Sprachbarrieren und soziale Medien – Wie Zugewanderte in der Corona-Pandemie besser erreicht werden können

Portrait von Prof. Dr. Jasper Tjaden
Portait von Esther Haarmann
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Prof. Dr. Jasper Tjaden, Autor der Studie und Professor für angewandte Sozialforschung und Public Policy an der Universität Potsdam
Photo : privat
Esther Haarmann, Mitautorin der Studie und Mitarbeiterin bei der IOM

Eine Studie der Universität Potsdam und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hat Ansprache und Erreichbarkeit einer Impfkampagne für die COVID-19-Impfung in den sozialen Medien untersucht. Dabei fokussierten die Forschenden vor allem auf nicht-deutschsprachige Zuwanderinnen und Zuwanderer, schätzungsweise mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland. Studien zeigen, dass Impfraten in dieser Gruppe häufig niedriger ausfallen als im Durchschnitt. „Es werden große Summen in nationale Kampagnen in Printmedien, Fernsehen und Radio investiert, um die Akzeptanz von Impfstoffen zu erhöhen. Soziale Medien hingegen werden oft vernachlässigt“, sagt Jasper Tjaden, Autor der Studie und Professor für angewandte Sozialforschung und Public Policy an der Universität Potsdam. „Viele Behörden übersetzten wichtige Gesundheitsinformationen nicht in andere Sprachen und das trotz eines hohen Anteils der nicht-deutschsprachigen Bevölkerung in Deutschland. Konventionelle Kampagnen in Zeitungen, Radio und Fernsehen schließen viele Zuwanderinnen und Zuwanderer aus, die keine deutschsprachigen Medien konsumieren“, so der Wissenschaftler. Esther Haarmann, Mitautorin der Studie und Mitarbeiterin bei der IOM, ergänzt: „Soziale Medien sind der Ort, an dem sich Fehlinformationen verbreiten. Umso wichtiger ist es, dass offizielle Informationen der Behörden gerade hier präsent sind, insbesondere am Anfang der Pandemie, bevor sich Impfskepsis verfestigt.“

Die Studie der Universität Potsdam und der IOM zeigt, wie viele Migrantinnen und Migranten durch die Sprachbarriere auf der Strecke bleiben. Allein die Übersetzung von Werbung in den Sozialen Medien in die Herkunftssprache der Zuwanderinnen und Zuwanderer steigerte das Interesse an COVID-19-Impfterminen deutlich. Bei arabischsprachigen Zielgruppen nahm die Resonanz um 133 Prozent zu, bei russischsprachigen um 76 Prozent und bei türkischsprachigen um 15 Prozent. „Würde man den Übersetzungseffekt auf alle staatlichen Kommunikationsmaßnahmen übertragen“, erläutert der Sozialwissenschaftler, „könnte die Impfrate unter den Zuwanderinnen und Zuwanderern um durchschnittlich 14 Prozentpunkte erhöht werden.“ Damit könnten wohlmöglich Impflücken gänzlich geschlossen werden, vermuten die Sozialforscher.

Bisher fehlte in Deutschland eine solide Datenbasis zum Impfverhalten von Zuwanderern. Die jetzt vorgelegte Studie der Universität Potsdam nimmt diese Gruppen erstmals in den Blick. Dabei haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eng mit dem Gesundheitsamt in Berlin-Neukölln zusammengearbeitet. Der Bezirk hofft, von den neuen Forschungsergebnissen zu profitieren und die vielfältige Bevölkerung besser zu erreichen. „Die Arbeit vor Ort ist der Goldstandard“, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes in Neukölln, Dr. Nicolai Savaskan. „Doch Online-Kampagnen können Lücken schließen und die Gesundheitskommunikation zielgruppenspezifisch unterstützen.“

Die Ergebnisse zeigen auch, dass, entgegen Annahmen in der Forschungsliteratur, Zugewanderte durchaus Vertrauen in Behörden haben. Kommunikation durch offizielle Regierungsvertreter erzeugten eine höhere Resonanz auf Facebook als Ärzte, Familien oder religiöse Autoritäten.
Die Studie wurde auf Facebook durchgeführt und basiert auf einer Reihe von sogenannten AB-Tests, bei denen verschiedene Kampagneninhalte miteinander verglichen werden können. Zuvor haben die Autoren die Inhalte anhand von qualitativen Interviews und einer Fokusgruppe mit lokalen Akteuren, die mit Migrantengemeinschaften in Berlin arbeiten, abgestimmt.

Zur Veröffentlichung:https://gmdac.iom.int/promoting-covid-19-vaccination-uptake-among-migrant-communities-social-media-evidence-germany

Kontakt: Prof. Dr. Jasper Tjaden, Professor für angewandte Sozialforschung und Public Policy
Telefon: 0331 977-3418
E-Mail: jasper.tjadenuni-potsdamde

Medieninformation 11-02-2022 / Nr. 012