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7. Ausgabe: Dezember 2009
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Umwege erhöhen die „Ortskenntnis“

Slawistin Anja Schmidt arbeitet in der Pressestelle einer Botschaft

Anja Schmidt’s path through her studies was not really stringent. She switched to another programme of study and type of degree and completed numerous internships along the way. After obtaining her degree in Slavonic studies and Polish studies, modern history, and political science, it was her internships which proved to be extremely helpful for a quick entry into professional life. Although she was overqualified for her first job at a German-Polish youth organization, it served well as a springboard. Anja Schmidt applied for a position at the German embassy in Warsaw, well-aware that she did not possess the necessary prerequisites for employment in the field of press relations. Her application was ultimately successful, for even though she did not receive the advertised position, she was able to accept another position in the embassy’s press relations department.

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Wirbt in Polen für Deutschland: Anja Schmidt.
Foto: privat

Anja Schmidts Weg durchs Studium war nicht unbedingt stringent. Sie wechselte ein Fach und das Studienabschlussziel und absolvierte zahlreiche Praktika in verschiedensten Bereichen. Diese erwiesen sich als äußerst hilfreich für ihren Berufseinstieg, auch wenn sie ihr Studium in den Fächern Slawistik/Polonistik, Neure Geschichte und Politikwissenschaften erst nach 16 Semestern abschloss. Für ihre erste Stelle beim deutsch-polnischen Jugendwerk in Warschau war sie zwar überqualifiziert, diese war jedoch ein gutes Sprungbrett. Anja Schmidt bewarb sich auf eine Stelle bei der Deutschen Botschaft in Warschau, wohl wissend, dass ihr die geforderte Erfahrung in der Pressearbeit fehlte. Ihre Rechnung ging auf. Sie erhielt zwar nicht die ausgeschriebene Stelle, dafür jedoch eine andere Position im Pressereferat.

Als ich die Zusage für meine erste Stelle hatte, meinte eine Freundin, es sei ja schon motivierend, wenn sich jemand ohne „Vitamin B“ auf eine Annonce in der ZEIT bewirbt und die Stelle tatsächlich auch bekommt. Selbst hatte ich jedoch erst bei meiner zweiten Stelle das Gefühl, tatsächlich im Arbeitsleben verankert zu sein.

Mein Weg durchs Studium war zunächst kurvig. Im Grundstudium wurde ich fast jedes Semester im Studierendensekretariat vorstellig, um eine Änderung zu melden: Mal die Fächerkombination – Slawistik anstatt Anglistik –, mal den Studiengang – Magister anstatt Lehramt. Letztlich schloss ich den Magisterstudiengang Slawistik/Polonistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften ab. Die Noten ließen sich sehen, jedoch die Studiendauer war nicht allzu vorteilhaft: 16 Semester hatte ich gebraucht, was einem heutigen Bachelor-Studierenden sicher wie diese gute alte Zeit vorkommt, die dringend reformiert werden musste.

Bedingt war die lange Dauer, außer durch die Wechsel zu Beginn, auch durch ein nicht zu 100 Prozent anrechenbares Studienjahr in Polen und ein Langzeitpraktikum: Ein Jahr lang leitete ich neben der Uni einen studentischen Verein, der den Austausch zwischen Deutschland und Polen fördert. Statt Scheine zu sammeln schrieb ich Anträge, rechnete ab, entwarf Konzepte. Später absolvierte ich zudem einen Kurs im so genannten Gruppendolmetschen, war Sprachmittlerin während eines deutsch-polnischen Seminars und einen Monat Praktikantin im Deutschen Polen-Institut, einer Forschungseinrichtung, die in Deutschland das Wissen über Polen fördert. Das war zwar alles bereichernd, schien mir aber in stillen Momenten wenig stringent: mal Projektmanagement, mal Sprachmittlung. Wäre ein klares Ziel nicht an der Zeit? Doch auch wenn mich gerade während der Tätigkeit im Verein manchmal Zweifel überkamen und das Auslandsjahr wenig Konkretes zum Anrechnen gebracht hatte, stellten sich gerade diese Erfahrungen später als äußerst nützlich heraus.

