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Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Über die Möglichkeit, ein Semester im Ausland studieren zu können, erfuhr ich ganz klassisch bei der alljährlichen International Week im Winter 2019, meinem dritten Semester. Vor meinem inneren Auge sah ich mich zwar schon auf wilden Erkundungstouren in ganz Europa, jedoch gab es ein winziges Problem: Die Rechtswissenschaft ist als einziger Studiengang in Deutschland nicht im Rahmen der Bologna Reform europaweit vereinheitlicht worden. Mal eben in ein anderes Land abzwitschern und dort easy ein paar Credits einsacken, funktioniert nicht. Zwar hatte ich Lust auf ein Abenteuer, aber auf eine Verlängerung meiner Regelstudienzeit und somit der Preisgabe meines Freiversuchs sicherlich nicht. Was also tun?


Studienfach: Rechtswissenschaft

Aufenthaltsdauer: 09/2021 - 01/2022

Gastuniversität: Université de Montpellier I

Gastland: Frankreich

Glücklicherweise wurde durch den Austauschkoordinator der Juristischen Fakultät, Herrn Prof. Zimmermann, eine Veranstaltung extra für Jurastudierende anberaumt, die vor den gleichen Problemen standen wie ich. Dort erfuhren wir, dass wir zwar kein reguläres Semester im Ausland absolvieren können, jedoch aber Kurse für den in unseren Studiengang integrierten Bachelor of Law. Bei Einreichen eines entsprechenden Leistungsnachweises aus dem Auslandssemester beim GJPA wird dieses dann nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet (siehe § 13 II Nr. 4 BbgJAO). Die bisher absolvierte Studienzeit wird also quasi für die Zeit des Aufenthalts im Ausland „eingefroren“. Dass sich durch Corona meine Pläne um ein Jahr nach hinten verschieben würden und die Online-Semester nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet wurden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Dies ist auch der Grund, weshalb ich mich an Einzelheiten zur weiteren Vorbereitungen nicht mehr so genau erinnern kann. Die Kontaktaufnahme mit der Gastuni erfolgte nach der Bewerbung über das International Office und war absolut unkompliziert. Auch die Bewerbungsunterlagen, die noch einmal gesondert in Montpellier einzureichen waren, stellten kein Problem dar. Darüber hinaus ließ ich mich beurlauben, um mich voll und ganz auf die Uni in Frankreich einlassen zu können und nicht parallel für zwei Unis arbeiten zu müssen. Da für ein Studium in Frankreich mindestens ein B2 Sprachniveau gefordert wird, absolvierte ich im Vorfeld noch eine dementsprechende Prüfung beim Institut Français. Sich gut mit der Sprache auseinanderzusetzen bevor man die Reise antritt, kann ich jedem wärmstens empfehlen. Vor Ort ist man in der Uni und im gesamten Alltag ohne ausreichende Französischkenntnisse wirklich aufgeschmissen.

Studium an der Gastuniversität

Die Veranstaltungen an französischen Unis teilen sich in sog. „Cours magistral“ (CM) und in „travaux dirigés“ (TD) auf, also Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften. Als Erasmus-Student war es mir an meiner Fakultät leider untersagt, an den TDs teilzunehmen, weshalb ich nur von den Vorlesungen berichten kann. Diese haben mir ehrlich gesagt überhaupt nicht gefallen. Der jeweilige Prof liest im wahrsten Sinne des Wortes über 1,5 bis 3 Stunden Wort für Wort aus seinem Skript vor, und der ganze Hörsaal tippt wie wild mit. So sehr ich auch versucht habe, mich zu konzentrieren, irgendwann wird es aufgrund der Monotonie einfach unmöglich, dauerhaft zuzuhören. Das, was eine Vorlesung ausmacht, nämlich dass ein tief in der Materie steckender Prof auch abseits des Pflichtstoffes interessante Fakten nennt und für das Fach begeistern kann, fehlte hier leider komplett. Vorne am Pult hätte statt eines Wissenschaftlers genauso gut eine x-beliebige Person sitzen können, um über Stunden vorzulesen. Die einzige Veranstaltung in der Woche, die genau das erfüllen konnte, war mein Sprachkurs. Zwar war der relativ spät abends und am anderen Ende der Stadt, aber das war es wert. In einer entspannten Runde von ca. 20 Leuten aus unterschiedlichsten Ländern verbrachten wir jedes Mal eine schöne Zeit, lachten viel und lernten französische Kultur und Sprache noch besser kennen. Es lohnt sich, zeitnah französische Kommilitonen anzusprechen, und nach deren Notizen oder noch besser, dem Discord Link für den jeweiligen Jahrgang zu fragen. Dort findet sich alles, was das Studentenherz vor der Klausur begehrt! Man braucht auch wirklich keine Angst haben, Leute nach der Vorlesung oder in der Bib anzusprechen! Die allermeisten sind sehr aufgeschlossen und helfen gern. Die Klausuren am Ende des Semesters waren an meiner Fakultät in allen Fächern mündlich. Einer nach dem anderen wurde in das Büro des jeweiligen Profs aufgerufen und über den Stoff abgefragt. Bis auf eine Ausnahme herrschten in allen Prüfungen eine entspannte Atmosphäre, bei der es vor allem darum ging, sich im jeweiligen Fach sicher auf Französisch ausdrücken zu können und einen Überblick über das Fachgebiet zu haben. Bei einem Skriptumfang von 50 bis 80 Seiten pro Fach war dies auch mehr als fair! Auch hier gibt es also keinen Grund zur Panik, wenn man nicht erst eine Woche vorher mit der Vorbereitung anfängt. Zum Lernen nutzte ich sehr gern die „Bibliothèque Universitaire Richter“. Zum einen ist dies aufgrund der tollen Architektur ein schöner Ort, um seine Zeit zu verbringen. Zum anderen befindet sich auf dem gleichen Campus noch eine Mensa und fußläufig davon auch der Fluss Lez; kurzum: die ideale Umgebung für erholsame Lern- und Mittagspausen! Allgemein herrscht an französischen Unis, anders als in Deutschland, eine klare Hierarchie zwischen Studenten und Profs sowie Verwaltungsmitarbeitern. Hat man sich jedoch erst einmal an diesen anderen Umgangston gewöhnt, bekam man von den Mitarbeitern bei der Bewältigung von Bürokratie seitens der Uni auch immer Hilfe.

