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Auf Umwegen zum Traumberuf – Charlyn Jähn ist Absolventin der Uni Potsdam und arbeitet als Seniorreferentin für strategische Personalgewinnung

Was willst du denn damit später mal machen? Die Frage nach der Verwertbarkeit ihres Studiums quittieren Studierende bisweilen lieber mit Schulterzucken als mit einer eindeutigen Antwort. Wer kann mit 19 oder 20 Jahren schon genau sagen, wohin die Reise geht angesichts all der Möglichkeiten? Nicht immer liegen die eigenen Kompetenzen auch da, wo das fachliche Interesse sie gern hätte.

Man kann nicht alle Optionen kennen, sagt die Recruiting-Expertin Charlyn Jähn. „Studierende sollten sich deshalb auch selbst ein bisschen erkunden.“ Jähn ist Seniorreferentin für strategische Personalgewinnung bei der Unternehmensgruppe SPITZKE SE, einem Systemlieferant für Bahninfrastruktur. Dessen 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich am Hauptsitz im brandenburgischen Großbeeren und 17 weiteren Standorten um alles was es braucht, um Schienen befahrbar zu machen: Oberleitung und Masten, Leitungssicherungstechnik, Telekommunikation, Schwellen und Weichen, Großmaschinen, das Recyceln von Schotter, die Baustellensicherung, Warnsignale. Für die rund 130 Jobprofile im Konzern die passenden Kandidatinnen und Bewerber zu finden, ist eine Kunst für sich. Gleichzeitig haben Quereinstiege, die berufliche Umorientierung oder das Studieren in der Lebensmitte durchaus Konjunktur. „Natürlich kann ich sagen, ich bin mit dem Abi fertig und studiere BWL in Regelstudienzeit“, sagt Charlyn Jähn. „Aber wie viel bunter und grandioser ist es, wenn ich hier und da meinen eigenen Weg gehe, offen bin für neue Impulse und merke, was mich fasziniert und was nicht? Und dann vielleicht nicht aus Prinzip BWL studiere, sondern Literaturwissenschaften.“ Ihr Plädoyer für den verschnörkelten Lebenslauf sieht die Frau vom Fach auch im eigenen Werdegang bestätigt.

In drei Anläufen zum Master-Abschluss

Nach dem Abitur studiert Charlyn Jähn zwei Semester an der Fernuni Hagen, ehe sie in eine PR-Agentur wechselt und ihre Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation abschließt.  „Dann hat mein Chef mir gesagt, ein Studium müsse schon sein, wenigstens ein Grundstudium“, erinnert sie sich. Gesagt, getan. Also pendelt die Berlinerin ab 2010 nach Golm und studiert Linguistik, Anglistik und Amerikanistik. „Am Wechsel in den Uni-Alltag bin ich zunächst fast gescheitert, bin auch mal durch eine Prüfung gerasselt und habe vier Semester mehr oder weniger an den Lehrveranstaltungen teilgenommen“, sagt Charlyn Jähn. Zumal Geldverdienen ganz oben auf der Agenda steht, wenn man mit abgeschlossener Ausbildung ein Studium in Angriff nimmt, das einem niemand finanziert. Charlyn Jähn arbeitet an Kiosken und Theaterkassen, verteilt Werbeflyer und übt sich im Spagat zwischen Lernen und Arbeiten. „Ich habe dann das Erstfach gewechselt, und ab da war alles wunderbar. Dabei war ich noch nicht sicher, wohin mich ein Abschluss in Religionswissenschaft führen würde.“ Die Kulturen und Religionen der Welt faszinieren die junge Frau, die für ihren dritten Anlauf zum Uniabschluss sogar Alt-Hebräisch büffelt und merkt: Es geht doch, wenn man sich zusammenreißt. Den Bachelor schließt sie mit 2,2 ab, den Master mit einem Schnitt von 1,4, nachdem sie am Historischen Institut die kulturellen Begegnungsräume der Frühen Neuzeit studiert – im wohl kleinsten Jahrgang der Uni, mit nur einer weiteren Kommilitonin. „Ich kann deshalb stets von mir sagen, die Zweitbeste des Jahrgangs gewesen zu sein“, sagt sie und lacht.

Aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften in die Industrie

Was führt jemanden aus einem solchen Orchideenfach in die HR-Abteilung eines Industriekonzerns? Parallel zum Studium jobbt die damals 27-Jährige als Werkstudentin im Career Service der Uni Potsdam, wo Studierende auf unterschiedliche Weise eine Starthilfe in Sachen Berufsorientierung erhalten. Das können Workshops und Bewerbungstrainings sein, Impulsvorträge, klassische Beratung oder auch das Programm Mentoring Plus für den Berufseinstieg von Studentinnen und Absolventinnen. Eine der Mentorinnen betreibt eine Personalberatung in Potsdam, und als dort eine Stelle vakant wird, bewirbt sich Charlyn Jähn kurzerhand selbst und arbeitet sich intensiv in die Branche ein. In den Corona-Jahren reaktiviert sie über LinkedIn den zwischenzeitlich eingeschlafenen Kontakt zu einer früheren Kollegin von der Theaterkasse, die inzwischen bei der SPITZKE SE tätig ist. „Sie hat mir direkt ein Vorstellungsgespräch mit dem Personaldirektor angeboten“, sagt Charlyn Jähn. „Ich hatte zwei Gespräche und bin dann gestartet, obwohl eigentlich keine Stelle ausgeschrieben war.“ So einfach kann es sein.

Inzwischen ist Charlyn Jähn fünf Jahre im Unternehmen und in ihren neuen Schuh bequem hineingewachsen. Zwar habe das Studium sie nicht thematisch zum Beruf geführt, wie sie sagt. Allerdings seien die analytische Auseinandersetzung mit vielfältigen Themen, die Erfahrungen ihrer Nebenjobs und die interdisziplinäre Herangehensweise gerade das, wovon sie heute in der Wirtschaft profitieren kann. Ihre studentischen Irr- und Umwege, das Flanieren durch den Garten der Berufe würde sie deshalb um nichts in der Welt tauschen wollen. Ihr Ratschlag an den Fachkräftenachwuchs: „Ganz klar, Praxis! Nicht unbedingt immer zielgerichtet, sondern Hauptsache Praxis.“ Egal ob Praktikum, Freiwilligendienst, Ehrenamt oder Minijob – die Nebentätigkeit erweitert das  Blickfeld, gewährt Einblicke in Branchen und Organisationen und ist letztlich auch eine Form der Selbsterfahrung. „Wenn ich dabei etwa feststelle, dass ich im Job gern körperlich aktiv sein möchte, dann kann ich schon mal ausschließen, dass ich später Buchhalterin werde und den ganzen Tag vor Zahlen sitze“, erläutert Charlyn Jähn.

Bis heute ist die Personalerin dem Career Service eng verbunden. In eigenen Workshops coacht sie inzwischen selbst junge Menschen in den Finessen und Fallstricken des Berufsnetzwerks LinkedIn. Das proaktive Ausstrecken der Fühler und Antennen ist für die Geisteswissenschaftlerin nicht zuletzt ein Ausdruck der Selbstbestimmung: etwas zu finden, um das eigene Leben und die eigene Freiheit zu gestalten.  „Angesichts des Fachkräfte- und Arbeitskräftemangels werden die fachlichen Grenzen auch künftig für Akademiker*Innen verwischen“, sagt Charlyn Jähn. „Wichtiger als der konkrete Studiengang ist, was du an Kompetenzen und praktischen Erfahrungen mitbringst.“

 

Die SPITZKE-Unternehmensgruppe ist Mitglied im Partnerkreis für Industrie und Wirtschaft, einem Zusammenschluss der Universität Potsdam mit Unternehmen aus der Region. Die Kooperation stellt Studierenden berufsorientierende Angebote bereit und öffnet Türen für den Einstieg ins Berufsleben. Der Partnerkreis vermittelt Praktikumsplätze, Jobs für Werkstudierende und Absolvent*innen, organisiert Workshops, Unternehmensbesuche oder auch besondere Karriereformate mit Unternehmen für Studierende. Am 28. April findet in Golm die kømpass Karrieremesse statt, wo auch SPITZKE SE einen Stand haben wird. www.kompass-karrieremesse.de  

Mehr Infos: 0331 977 4601 / partnerkreisuni-potsdamde und www.uni-potsdam.de/piw.  

www.uni-potsdam.de/de/wirtschaft-transfer-gesellschaft/piw

 

Charlyn Jähn studierte an der Universität Potsdam und ist heute Seniorreferentin für strategische Personalgewinnung bei der Unternehmensgruppe SPITZKE SE.