Logo alumni
5. Ausgabe: Dezember 2007
Linie links Aktuelle Pressemitteilungen der Universität Potsdam Linie mitte Startseite der Universität Potsdam Linie mitte Referat für Presse-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit Linie rechts

Raus mit der Sprache!

Ein erfolgreiches Modell für die Kooperation zwischen Uni und Alumni auf Expansionskurs

Es ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie die Zusammenarbeit zwischen der Universität und ihren Ehemaligen zum gegenseitigen Nutzen funktionieren kann: Das Zentrum für angewandte Sprachtherapie, ZAPP. Die Idee dazu stammt von Uni-Professorin Ria De Bleser. Ihr Anliegen war es, Theorie und Praxis der Patholinguistik eng miteinander zu verknüpfen. 1994 rief sie das erste Therapiezentrum nach diesem Modell in Potsdam ins Leben. Das Konzept bewährte sich in der Praxis so gut, so dass man schließlich an Expansion dachte. Mit einem weiteren ZAPP in Berlin wagte dann Uni-Absolventin Jenny v. Frankenberg den Schritt in die Selbstständigkeit. Bisher spricht alles dafür, dass auch das zweite Therapiezentrum ein voller Erfolg wird.

Bild
Starkes Team:
Uni-Professorin Ria de Bleser (mi.)
mit den ZAPP-Leiterinnen
Dr. Jenny v. Frankenberg (r.) und Astrid Fröhling.
Foto: Fritze

Gleich beim Betreten der Praxis in der Berliner Frankfurter Allee begegnet dem Besucher allerhand Spielzeug. Hier denkt man eher an eine Kita, an Spiel und Spaß statt an Therapie. Das ist auch gut so: Sollen sich doch die kleinen Patienten von Dr. Jenny v. Frankenberg wohl fühlen und gerne hierher kommen. "Auch die Therapie selbst erfolgt bei kleineren Kindern im gemeinsamen Spiel", erläutert die Diplom-Patholinguistin und promovierte Sprachwissenschaftlerin.
2006 hat sie sich mit einer Praxis für Sprachtherapie in Berlin selbstständig gemacht und dabei auf das erfolgreiche Konzept des Zentrums für angewandte Sprachtherapie, ZAPP, gesetzt. Das erste ZAPP entstand 1994 nach der Idee und auf Initiative von Patholinguistik-Professorin Dr. Ria De Bleser, bei der Jenny v. Frankenberg studiert hat. Ihr erklärtes Ziel ist es, praxisnahe Lehre auf der einen Seite und forschungsnahe Praxis auf der anderen Seite anzubieten.
Nach dem Studium arbeitete Jenny v. Frankenberg zunächst neben ihrer Promotionsarbeit als Therapeutin im Potsdamer ZAPP. Die Patienten kamen nicht nur aus Potsdam und Umgebung, sondern aus praktisch allen Bundesländern. Daraus entstand die Idee, in jeder größeren Stadt vergleichbare Zentren als selbstständige Praxen zu etablieren. "Nach dem Studium hatte ich nicht unbedingt geplant, mich in näherer Zukunft selbstständig zu machen. Auch Forschung war eine Option", erinnert sich Jenny v. Frankenberg. "Ich fand es aber auch spannend, theoretisches Wissen in die Praxis zu bringen. Dazu gab mir die Selbstständigkeit Gelegenheit. So habe ich mich am Ende dafür entschieden." Da sie aus Berlin stammt, lag es nahe, die Praxis in ihrer Heimatstadt zu eröffnen.
Doch bevor die Therapeutin ihre ersten Patienten begrüßen konnte, hatte sie noch größere bürokratische Hürden zu überwinden. Als Absolventin des deutschlandweit bisher praktisch einmaligen Studiengangs erhielt sie zunächst keine Krankenkassen-Zulassung für die Sprachtherapie. In Deutschland führt der Qualifikationsweg dorthin in der Regel, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, über eine Ausbildung und nicht über ein Studium. "Von den Krankenkassen musste ich mir die Frage anhören, ob es denn zulässig sei, dass eine Hochschulabsolventin in der Therapie arbeite", ärgert sich Jenny v. Frankenberg noch heute, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. Vier Jahre dauerte es, bis sie schließlich für die Behandlung von Sprachstörungen nach Schädigung des Gehirns und Sprachentwicklungsstörungen eine Zulassung erhielt. Damit hatte sie einen Präzedenzfall geschaffen: Absolventen der Patholinguistik erhalten diese Zulassung heute leichter. Für den Teilbereich Kindertherapie müssen sie dazu lediglich noch Praktika, aber keine Zusatzausbildung nachweisen.