Kontakt zu einheimischen und internationalen Studierenden

In Montpellier Kontakt mit anderen Studenten aufzunehmen, ist wirklich kein Kunststück, da es in der Stadt (besonders ab 21 Uhr) nur so davon wimmelt! Gerade andere Austauschstudenten lernt man über sämtliche Veranstaltungen wirklich viele kennen, sodass man innerhalb kürzester Zeit ein stabiles Netz aus Freunden und Bekannten aufgebaut hat und sich wirklich nicht allein fühlt! Schwieriger gestaltet sich da schon die Beziehung zu französischen Kommilitonen. Zwar sind diese, wie oben schon erwähnt, äußerst hilfsbereit was Unimaterialien angeht, darüber hinaus sind sie aber im Durchschnitt eher desinterssiert an Austauschstudenten. Zwar gab es ein Buddy-Programm, für das man sich anmelden konnte, um das Semester über einen französichen Partner an der Seite zu haben. Jedoch meldeten sich die meisten französischen Buddys kaum bis überwiegend gar nicht bei uns Austauschstudenten, sodass der Sinn dieses Programms vollends verpuffte. Außerhalb der Uni kam ich jedoch öfter mit (älteren) Franzosen ins Gespräch, wenn man beispielsweise zufällig auf der gleichen Parkbank saß. Diese waren oft sehr interessiert, wie man ihre Stadt wahrnimmt und was uns Studenten so bewegt. Zwar sind daraus natürlich keine engeren Kontakte geworden, aber nichtsdestotrotz hellten solchen Begegnungen jedes Mal aufs Neue meine Tage auf.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Vor meiner Zeit in Montpellier konnte ich zwar auch schon auf Französisch kommunizieren, aber hatte oft Angst, Fehler zu machen und sprach daher eher wenig oder überließ es aus Scham Freunden, die besser sprechen konnten als ich. Dies änderte sich während meines Aufenthalts deutlich, denn ich hatte keine Chance, Dialoge auf andere abzuwälzen. Mit der Zeit wurde ich daher immer selbstbewusster und sicherer, was enorm dazu beitrug, mich fließend auf Französisch verständigen zu können. Ich musste lernen, meine Fehler zu akzeptieren und sie als Chance zu sehen, meine Kenntnisse noch weiter auszubauen. Ich kann daher nur raten, seine Angst zu überwinden und es einfach auf Französich zu versuchen, auch wenn eine Vokabel gerade nicht mehr präsent ist oder einem die entsprechende Konjugation im entscheidenden Moment einfach nicht einfällt. Solange man den Inhalt einigermaßen rüberbringen kann, wird man auch verstanden, und darauf kommt es schließlich an!   

