Reise durch das Weltklima am Computer – die Online Summer School „Trends, Rhythms and Events in the Earth’s Climate System“

Prof. Martin Trauth, Organisator der Sommerschule „Trends, Rhythms and Events in the Earth's Climate System Past, Present and Future“, führt durch den virtuellen Campus in „gather.town“. | Foto/Screenshot: Matthias Zimmermann
Der gesamte „gather.town“-Campus mit verschiedenen Bereichen – von Gruppenräumen bis zum Picknickplatz. | Foto/Screenshot: Martin Trauth
Extra Bereich für Postersessions. | Foto/Screenshot: Martin Trauth
Photo : Matthias Zimmermann
Prof. Martin Trauth, Organisator der Sommerschule „Trends, Rhythms and Events in the Earth's Climate System Past, Present and Future“, führt durch den virtuellen Campus in „gather.town“.
Photo : Martin Trauth
Der gesamte „gather.town“-Campus mit verschiedenen Bereichen – von Gruppenräumen bis zum Picknickplatz.
Photo : Martin Trauth
Extra Bereich für Postersessions

Zoom-Vorlesung statt Zugspitze, virtuelles Picknick in „gather.town“ statt Wanderung an den Kreidefelsen. Die Summer School „Trends, Rhythms and Events in the Earth’s Climate System“ musste, wie viele wissenschaftliche Tagungen und Veranstaltungen seit dem Frühjahr 2020, auf ein Online-Format umgeplant werden, um überhaupt stattfinden zu können. Aber kann Wissenschaft im ausschließlich digitalen Raum funktionieren? Was geht verloren, was funktioniert sogar besser? Eine Spurensuche nach der Heimat des Forschergeistes.

Der Paläoklimaforscher Martin Trauth ist ein „alter Hase“, wenn es um die Organisation von Summer Schools geht. Schon vier Mal hat er mit Unterstützung der VolkswagenStiftung Nachwuchsforschende aus aller Welt zusammengeholt, um ihnen mehrere Wochen am Stück konzentriert das Handwerkszeug der Paläoklimatologie zu vermitteln. Und zwar meist dort, wo sich die wissenschaftlichen Methoden vor Ort veranschaulichen lassen: wie 2010/11 in Kenia und Tansania, mitten im Ostafrikanischen Riftsystem, oder 2018 an verschiedenen Orten in Deutschland. Stets boten die Gegenden Zugänge zu den Themen der Sommerschulen, waren – wie 2018, wo es um Dynamiken an der Erdoberfläche ging – „typische Umgebungen für Erdoberflächenprozesse, von der Küste bis zum Tiefland und von kontinentalen Gräben bis zum Hochgebirge“. Das Format ist ideal: Fünf Tage konzentrierte Arbeit, dazu Exkursionen am Samstag und gemeinsames Luftholen am Sonntag.

2020/21 wollte apl. Prof. Dr. Martin Trauth den Teilnehmenden die Zeugen klimatischer Prozesse quer durch Deutschland vorführen: Küstenabbrüche auf Rügen, Überschwemmungen in Köln oder Gletscherschmelze an der Zugspitze. Wissenschaftlich ging es um die Trends, Rhythmen und Ereignisse des Klimasystems der Erde. 15 Forschende der Universität Potsdam, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, von Universitäten in Köln, Äthiopien, England und Malawi sowie Experten aus der Praxis und des Wissenschaftsjournalismus hatten gemeinsam ein Programm „gestrickt“. In acht Modulen sollte es darum gehen, das Klimasystem der Erde besser zu verstehen, entsprechende Daten analysieren, interpretieren und die Ergebnisse kommunizieren zu können.

Aber es kam anders. Statt Exkursionen im deutschen Alpenland standen Spaziergänge durch die quietschbunte Welt des Videokonferenztools „gather.town“ auf dem Programm. „Mitten in der Begutachtung unseres Förderantrags hat uns die Pandemie zu einer Art Corona-Update gezwungen“, erklärt Trauth. Da an weite Reisen und mehrwöchige Workshops nicht zu denken war, wurde die Sommerschule in Zusammenarbeit mit der VolkswagenStiftung komplett als Online-Veranstaltung geplant. In zwei dreiwöchigen Blöcken sollten die Teilnehmenden durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Klimasystems der Erde reisen – vom heimischen Computer aus. Ohne Reisekosten, Visaanträge und Hotelbuchungen wurde die Veranstaltung nicht nur um einiges günstiger. Sie bot auch interessierten Doktorandinnen und Doktoranden die Gelegenheit dabei zu sein, die aus unterschiedlichsten Gründen sonst nicht hätten teilnehmen können. „Die Sommerschule hat durch das digitale Format fraglos an Reichweite gewonnen“, so der Forscher. Insgesamt 72 Interessierte seien zugelassen worden – von Kanada bis Australien. Mehr als üblich. Aber der Vorteil, die niedrige Schwelle zur Teilnahme, sei zugleich ein Nachteil. Verpflichtungen durch Arbeit, Familie oder anderes ließen sich eben schlechter ausblenden, wenn man ihnen nicht räumlich entkommt. Jene rund 25, die auch online durchgängig und bis zum Schluss dabei waren, entsprächen ungefähr der Anzahl, die zu einer normalen Sommerschule hätte kommen können.

