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Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine normative Theorie zur moralischen Bewertung von Handlungen. In einer einfachen Formulierung lautet das utilitaristische Grundprinzip: „Handle so, dass die Folgen deiner Handlung bzw. Handlungsregeln für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.“  Damit möchte der Utilitarismus ein Kriterium bereit stellen, mit dessen Hilfe Handlungen, Normen und Institutionen moralisch beurteilt werden können. Seit seiner Entstehung im späten 18. Jahrhundert hat der Utilitarismus eine starke Ausdifferenzierung erfahren. Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum haben sich zahlreiche Spielarten des Utilitarismus entwickelt. So sollte man heute nicht mehr von dem Utilitarismus als homogene Theorie sprechen, sondern eher vom „Utilitarismus“ als Überbegriff eines ganzen Bündels unterschiedlicher Theorieansätze. Dennoch lassen sich einige Prinzipien festhalten, die allen utilitaristischen Ansätzen gemein sind.
Als Begründer des klassischen Utilitarismus gelten Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873). In seiner Schrift „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung“ (1789) stellt Bentham den Utilitarismus erstmals in einer systematischen Form vor. Als Rechtswissenschaftler und Nationalökonom war Bentham insbesondere daran gelegen die gesellschaftlichen Institutionen und die Rechtsordnung in Großbritannien zu verbessern und nach gerechteren Maßstäben auszurichten. Mill greift seine Ideen in „Der Utilitarismus“ (1863) auf und modifiziert sie so, dass sie der sofort entstandenen Kritik besser standhalten können.

Vier utilitaristische Prinzipien

Das Konsequenzprinzip

Utilitaristische Ansätze sind konsequentialistische Theorien. Das bedeutet, dass sie bei der Beurteilung einer Handlung stets deren Folgen betrachten. Sind die Folgen einer Handlung überwiegend positiv, wird auch die Handlung als positiv bewertet. Ist jedoch voraussehbar, dass die Folgen überwiegend negativ ausfallen, ist die Handlung zu unterlassen oder eine andere Handlungsalternative zu wählen. Andere Faktoren, wie z.B. die Motivation des Akteurs spielen im klassischen Utilitarismus eine untergeordnete Rolle.

Das Nutzenprinzip

Möchte man nun die Folgen einer Handlung beurteilen, so wird ein Maßstab benötigt, mit dessen Hilfe festgelegt werden kann, welche Auswirkungen als positiv bzw. negativ zu bewerten sind. Der Utilitarismus schlägt hier den Nutzen einer Handlung vor. Daher leitet sich auch sein Name von dem lateinischen Wort utilitas (= der Nutzen) ab. Die Folgen einer Handlung sind also dann positiv, wenn sie einen möglichst hohen Nutzen für alle Beteiligten bringen.

Das hedonistische Prinzip

Der Nutzen darf jedoch nicht auf ein beliebiges Ziel ausgerichtet sein. Vielmehr ist eine Handlung dann nützlich, wenn sie zur Förderung des Guten beiträgt. Damit ist der Utilitarismus eine teleologische Ethik, die auf ein bestimmtes Ziel (= das Gute) ausgerichtet ist. Bentham geht von einem hedonistischen Menschenbild aus. Für ihn wird der Mensch von zwei Zuständen bestimmt: Freude und Leid. Der Mensch strebt stets nach der Maximierung von Lust und der Verminderung von Leid. Dementsprechend ist eine Handlung in dem Maße gut, wie sie angenehme Erlebnisse fördert bzw. Leid vermindert. Das Glück einer Gruppe ergibt sich aus der Summierung der Glücksempfindungen ihrer Mitglieder. Dabei differenziert Bentham keine Arten von Lustempfindung. Ein banales Kinderspiel zu spielen kann demnach genauso wertvoll sein, wie ein gutes Gedicht zu lesen, wenn es die gleiche Intensität von Freude auslöst. Aufgrund dieser provokativen Behauptungen wurde Bentham vorgeworfen, er vertrete eine reine Genussethik. John Stuart Mill tritt diesem Vorwurf entgegen, indem er Freuden nicht mehr rein quantitativ aufrechnet sondern auch qualitativ unterscheidet. Neben den körperlichen Freuden (z.B. Essen, Trinken, Sexualität) treten geistige, kreative und soziale Freuden, die qualitativ höher zu bewerten sind. So schließt Mill: „Es ist besser ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“