Wohn- und Lebenssituation

Meine Wohnung habe ich über die Seite „studapart“gefunden. Dort gibt es eine Vielzahl an Anbietern für Studentenwohnungen. Letztendlich habe ich mich für ein 18 m2 großes Studio des Unternehmens „Kley“entschieden. Zwar sind diese deutlich teurer als die Zimmer des staatlichen „Crous“, dafür aber auch um Welten besser. Meine Wohnung war vom Wlan bis hin zur Küche mit Geschirr bereits mit allem vollständig ausgestattet, sodass ich mir kaum noch Utensilien selbst kaufen musste. Darüber hinaus war sie absolut neuwertig (Erstbezug) und in einer sicheren Gegend sowie mit einer Tram-Station direkt vor der Haustür. Um von A nach B zu kommen, habe ich mir beim städtischen Nahverkehr Monatskarten für jeweils 25 € gekauft und war damit auch absolut zufrieden. Ich habe mir kein Bankkonto in Frankreich angelegt, sondern mein bestehendes deutsches einfach weitergenutzt. Jedoch habe ich mir für den Auslandsaufenthalt eine Kreditkarte ausstellen lassen, um auf jeden Fall auch per Karte zahlen zu können. Außerdem habe ich für die Zeit in Montpellier eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. Im Allgemeinen sind die Lebensmittel in Frankreich teurer als in Deutschland. Wenn man jedoch auch regelmäßig in der Mensa essen geht, lassen sich so Kosten sparen. An Freizeitangeboten mangelt es in Montpellier wirklich nicht! Besonders gefallen haben mir die Veranstaltungen des Vereins „Erasmus Life Montpellier“, deren Organisatoren sehr darum bemüht waren, uns Austauschstudenten eine schöne Zeit zu bereiten. Von Lagerfeuer am Strand, Karaokeparties, über Wanderungen, Weinverkostungen bis hin zu einem Wochenendtrip nach Cannes, Nizza und Monaco wurde uns wirklich viel für wenig Geld geboten. Darüber hinaus hat es mir auch sehr gefallen, die Stadt für mich selbst zu erkunden und über die Zeit Lieblingsorte zu haben. Besonders gern war ich spazieren am Lez, bin durch die Altstadt geschlendert oder habe die Sonne und Aussicht auf der Promenade du Peyrou genossen. Auf dem Place de la Comédie zu sein, war ohne Frage jedes Mal schlichtweg schön. Wer sich für Mode interessiert, sollte unbedingt mal in der Galeries Lafayettes und den unzähligen Boutiquen der Innenstadt stöbern! Filmliebhabern sei das Cinéma Diagonal ans Herz gelegt. Die dort vorgeführten Filme sind bei Weitem spezieller als die des prestigeträchtigen Cinéma Gaumont und die Tickets im Übrigen auch günstiger. Die französiche Cafékultur ist einfach unschlagbar! Mit einem Platz in der Sonne, dazu ein Café, Croissant und frisch gepressten Orangensaft sowie einem guten Buch macht man wirklich nie etwas falsch. Meine liebsten Cafés waren das „Hygge Café“, das Katzencafé „le chat gourmand“ sowie die klassische Boulangerie „Campaillette“. Hoch im Kurs waren außerdem auch immer Ausflüge zum Strand, der nur eine halbe Stunde mit der Bahn oder etwas mehr mit dem Fahrrad entfernt war und wo man auch immer Flamingos sah. Mehr Urlaubsstimmung geht nicht! Zu guter Letzt sollte man es nicht versäumen, einen Wochendtrip nach Barcelona zu unternehmen. Trotz der relativen Nähe ist die Stimmung dort nochmal eine ganz andere und viel zu sehen gibt es sowieso! Barcelona war eine meiner schönsten Reisen während des Auslandssemesters und dank Flixbus, Airbnb etc. ist so ein Ausflug auch bezahlbar!

Studienfach: Rechtswissenschaft

Aufenthaltsdauer: 09/2021 - 01/2022

Gastuniversität: Université de Montpellier I

Gastland: Frankreich


Rückblick

Zusammenfassend kann ich jedem nur dringend raten, eine solche Chance zu nutzen! Ich hatte ein außergewöhnliches Semester in einer der lebenswertesten Städte Frankreichs, wo übrigens auch im Winter so gut wie immer die Sonne scheint und die Temperaturen zweistellig sind. Natürlich war es in meinem Fall kein akademischer Hit, aber es ging mir persönlich sowieso mehr darum, einmal länger im Ausland zu leben und mein Französich zu verbessern. Ich war zwar auch öfter von Heimweh geplagt, aber gerade deswegen bin ich im Nachhinein umso stolzer, das Abenteuer durchgezogen zu haben. Es war schön, ein Semester lang nicht wirklich Leistungsdruck seitens der Uni zu verspüren und auch einfach mal das Leben zu genießen. Wie schnell so etwas wegbrechen kann, haben wir alle in den letzten zwei Jahren erfahren. Also kommt in die Gänge (und nach Montpellier) und lasst dort die Seele baumeln!

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