmen, fehlt der Sinn in meinem Leben.

Carsten Schmieder



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[Letzte Aktualisierung 06.01.2009, Räder]