Für die wissenschaftliche Arbeit war das Online-Format auf jeden Fall ein Gewinn. Das Programm ließ sich hervorragend in die virtuelle Welt übertragen: Vormittags hielten die Dozierenden Vorträge, die aufgezeichnet und anschließend allen Teilnehmenden über die Onlineplattform Open.UP zur Verfügung gestellt wurde. So konnten auch jene sie ansehen, die etwa aufgrund der Zeitverschiebung nicht live dabei waren. Auch Lehrbücher, Präsentationen und weitere Materialien standen dort bereit. Anschließend gab es Gruppenarbeit – in „gather.town“ oder auf GitLab, die sich perfekt zur Online-Zusammenarbeit eignen. Martin Trauth selbst etwa bot interaktives Live Coding an, also gemeinsames Programmieren. „Eine Teilnehmerin aus den USA ist dafür extra um 3 Uhr morgens aufgestanden, weil sie den Austausch beim Live Coding so geschätzt hat“, so der Forscher. „Überhaupt machen die verschiedenen Plattformen den Austausch der Forschenden um einiges leichter. Bildschirme teilen, kleine Quiz über Chatfunktionen, Posterpräsentationen online – Dinge lassen sich schneller zeigen, teilen und kommentieren. Es ist viel möglich, was sonst aufwendiger wäre.“ Und selbst für abendliche Zusammenkünfte hat Martin Trauth gesorgt: „Wir haben zwischen den Sessions, die im Mai/Juni sowie August/September stattfanden, Online-Stammtische organisiert, um die Teilnehmenden auch jenseits des fachlichen Austauschs zusammenzubringen.“

Die Teilnehmenden ziehen – trotz des notgedrungen ausschließlichen Online-Formats – ein überwiegend positives Fazit. Inga Kristina Kerber von der Universität Heidelberg fand die Konzeption der Module sehr informativ: „Ich habe die große Bandbreite an Themen im Laufe der Schule genossen.“ Philippa Higgins, die an der University of New South Wales promoviert, lobte die Sommerschule – auch dank der „breiten Palette von Online-Lehr- und Kollaborationswerkzeugen“ als „großen Erfolg“: „Die Sommerschule bestand aus einer Mischung aus Vorlesungen, Software- und Programmiertutorien, Gruppenarbeit und Präsentationen, die eine gute Grundlage für die vielfältigen Fähigkeiten bildeten, die Paläoforschende benötigen.“ Vermisst hat sie vor allem den direkten Austausch: „Obwohl die gather.town-Software wirklich gut funktioniert hat, gibt es keinen wirklichen Ersatz für ein Gespräch bei einem Kaffee.“ Für eine Nach-Pandemie-Zeit sieht sie ein hybrides Modell als ideal an: eine Sommerschule in Präsenz, aber mit einem Vorab-Lernmodul „damit die Teilnehmenden mit einem Grundwissen in Statistik/Programmierung anreisen.“ Sven Pallacks, der an der Universitat Autonoma de Barcelona promoviert, hat ebenfalls die „persönliche Aktivität vermisst“, die für ihn „ein sehr wichtiger Faktor in einer Sommerschule ist“. Ein Instrument mit Zukunft sieht er in den online verfügbaren Vorlesungsvideos: „Eine Mischform aus aufgezeichneten Kursen und persönlichen Sitzungen für Fragen oder Programmierarbeiten wäre meiner Meinung nach ein schönes Kurskonzept.“ Den wertvollen Austausch bei der Sommerschule hebt Elena Robakiewicz von der Universität Tübingen hervor: „Ich bin sehr dankbar, dass ich so viele andere junge, enthusiastische Wissenschaftler aus der ganzen Welt treffen konnte.“ Für künftige Ausgaben in Präsenz wünscht sie sich „aufgezeichnete Vorlesungen, die als ‚Hausaufgaben‘ zur Vorbereitung auf den Kurs selbst“ dienen, um sich vor Ort „auf die Anwendung und die Gruppenarbeit konzentrieren“ zu können. Auch Martin Trauth ist sicher, man werde, was gut läuft, weiter online machen. Zugleich sei der Wert des Zusammenkommens für Sommerschulen kaum zu überschätzen: „Die Leute sind – positiv – gefangen, von den Vorträgen über die Gruppenarbeit bis hin zu den Spaziergängen.“

Weitere Informationen:
https://www.uni-potsdam.de/de/isc/kurse/summerschool/tre2021
https://tre2021.geo.uni-potsdam.de