Der Literaturwissenschaftler Johannes Ungelenk antwortet auf die Frage: Wie ist das Wetter bei Shakespeare?

Auf stürmischer See. | Foto: AdobeStock/psychoshadow
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Auf stürmischer See

Häufig schlecht, selbstverständlich, wie es sich für einen Dramatiker von der Insel gehört. Berühmt sind vor allem Shakespeares Stürme: In „King Lear“ und „Julius Caesar“ tobt das fiese Wetter über Szenen hinweg, zum Ende seiner Karriere hat Shakespeare mit „Der Sturm“ dem Starkwetter dann, will man dem Titel glauben, gar ein ganzes Stück gewidmet.

Tatsächlich stürmt es hier, im engeren Sinne, nur in der ersten Szene, dort allerdings gewaltig: Shakespeare wagt wohl als erster englischer Dramatiker die Darstellung eines Schiffbruchs auf offener Bühne. An dieser Herausforderung müssen nicht nur die fleißigen Helferlein mitwirken, die an Seilen oder Drähten geleitetes Feuerwerk (als Blitze) zünden, im Bühnenhaus Kanonenkugeln in geneigten Trögen rollen lassen (Donner) oder Maschinerie bedienen, die das Heulen des Windes und das Flattern von Segeltuch imitieren – gefragt ist vor allem die Fantasie der Zuschauerinnen und Zuschauer. Denn Shakespeares Bühne ist leer, es gibt keine Kulissen, allenfalls einzelne Requisiten, es gibt keine künstliche, steuerbare Beleuchtung.

Das Wetter ist in Shakespeares Hauptspielstätte, dem Globe Theatre, ein doppeltes. Das Globe ist ein Freilichttheater, nur Teile der Bühne und die Galleriesitzplätze sind überdacht. Wenn Francisco am Anfang von „Hamlet“ sagt „’s ist bitterkalt“, kann dreierlei passieren: Erstens, das Publikum lacht sich schlapp, weil es im Londoner Sommer zur Zeit der Aufführung gerade ganz und gar nicht kalt ist; zweitens, es lacht sich schlapp, gerade weil es an einem regnerischen Frühlingstag während der Aufführung tatsächlich bibbert; oder drittens: Es passiert gar nichts, weil das Publikum gerade beschäftigt ist, sich irgend vor dem strömenden Regen zu schützen oder Orangen oder anderes, weniger Jugendfreies, käuflich zu erwerben und für solch feinsinnige Spielchen um das doppelte Wetter keinen Sinn hat. Für Fall drei braucht es dann die Literaturwissenschaft, die sich auf die Spur zwischen die Wetter begibt und, heimlich, am Schreibtisch, gar artig über Shakespeares Raffinement amüsiert.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2020 „Bioökonomie“.