Das universalistische Prinzip

Das universalistische Prinzip besagt, dass bei der Berechnung des Nutzens nicht nur die Interessen des einzelnen Akteurs berücksichtigt werden dürfen, sondern dass die Folgen einer Handlung daraufhin geprüft werden müssen, welche Auswirkungen sie für alle Personen haben, die von der Handlung betroffen sind. Dabei müssen die Einzelinteressen stets gleich gewichtet werden und es darf keine Bevorzugungen oder Benachteiligungen einzelner Individuen auftreten.
Anhand dieser vier Prinzipien lässt sich ein Nutzenkalkül durchführen, bei dem die Vor- bzw. Nachteile einer Handlung gegeneinander aufgewogen werden und letztendlich eine Entscheidung getroffen werden kann, wie die Handlung moralisch zu bewerten ist.

Positive Kritik

Betrachtet man utilitaristische Theorien unvoreingenommen, so zeigen sich vor allem zwei Aspekte, die den Utilitarismus als attraktive Position erscheinen lassen.  Zunächst ist das utilitaristische Nutzenkalkül ein sehr rationales Verfahren, das unabhängig von metaphysischen Entitäten bestehen kann. Hier wird kein Gott, kein Gewissen oder eine sonstige transzendentale Instanz als Garant für Moralität gefordert. Vielmehr beruhen moralische Entscheidungen auf rationalen Erwägungen, die jeder Mensch nachvollziehen kann. Dies entspricht dem Anspruch einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft.
Ein anderer Vorteil besteht darin, dass die vier utilitaristischen Prinzipien unseren moralischen Intuitionen entsprechen. Dass bei der Beurteilung einer Handlung die Folgen eine Rolle spielen sollten und dass diese gut sind, wenn sie nützlich sind, ist genauso konsensfähig wie die Annahme, dass Glücksempfinden erstrebenswert ist und dabei die Interessen eines jeden Mensch gleichermaßen berücksichtigt werden sollten. Eine wirksame Kritik des Utilitarismus sollte also nicht versuchen, diese Prinzipien zu widerlegen, sondern zu zeigen, dass utilitaristische Theorien die Prinzipien nicht in dem Maße erfüllen, wie sie vorgeben.

Negative Kritik

Allerdings lassen sich auch zahlreiche Kritikpunkte anführen, die den Utilitarismus als unzureichende Theorie erscheinen lassen. So ergeben sich bei der praktischen Durchführung einer Nutzenkalkulation unabsehbare Schwierigkeiten. Nach dem universalistischen Prinzip sind alle von der Handlung betroffenen Personen einzubeziehen. Jedoch ist bei vielen Handlungen schwer festzustellen, wer genau betroffen ist und wie groß dieser Personenkreis ist. Zudem benötigt man Informationen über die Quantität der Glücks- bzw. Leidempfindung aller Personen und muss diese dann gegeneinander aufrechnen. Mögen Entscheidungen, die tatsächlich nur einen sehr kleinen Personenkreis betreffen (z.B. einem alten Menschen über die Straße zu helfen), noch relativ einfach sein, so sind Überlegungen, die sich auf größere Systeme (z.B. das Bildungssystem) auswirken, wesentlich komplexer und nahezu unmöglich, da man mit Daten rechnen müsste, über die man nicht verfügen kann.
Genauso stellt auch das Konsequenzprinzip ein problematisches Element im Nutzenkalkül dar. Die Folgen einer Handlung können immer nur so abgeschätzt werden, wie sie voraussichtlich eintreten werden. Jedoch können sich Umstände ergeben, unter denen Konsequenzen entstehen, die vorher nicht feststellbar gewesen sind. Dadurch können Handlungen immer erst im Nachhinein richtig beurteilt werden.
Neben den Folgen einer Handlung gibt es außerdem weitere Faktoren, die intuitiv in moralische Überlegungen einbezogen werden. Habe ich beispielsweise das Versprechen gegeben eine bestimmte Handlung auszuführen, oder ist jemand betroffen, zu dem ich in einer besonderen Beziehung stehe, ergeben sich weitere moralische Pflichten, die bei der bloßen Betrachtung der Handlungsfolgen unberücksichtigt bleiben.
Der am häufigsten und insbesondere von John Rawls angeführte Kritikpunkt besteht darin, dass der Utilitarismus nicht unserer Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit entspricht. Im klassischen Utilitarismus wird immer der Gesamtnutzen betrachtet, der sich aus dem Nutzen der einzelnen Individuen zusammensetzt. Dabei spielt es keine Rolle, wie die Verteilung unter den Individuen aussieht. Es ist also vorstellbar, dass in einer Gesellschaft Einzelpersonen oder Minderheiten starke Benachteiligungen erfahren, was jedoch zu einer Steigerung des Gesamtnutzens führt und somit aus utilitaristischer Sicht nicht nur moralisch erlaubt, sondern sogar geboten ist. Im konkreten Fall bedeutet das: wenn ich die Wahl habe einen unschuldigen Menschen zu töten, um fünf andere zu retten, ist es geboten den Einen zu töten. Zwar wird das Leid, das der Eine erfährt, durchaus in das Nutzenkalkül einbezogen, jedoch steht dem entgegen, dass fünf Menschen überleben, was in der Gesamtrechnung weit gewichtiger zählt. Der Eine muss also geopfert werden. Mit einer utilitaristischen Ethik lässt sich somit rechtfertigen, dass Menschenrechte einzelner Individuen verletzt werden, wenn dies zugunsten der kollektiven Glücksbilanz geschieht.
Dies sind nur einige von zahlreichen weiteren Kritikpunkten. Dennoch kann man schon an dieser Stelle zu dem Schluss gelangen, dass der Utilitarismus in seiner klassischen Form „keine zureichende moralphilosophische Position“  darstellt.

