Hautverträglich – Warum eine Creme nicht einfach eine Creme ist

David Baumgarten, der Gründer von Reflora Skin. | Foto: Reflora Skin
Mikrobiologische Forschung hilft bei der Entwicklung hautverträglicher Pflegecreme auf der Basis natürlicher Inhaltsstoffe | Foto: Reflora Skin
Source: Reflora Skin
David Baumgarten, der Gründer von Reflora Skin
Source: Reflora Skin
Mikrobiologische Forschung hilft bei der Entwicklung hautverträglicher Pflegecreme auf der Basis natürlicher Inhaltsstoffe

David Baumgarten hat jahrelang gesucht: nach der richtigen Creme, denn seine Haut ist anspruchsvoll und neigt zu Neurodermitis. Da er sie nicht fand, hat er sie erfunden. Gemeinsam mit Forschenden der Universität Potsdam gründete er das Start-up „Reflora Skin“, das von Potsdam Transfer und der Mikrobiologin Prof. Dr. Elke Dittmann betreut und dank einer EXIST-Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie in der Anfangsphase unterstützt wurde. Pünktlich zum Welt-Neurodermitis-Tag am 14. September 2020 brachten Baumgarten und sein Team ihr erstes Produkt auf den Markt, eine „Akutpflege Creme“. Matthias Zimmermann sprach mit ihm über den langen Weg bis dorthin.

Sie bringen eine Pflegecreme für Menschen mit sehr trockener und zu Neurodermitis neigender Haut auf den Markt – was ist an dieser Creme besonders?

Unsere Reflora Skin Akutpflege Creme ist Mikrobiom-freundlich und beruhigt sehr trockene und zu Neurodermitis neigende Haut. Vielen Menschen ist der Begriff „Mikrobiom“ (noch) nicht oft oder gar nicht untergekommen. Das menschliche Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit aller auf uns und in uns lebenden Mikroorganismen. Im Bereich der Verdauung ist klar, dass im Darm Billionen von Bakterien leben. Einige Menschen essen deswegen ganz bewusst fermentierte Lebensmittel oder nehmen Probiotika Kapseln zu sich, um die Verdauung zu unterstützen. Die Haut ist ebenso wie der Darm von guten wie auch schlechten Bakterien besiedelt. Nur ist es hier Angewohnheit, sich permanent zu waschen oder reizende Pflegeprodukte zu verwenden, anstatt die guten Bakterien zu schonen. Bei einem Ungleichgewicht innerhalb des Haut-Mikrobioms kann es in Verbindung mit einer geschädigten Hautbarriere zu trockener, juckender, schuppender und neurodermitischer Haut kommen. Wir verwenden Mikrobiom-freundliche Inhaltsstoffe wie z.B. ein inaktiviertes nützliches Bakterium (Lactobacillus Ferment), ein Präbiotikum (Alpha-Glucan Oligosaccharide) und Milchsäure. Das inaktivierte nützliche Bakterium wirkt ausgleichend auf das Immunsystem der Haut, das Präbiotikum bietet wichtige Nahrungsbestandteile für nützliche Bakterien und die Milchsäure unterstützt einen Mikrobiom-freundlichen Haut-pH-Wert.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich selbst hatte lange mit sehr trockener und zu Neurodermitis neigender Haut zu tun. Nachdem ich unzählige Pflegecremes – ohne für mich befriedigende Resultate – ausprobiert hatte, regte sich bei mir die Motivation, selbst aktiv zu werden. Wenn man in die Welt der Inhaltsstofflisten von Hautpflegeprodukten eintaucht, merkt man, dass viele von ihnen Stoffe enthalten sind, die zum Teil unnötig erscheinen oder von unabhängigen Vebraucher-Apps wie z.B. CodeCheck als bedenklich eingestuft werden. Zudem wurden bei mir öfters Hautabstriche gemacht, die immer das gleiche Ergebnis zu Tage brachten – eine Überbesiedelung mit einem bestimmten Bakterium, das das Gleichgewicht zugunsten der schlechten Bakterien auf der Haut verschiebt. Durch intensive Recherche, Austausch mit Dermatologen, internationale Mikrobiom-Konferenzen und Gespräche mit Freunden, die Biotechnologie und Mikrobiologie studierten, reifte die Idee, ein Produkt zu entwickeln das Mikrobiom-freundlich ist.