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Stand der Deutschen Botschaft bei der Schuman-Parade:
Mit der Veranstaltung wird in Warschau jedes Jahr an die
Europa-Idee erinnert.
Foto: privat

Meinen ersten Job bekam ich keine drei Monate nach Studienende. Mein Arbeitgeber, das Deutsch-Polnische Jugendwerk in Warschau (DPJW), schätze meine „Ortskenntnis“ der deutsch-polnischen Welt, die Arbeitserfahrung in gemischt-nationalen Teams sowie meine überdurchschnittlichen Sprachkenntnisse. Wie sich herausstellte, hatte ich sogar während des Lehramtsstudiums ein Praktikum in einer Einrichtung gemacht, mit der das DPJW kooperierte. Was früher Zeit gekostet hatte, stellte sich nun als Pluspunkt heraus; scheinbar nutzlose Erfahrungen waren tatsächlich hilfreiches Zusatzwissen. Nie bereut habe ich, zunächst eine Stelle angenommen zu haben, für die ich formal überqualifiziert war. Was hieß das auch angesichts der Möglichkeit, in Polen in einer binationalen Organisation in einem mich interessierenden Bereich arbeiten zu können. Dass ich die Tätigkeit als Sachbearbeiterin als Einsteigerstelle betrachtete und sie sicherlich nicht zehn Jahre lang ausüben wollte, hatte ich im Vorstellungsgespräch offen gesagt. Geschadet hat es nicht.

Wie ich mich und meine Fähigkeiten realistisch einschätze und überzeugend präsentiere, dafür hatte mir übrigens der Career Service der Uni wertvolle Tipps gegeben. Auch wenn ich sonst kein Fan von „Selbsthilfegruppen“ bin, so hatte mir doch ein nervös durchlittenes (und erfolgloses) Bewerbungsgespräch meine Grenzen aufgezeigt. Etwas Besseres als die Möglichkeit, ein Gespräch mit einer professionellen Trainerin durchzuspielen, hätte mir nicht passieren können. Um solche Erfahrungen machen zu können, lohnt es sich auch, trotz Prüfungsstress mit dem Bewerben schon vor dem Studienende anzufangen – Misserfolge schmerzen dann tatsächlich weniger.

Und auch eine zweite Bewerbungsweisheit kann ich bestätigen: Es kann sich lohnen, sich auf eine Stelle zu bewerben, für die man nicht hundertprozentig qualifiziert ist, wenn die suchende Institution prinzipiell interessant ist. Als ich mich bei der Deutschen Botschaft in Warschau bewarb, war mir klar, dass ich zwar nicht die geforderte Erfahrung im Pressebereich aufzuweisen hatte, aufgrund anderer Qualifikationen jedoch für die Botschaft interessant sein könnte. Ohne ein Quäntchen Glück gehen solche Rechnungen natürlich nicht auf, aber in diesem Fall bekam ich tatsächlich einen Anruf, ob ich mir auch eine andere Stelle im Pressereferat vorstellen könnte. Als sogenannte Ortskraft bin ich zwar formell von den Karrierechancen im Auswärtigen Dienst abgeschnitten, profitiere aber von der Möglichkeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in einem Umfeld kennen zu lernen, das für mich spannender kaum sein könnte.

Unter anderem ist es meine Aufgabe, junge Menschen für Deutschland zu interessieren – was trotz der Popularität von Steffen Möller, einem in Polen lebenden deutschen Kabarettisten und Schauspieler, kein Selbstläufer ist. Hinzu kommen weitere Veranstaltungen der Botschaft und Pressearbeit. Gerade bei letzterer profitiere ich von allem, was ich im Politik- und Geschichtsstudium über Polen gelernt habe. Nicht weniger hilft mir mein Wissen über Literatur und Kultur, das eine ganz andere Kommunikation mit den Menschen hier ermöglicht. Es ist also alles gut gegangen und ich kann nur hoffen, dass Potsdam noch lange Polonisten ausbildet und auch in anderen Fächern das Nachbarland berücksichtigt werden wird. Schließlich kann es gar nicht genug Fachleute für die deutsch-polnischen Beziehungen geben.

Anja Schmidt



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[Letzte Aktualisierung 28.11.2009, Räder]