Logo alumni
4. Ausgabe: Dezember 2006
Linie links Aktuelle Pressemitteilungen der Universität Potsdam Linie mitte Startseite der Universität Potsdam Linie mitte Referat für Presse-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit Linie rechts

Kommunikation am Kickertisch

Politologe Thomas Wolter leitet die Kommunikations-Agentur "Brille und Bauch"

After finishing his studies in political science, Thomas Wolter began the job search. Shortly thereafter, he realized that the opportunities were rather grim for people with no professional experience. At last, an internship at a public relations agency led to regular employment and helped him gain a footing in professional life. After switching to another agency, Thomas Wolter slowly began to think about starting his own firm. Together with a colleague, he founded a communication agency "Brille und Bauch". In the meantime, they have established themselves on the market and already have a number of employees.

Nach dem Studium der Politikwissenschaft begab sich Thomas Wolter auf Jobsuche. Bald musste er feststellen, dass ohne Berufserfahrung die Aussichten düster waren. Zum Einstieg ins Berufsleben verhalf ihm schließlich ein Praktikum in einer PR-Agentur, das in eine feste Anstellung mündete. Nach dem Wechsel in eine andere Agentur kam langsam der Wunsch auf, so etwas selbst auf die Beine zu stellen. Ein Kollege teilte seine Vorstellungen. Zusammen gründeten sie die Kommunikationsagentur "Brille und Bauch". Inzwischen haben sie sich am Markt etabliert und konnten schon Mitarbeiter einstellen.


Will keinen Job nach Stechuhr: Thomas Wolter.
Foto: privat

Dass ich nach dem Studium Unternehmer werden würde - damals war das für mich undenkbar. Damals, das war 1998. Im September bestand ich die letzte Prüfung. Nun hatte ich den offiziellen Titel "Diplom-Politikwissenschaftler". Nun hieß es auch, die Zukunft zu planen. "Taxifahrer mit Universitätsabschluss", war meine gängige Antwort, wenn mich Bekannte fragten, was wohl nach dem Studium kommt. Tatsächlich hatte ich mir wenig Gedanken gemacht. Ich hatte es schlicht verdrängt. Ich vermied es, Statistiken über Geisteswissenschaftler als Berufseinseiger zu lesen. Zu pessimistisch schienen mir die Chancen, einen Beruf zu finden - einen "ordentlichen Beruf", wie es meine besorgte Verwandtschaft immer nannte.
Die Stellenangebote in den Wochenendzeitungen wurden zur Pflichtlektüre, die in dieser Zeit wenigen Internetjobbörsen täglich durchsucht. Dass die Trefferzahl gering war, machte mich zusehends besorgter. Sporadisch kamen Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, die dann mit freundlichen Absagen endeten. "Melde Dich doch beim Arbeitsamt", war ein wohlgemeinter Tipp. Dort erhielt ich als erste Auskunft: "Arbeitslosengeld gibt's für Ex-Studenten nicht!" Das wusste ich bereits, trotzdem bat ich um Beratung. Die Bearbeiterin gab mir einen Fragebogen, auf dem fast einhundert Fähigkeiten, von EDV-Kenntnissen bis Fremdsprachen, aufgeführt waren. "Aber nicht mehr als fünfzehn Punkte ankreuzen!", so ihr freundlicher Hinweis. "Wir melden uns."
Mir war bald klar, dass ich hier keine Unterstützung erwarten konnte. So war ich dann auch bereit, mich auf Stellenausschreibungen zu bewerben, die Jobs in Hamburg oder München anboten - sei es nun als Halbtagsstelle oder befristet. Wieder erhielt ich nur Ablehnungen, meine Erfahrungen waren zu gering. Ich sprach gezielt Bekannte an. Und tatsächlich, damit hatte ich Erfolg. Eine PR-Agentur in Berlin suchte zwar nur einen Praktikanten, aber es war für mich die Chance, Berufserfahrungen zu sammeln.
Es war die Deutschlandrepräsentanz einer Zürcher Agentur, ein kleines Team aus Geschäftsführerin und Junior-Chef. Für meine künftigen Chefs war es dabei kein Problem, dass ich keine Erfahrung auf dem Gebiet hatte. Die Arbeit selbst stellte sich als spannend heraus. Und ich merkte, dass mein Studium doch eine wichtige Fähigkeit geschult hat: Sich in verschiedene, interdisziplinäre Sachverhalte schnell einarbeiten zu können. Genau das war in meinem neuen, dem ersten Beruf erforderlich. Sei es bei einem internationalen politischen Mandat, bei der Betreuung von Venture Capitalisten oder eines Schweizer Stardesigners. Bald schrieb ich selbst Beiträge für unsere Mandanten und reichte sie bei den Redaktionen ein. Auch das war ein Lernprozess: Meine ersten Artikel waren geprägt von einer wissenschaftlichen Sprache. Ich musste mich umstellen und "schreiben lernen". Kurz vor Ablauf des Praktikums kam das Angebot für eine Festanstellung. Ich blieb noch ein Jahr in Berlin, wollte aus privaten Gründen aber unbedingt nach Potsdam zurück.
Zufällig las ich einen Beitrag über eine Potsdamer Agentur, der ich daraufhin meine Unterlagen schickte. Prompt kamen die Einladung zu einem Gespräch und das Stellenangebot. Das Team in Potsdam war größer, ein mittelständischer Betrieb. In den gemeinsamen Mittagspausen stellten meine Kollegen und ich uns vor, wie es wäre, selbstständig zu sein. Wir trauten uns das durchaus zu, betreuten wir doch die Kunden weitgehend eigenständig. Durch die Öffentlichkeitsarbeit für diverse Existenzgründerinitiativen wie den Businessplanwettbewerb, die Gründertage und das Existenzgründerinstitut waren uns die Voraussetzungen für den Schritt in die Selbstständigkeit bekannt. Alles wurde durchgeplant: Finanzierungsmodelle geprüft, Fixkosten berechnet und ein Name für unsere Firma überlegt. Für mich stand fest, dass ich nur gemeinsam mit meinem Kollegen diesen Schritt wagen würde. Als Miniteam schienen mir die Erfolgsaussichten größer, auch ergänzen wir uns durch unterschiedliche persönliche Stärken.