Die Kosmetikbranche ist eine Milliardenindustrie. Wie wollen Sie sich als kleines Start-up behaupten?

Aus unserer Sicht gibt es genügend Bedarf für neue Produkte mit innovativen Ansätzen – ganz besonders mit Blick auf die Pflege sehr trockener juckender und zur Neurodermitis neigender Haut. Wir tauschen uns direkt mit unseren Kunden aus, um zu verstehen, was sie wirklich wollen. Dadurch können wir zukünftig noch gezielter neue Produkte auf den Markt bringen. Auch denken wir nicht in den klassischen Kategorien eines reinen Hautpflege-Unternehmens. Da, wo wir einen Mehrwert für unsere Kunden schaffen können, tun wir es – egal ob es sich um Hautpflege oder andere, z.B. digitale Produktkategorien handelt. Wir benötigen keine großen Fokusgruppen, um unsere Kunden zu verstehen, denn ich als Gründer bin selbst die Zielgruppe.

Reflora Skin ist ein aus wissenschaftlicher Forschung an der Universität Potsdam hervorgegangenes Start-up. Aber wer steckt dahinter?

Hinter Reflora Skin steckt ein Team aus Chemikern, Mikrobiologen, Fachleuten für Hautphysiologie und Menschen mit sehr trockener und zu Neurodermitis neigender Haut, wie mir. Im Kernteam sind wir zu dritt und kümmern uns um Neuentwicklungen, Anwendertests, Sourcing, Marketing, Vertrieb und die wirtschaftliche Planung. Bei besonders komplizierten Fragen ziehen wir Experten hinzu. So war es z.B. beim Thema Verpackungstechnologie. Hier ist es unser Anspruch, die nachhaltigsten Materialien zu verwenden und gleichzeitig einen sicheren Versand zu garantieren. Auch bei unserem dermatologischen Verträglichkeitstest haben wir mit einem externen Institut zusammengearbeitet, um die für uns hohe Anzahl an Probanden und Probandinnen überhaupt integrieren zu können.

Sie haben zwei Jahre an der ersten Creme gearbeitet – was musste dafür alles getan werden?

Der Prozess bestand aus unzähligen Zwischenschritten und vielen Rückschlägen. Zunächst haben wir ein intensives Screening von potenziell interessanten Inhaltsstoffen betrieben und diese auf Basis bereits erschienener Studien bewertet. Dann ging es darum einzuschätzen, wie die Inhaltsstoffe miteinander oder auch gegeneinander und auf der Haut wirken können. Hier gibt es viele Details zu beachten. So müssen in Cremes mit Wassergehalt Emulgatoren eingesetzt werden, um eine stabile Verbindung zwischen Fett und Wasser herzustellen. Viele Emulgatoren arbeiten auf der Haut weiter und binden hauteigene Fette, die dann  wiederum innerhalb der bereits beanspruchten Hautbarriere fehlen. Wir haben uns für einen teuren natürlichen Emulgator, entschieden der den natürlichen Schutzfilm der Haut respektiert. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben haben wir unser Produkt diversen Tests und Bewertungen unterzogen, wie mikrobiologische Belastungstests, Packmitteltests und der Bewertung durch einen Sicherheitsbewerter. Zudem haben wir die dermatologische Verträglichkeit freiwillig testen lassen.

Sie sind pünktlich zum Welt-Neurodermitis-Tag mit der Markteinführung der Creme gestartet. Wie geht es jetzt weiter?

Wir arbeiten bereits an einem neuen Produkt, das unsere Mikrobiom-freundlich Hautpflege-Serie für sehr trockene und zu Neurodermitis neigende Haut erweitern wird. Gerne würde ich verraten, um welches Produkt es sich handelt, aber das muss bis zum nächsten Launch warten. Uns haben viele Anfragen und Wünsche für zukünftige Produkte erreicht. Diesen Input lassen wir in unsere Entscheidungen mit einfließen. Außerdem sind wir im Gespräch mit mehreren Apotheken in Brandenburg und Berlin, die unsere Akutpflege Creme gerne vor Ort anbieten wollen. Aktuell bauen wir Amazon als einen zusätzlichen Vertriebskanal auf, um unsere Akutpflege noch mehr Menschen anbieten zu können.

 

Zur Website des Start-ups „Reflora Skin“: https://www.refloraskin.com/