Varianten des klassischen Utilitarismus

Handlungs- und Regelutilitarismus

In den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde v.a. von den Autoren John J. C. Smart, Richard B. Brandt und James O. Urmson eine Neuinterpretation des bis dahin stark in Verruf geratenen Utilitarismus vorgeschlagen, die die Diskussion neu beleben sollte. Demnach ist eine Unterscheidung zu treffen zwischen Handlungs- und Regelutilitarismus. Der Handlungsutilitarismus ist eine extreme Form des Utilitarismus, bei der jede einzelne Handlung daraufhin geprüft wird, ob sie das Allgemeinwohl fördert, oder nicht. Handlungsregeln (wie z.B. Versprechen sind zu halten) haben den Charakter von Empfehlungen oder Faustregeln.
Der Regelutilitarismus dagegen ist eine eingeschränkte Form des Utilitarismus mit einem zweistufigen Prüfverfahren. James Urmson formuliert diese Stufen folgendermaßen:
A.    Eine einzelne Handlung ist als richtig gerechtfertigt, wenn man zeigen kann, dass sie mit einer moralischen Regel übereinstimmt. Sie erweist sich als falsch, wenn man zeigen kann, dass sie eine moralische Regel verletzt.
B.    Eine moralische Regel erweist sich als korrekt, wenn man zeigen kann, dass die Anerkennung dieser Regel das letzte Ziel befördert.
In einem ersten Schritt werden also Einzelhandlungen danach beurteilt, ob sie moralischen Regeln entsprechen. Der zweite Schritt besteht dann darin zu prüfen, ob diese Regeln das Allgemeinwohl fördern. Somit verlagern sich die utilitaristischen Überlegungen von der Einzelhandlung auf bestimmte Klassen von Handlungen. Nach dem Prinzip „Wenn alle so handeln würden…“ lässt sich dann rechtfertigen, warum es sinnvoll ist, Versprechen zu halten, nicht zu lügen, nicht zu töten etc..

Durchschnittsnutzenutilitarismus

Im klassischen Utilitarismus sollte das Ziel einer Gesellschaft darin bestehen, eine möglichst hohe Nutzensumme zu erreichen. Dabei ist für Bentham die Erhöhung der Anzahl von Menschen, die Glück empfinden können, ein geeignetes Mittel, um die Nutzensumme zu erhöhen. Dies führt zu einer Bevölkerungspolitik, die Geburten fördert und Tatbestände wie Selbsttötung und Empfängnisverhütung verurteilt. Die meisten modernen Utilitaristen, insbesondere John Harsanyi, lehnen eine solche Haltung ab. Als Gegenmodell wird der Durchschnittsnutzenutilitarismus vorgeschlagen. Entscheidend ist demnach nicht mehr die Nutzensumme, sondern die Steigerung des Nutzens pro Kopf. So spielt nicht nur die reine Quantität eine Rolle, sondern v.a. auch die Qualität des Nutzens für die Einzelpersonen.