Auf Expansionskurs: Die Agentur "Brille und Bauch"
hat inzwischen mehrere Mitarbeiter.
Foto: privat

Zum 1. Januar 2004 änderte die Bundesregierung eine für uns entscheidende Einschränkung beim Überbrückungsgeld: Kündigte man seine Stelle, so konnten man nun diese Unterstützung in Anspruch nehmen - sofern man sich sofort arbeitslos meldet. Und genau das taten mein Kollege und ich. Wieder überraschte uns das Arbeitsamt. Diese Regelung war dort zunächst noch nicht bekannt.
Im März 2003 gründeten wir unsere Kommunikationsagentur "Brille und Bauch" und bezogen ein Büro im Holländischen Viertel in Potsdam. Wir hatten lange überlegt, wie wir uns nennen sollen und entschieden uns schließlich für "Brille und Bauch". Die IHK Potsdam dachte, wir wären eine Fleischerei, die Sehhilfen im Sortiment anbietet. Der Name steht auch nicht für Äußerlichkeiten der Gründer. Es gibt vielmehr unsere Philosophie und unseren Anspruch an Kommunikation wieder: "Brille" bedeutet Weitsicht und Durchblick, "Bauch" steht für Emotionen und Gefühl. Beides, den "Bauch" und die "Brille", lassen wir in unsere tägliche Arbeit einfließen.
Leerlauf gab es für uns nicht, die ersten Kunden wollten sofort betreut werden. Jetzt, fast vier Jahre später, haben wir uns etabliert. Wir mussten lernen, unternehmerisch zu denken, nicht in Panik zu verfallen, wenn ein Mandat zurückgezogen wird. Neue Kunden sind gekommen, die meisten auf Empfehlung. Auch sind wir nicht mehr nur zu zweit: Praktikanten, Volontäre und freie Mitarbeiter wurden eingestellt. Leistungen, die wir nicht selbst anbieten können, bieten wir durch ein Netzwerk aus Grafikern, Druckereien und Autoren.
Unser jetziges Berufsleben unterscheidet sich sehr von unserer Zeit als Angestellte: Früher war da immer noch der "Boss". Nun müssen wir uns selbst gegenüber Kunden rechtfertigen, als Verkäufer auftreten, um neue Mandanten akquirieren, die unsere Existenz sichern. Wichtig ist die Eigenverantwortung, die uns als Angestellte zu oft fehlte, die Freiheit, zu entscheiden. Mir ist klar, dass wir jetzt auch Verantwortung für unsere Mitarbeiter haben. Dass wir ihnen regelmäßig ihr Gehalt zahlen und eine angenehme Arbeitsatmosphäre bieten müssen.
Arbeitszeit nach Stichuhr wollen wir nicht. Wir arbeiten länger, wenn nötig. Wir gönnen uns aber auch die Freiheit, die Mittagspause auszudehnen oder an manchen Tagen das Büro eher zu verlassen. In unserem Büro steht ein Kickertisch - vielleicht auch ein Symbol für den Willen, vieles anders zu machen.
Rückblickend sage ich ohne zu zögern: Ich habe alles richtig gemacht. Was in zehn, zwanzig Jahren ist? Keine einfache Prognose. Als Selbstständiger kann man nur schwer über einen so langen Zeitraum planen, höchstens Zielmarken festlegen. Mein Ziel: Eine Agentur zu führen, die in Potsdam für ihre gute Arbeit bekannt ist und die erfolgreich am Markt besteht.

Thomas Wolter

Kontakt: Thomas Wolter
Brille und Bauch
Agentur für Kommunikation KG
Benkertstraße 2
14467 Potsdam
info(at)brilleundbauch.de
www.brilleundbauch.de

CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Armbruster
[Letzte Aktualisierung 1.12.2006, Schroeter]