Bild
Spielend Sprachprobleme überwinden:
Kleine und große Patienten erhalten eine Therapie
nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Foto: Fritze

Für die Bachelor-Studierenden wird sich die Situation wesentlich vereinfachen. Die Spitzenverbände der Krankenkassen haben gerade neue Zulassungsempfehlungen erarbeitet und werden auf Antrag akademische Studiengänge nach deren Kompatibilität prüfen. Selbstverständlich wird die Potsdamer Patholinguistik sich dem Zulassungsverfahren für Teilbereiche der Sprachtherapie stellen.
Im März 2006 konnte Jenny v. Frankenberg schließlich ins Abenteuer Selbstständigkeit starten. Fachlich hat sie zwar das Know how der Universität im Rücken. Das finanzielle Risiko als Unternehmerin muss sie aber selbst tragen. "Manchmal war mir schon etwas mulmig, wenn ich an den über zehn Jahre ausgelegten Kredit dachte", gibt die Jungunternehmerin zu. Am Anfang war es auch recht mühsam, Werbung in eigener Sache bei den Ärzten zu machen. Fast jedem musste sie zunächst erklären, was Patholinguistik eigentlich ist. Begonnen hat sie mit einer Therapiesitzung pro Woche. Mittlerweile hat sie aber schon so viele Patienten, dass sie momentan keine weiteren Therapieplätze anbieten kann. Nicht nur aus dem Kiez kommen die Patienten zu ihr, sondern aus der ganzen Stadt und mitunter auch schon von weiter her. "Ich bin auf dem besten Weg, das Berliner ZAPP als Anlaufstelle für Problemfälle zu profilieren", freut sich Jenny v. Frankenberg.
Wie das ZAPP in Potsdam kooperierte sie auch mit ihrer Praxis von Anfang an eng mit dem Studiengang Patholinguistik der Universität. So kann sie Diagnostik, Beratung und Therapie bei Störungen der Sprache, des Sprechens, der Stimme und des Schluckens nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen anbieten. Dem wissenschaftlichen Beirat gehören neben Ria De Bleser weitere Professorinnen aus der Universität Potsdam an. Regelmäßig wird das Therapiezentrum zudem von Uni-Wissenschaftlern evaluiert, um die hohe Qualität von Diagnostik und Therapie zu gewährleisten. Derartige Qualitätskontrollen kann keine herkömmliche Logopädie-Praxis bieten. Auf der anderen Seite können Studierende der Patholinguistik in der Praxis von Jenny v. Frankenberg Praktika absolvieren und sich so erste Sporen im Kontakt mit Patienten erwerben. Die Universität kann somit eine praxisnahe Ausbildung anbieten. "Ich glaube, dass mit den ZAPPs ein beispielhaftes Projekt für ehemalige Studierende der Patholinguistik entstanden ist", unterstreicht Jenny v. Frankenberg.
In ihrer Praxis behandelt sie Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene. Ihre jüngsten Patienten sind erst ein halbes Jahr alt. "Kinder kommen überwiegend mit Sprachentwicklungsstörungen, beispielsweise Störungen der Lautbildung, des Satzbaus oder der Wortfindung, verspätetem Sprechbeginn oder Stottern. Erwachsene benötigen ihre Hilfe dagegen meist bei Sprachproblemen nach Schlaganfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen. Jenny v. Frankenberg bietet darüber hinaus auch Hilfe bei Lese-Rechtschreibstörungen im Rahmen der ZAPP-Lerntherapie, zappl genannt, an. Auch hier gibt es eine enge Kooperation mit der Universität und dem Potsdamer ZAPP. Das zappl-Konzept wurde maßgeblich von Dr. Nicole Stadie und Bente von der Heide für die Potsdamer Therapieeinrichtung entwickelt. "Für diese Therapie gibt es praktisch keine Altersgrenze", weiß die Sprachtherapeutin. "Mein ältester Patient mit Lese-Rechtschreib-Schwäche war schon über 50 Jahre alt." Weitere Angebote, wie Stimm- und Sprechtraining für Sprechberufler, Entspannungsverfahren sowie Fort- und Weiterbildung für Studierende der Patholinguistik, Fachkollegen oder Institutionen kommen hinzu.
Für die Zukunft stellt sie sich vor, sich in der Hälfte der Zeit der Therapie zu widmen und in der anderen Hälfte wieder selbst zu forschen. In diesem Frühjahr hat sie ihre erste freie Mitarbeiterin eingestellt, die regelmäßig für das ZAPP arbeitet. Mittlerweile sind es schon drei - natürlich alle Absolventinnen der Potsdamer Patholinguistik. Wenn alles gut klappt, will sie auch an Familienplanung denken. "So richtig passt es eigentlich nie", sagt sie, "also kann man es auch jetzt tun".

Bettina Micka


Kontakt: Dr. Jenny v. Frankenberg, ZAPP, Frankfurter Allee 63, 10247 Berlin, Tel.: +493042083562, E-Mail: jvf(at)zapp-berlin.de, www.zapp-berlin.de

CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Armbruster
[Letzte Aktualisierung 06.12.2007, Schroeter]