Präferenzutilitarismus

Der Präferenzutilitarismus versucht eine neue Definition des Nutzens. Verstanden Bentham und Mill unter Nutzen das individuelle Glücksempfinden (pleasure), so richtet der Präferenzutilitarismus den Fokus auf die Interessen und Wünsche der Individuen. Der Nutzen wird gesteigert, wenn möglichst viele Wünsche der betroffenen Personen erfüllt werden. Vertreten wird diese Position besonders von Richard Mervyn Hare und Peter Singer.

Literatur

•    Höffe, Otfried (Hg.): Einführung in die utilitaristische Ethik, 4. Aufl., Tübingen 2008
Standardwerk zur Einführung in den Utilitarismus mit sehr gut verständlichem Vorwort von Otfried Höffe, in dem alle wichtigen Punkte erklärt werden. Weiterhin Ausschnitte aus den Originaltexten zum klassischen Utilitarismus von Bentham, Mill und Sidgwick und zur aktuelleren Diskussion von Urmson, Rawls, Smart, Brandt und Lyons.

•    Kymlicka, Will: Politische Philosophie heute. Eine Einführung. Frankfurt/Main; New York 1997
Das zweite Kapitel „Der Utilitarismus“ gibt einen systematischen Überblick über die Grundlagen des Utilitarismus und auch über die häufigsten Diskussionspunkte. Anhand von Beispielen werden unterschiedliche Formen des Utilitarismus vorgestellt. Im weiteren Verlauf des Buches wird der Utilitarismus in Bezug gesetzt zu anderen Theorien der politischen Philosophie (Liberalismus, Libertarismus, Marxismus, Kommunitarismus, Feminismus).

•    Gesang, Bernward: Eine Verteidigung des Utilitarismus. Stuttgart 2003.

Gesang verteidigt den Utilitarismus gegen die geläufigsten Vorwürfe. Dabei gibt er einen grundlegenden Überblick über die Theorie und behandelt alle entscheidenden Punkte.

Links

http://www.utilitarianism.com/jeremy-bentham/index.html

Volltext: Jeremy Bentham: Introduction to the Principles of Morals and Legislation


http://www.gutenberg.org/files/11224/11224-h/11224-h.htm

Volltext: Johan Stuart Mill: Utilitarianism


http://plato.stanford.edu/entries/utilitarianism-history/

Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy zur Geschichte des Utilitarismus

Am Seitenende befinden sich Links zu verwandten Themen (einzelne Autoren, Konsequentialismus, Hedonismus, etc.)

Englisch

 

http://www.textlog.de/5314.html

Eintrag im Wörterbuch der philosophischen Begriffe von Rudolf Eisler

 

http://www.utilitarianism.com

Umfangreiche Material- und Linksammlung zu alle Themenbereichen und wichtigen Autoren des Utilitarismus. Zugriff auf Volltexte von Smith, Bentham, Sidgwick, Singer, u.a.. Leider gibt es keine direkten Informationen über den Autor der Seite.

Englisch

 

http://www.rsrevision.com/Alevel/ethics/utilitarianism/resources.htm

Pdf-Dateien zum Herunterladen mit prägnanten und unterhaltsamen Darstellungen.

 

http://www.joergschroth.de/texte/uuvg.html

Wissenschaftlicher Fachartikel von Joerg Schroth aus der Zeitschrift für philosophische Forschung zur Frage, ob das Maximierungsprinzip mit Verteilungsgerechtigkeit vereinbar ist


Andere Medien

http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/ethik/utilitarismus/audio

Hörspiel von Bayern2 über John Stuart Mill und die Aktualität seiner Theorie.

Sehr empfehlenswert!

 

http://www.ucl.ac.uk/Bentham-Project/who/bentham_ucl

Kurzes Video über Jeremy Bentham und seine Verbindung zum University College London. Auch sonst finden sich interessante Informationen zur Bentham-Forschung

In Englisch