Es war einmal – 75 Jahre Potsdamer Konferenz

Konferenzsaal im Schloss Cecilienhof. | Foto: Peter-Michael Bauers
Source: Peter-Michael Bauers
Konferenzsaal im Schloss Cecilienhof.

DR. VICTOR MAUER, HISTORIKER

Mehr als zwei Wochen hatten Hunderte Journalisten in der zweiten Julihälfte 1945 vor den Toren Potsdams ausgeharrt. Am 3. August konnten sie dann endlich das Ergebnis der nach Teheran und Jalta letzten Konferenz der drei Hauptsiegermächte des Zweiten Weltkriegs, Großbritannien, USA und Sowjetunion, in die Welt hinausschreiben. „Terminal“, das britische Codewort für die Tagung, war auch deshalb ein passender Begriff, weil die beteiligten Akteure nach Anhaltspunkten für eine neue Weltordnung suchten. International begrüßte die Presse das „Friedenswerk“ und feierte den vermeintlichen Schulterschluss der Großen Drei. Ganz anders lautet bis heute vielfach das Urteil der Geschichtswissenschaft. Im Grunde habe die Potsdamer Konferenz die Nachkriegsordnung des Kalten Krieges fixiert und die Teilung Deutschlands, Europas und der Welt etabliert.
Bei genauer Betrachtung bedarf dieses Urteil der Korrektur. Denn die zentralen Akteure begriffen die Nachkriegsvereinbarungen als provisorischen Frieden – eine Art Präliminarfrieden, der es ihnen ermöglichen würde, sich im Laufe der Zeit Klarheit über die Möglichkeiten einer endgültigen Friedensregelung zu verschaffen. Mit Ausnahme von Flucht und Vertreibung hatten die meisten Beschlüsse von Potsdam der Absicht der Beteiligten nach nur temporären Charakter. Keine Partei verließ Schloss Cecilienhof in der Überzeugung, Deutschland, Europa und die Welt geteilt zu haben. Teilung und Nachkriegsordnung waren Resultate der sich seit 1947 verschärfenden Ost-West-Konfrontation. „Potsdam 1945“ schuf also die Bedingungen der Möglichkeit. Das aber heißt zugleich: Die Potsdamer Konferenz stand für ein Ende ohne Ende und eine Vergangenheit, die erst vergehen konnte, als die Hauptsiegermächte die deutsche Frage im Spätsommer 1990 einer einvernehmlichen Lösung zuführten.

PROF. DR. UTA HERBST, EXPERTIN FÜR VERHANDLUNGSMANAGEMENT

Verhandlungen nehmen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, aber auch im privaten Alltag einen bedeutenden Stellenwert ein. Mit Hilfe von Verhandlungen versuchen Parteien eine Einigung über zumindest teilweise konfliktäre Interessen, auch Verhandlungsgegenstände genannt, herbeiführen. Wissenschaftliche Studien zeigen in diesem Zusammenhang, dass ein systematisches Verhandlungsmanagement, das heißt eine sorgfältige Analyse, Organisation, Vorbereitung sowie eine professionelle Verhandlungsführung und ein anschließendes Controlling den Verhandlungserfolg signifikant steigern können.
Dies lässt sich auch an Beispielen wie der Potsdamer Konferenz belegen, die vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 auf Schloss Cecilienhof stattfand. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, nämlich USA, England und Russland, versuchten damals eine Einigung über wichtige Fragen der Nachkriegsordnung herbeizuführen.
Auch wenn sich keine der Parteien bei allen Verhandlungsfragen durchsetzen konnte, wird die Potsdamer Konferenz immer wieder als Beleg für das Verhandlungsgeschick Stalins angeführt. Und tatsächlich gelang es dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion, sich Vorteile in dem Verhandlungsmarathon zu verschaffen. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass ihm zum Teil auch externe Einflüsse zu Hilfe kamen. Folgende Punkte erwiesen sich für die Russen als besonders vorteilhaft:
Zunächst einmal fand die Verhandlung auf russischem Besatzungsgebiet statt. Dies gestattete Stalin, den Verhandlungsort sehr detailliert zu präparieren. Im Verhandlungsraum auf Schloss Cecilienhof kann besichtigt werden, wie Stalin bis zur Höhe der Türstürze der Eingangstüren in den Verhandlungsraum auf jedes noch so kleine Detail Wert legte.
Ebenso war es ein geschickter Schachzug Stalins, dem amerikanischen Präsidenten die Rolle des Vorsitzenden der Konferenz anzutragen. Hierdurch verhinderte er eine stärkere Koalitionsbildung der USA und England, die eine Schwächung seiner eigenen Verhandlungsposition zur Folge gehabt hätte. Zudem setzte er darauf, dass der gerade erst ins Amt gewählte amerikanische Präsident mit der Rolle des Vorsitzenden gefordert war, so dass er weniger Aufmerksamkeit auf die Durchsetzung amerikanischer Interessen achten konnte.
Glücklich für Stalin war die Tatsache, dass der britische Premierminister Churchill während der Konferenz abgewählt wurde und durch seinen Nachfolger Attlee ersetzt wurde. Hierdurch war Stalin der einzige Regierungschef, der bereits bei den vorhergehenden Konferenzen in Teheran und Jalta anwesend war und damit die Verhandlungshistorie einschätzen konnte.
Durch geschicktes Taktieren mit den auf der Konferenz besprochenen Themen gelang es Stalin schließlich auch, eines seiner zentralen Ziele, nämlich die Ostgrenze Deutschlands gegenüber Polen nach Westen zu verschieben, um im Osten Teile Polens zu annektieren. Dies gelang im unter anderem dadurch, dass er seine Verhandlungspartner bewusst täuschte und diesen suggerierte, dass der überwiegende Teil der dort bislang lebenden Deutschen bereits geflüchtet sei.
Eine verhandlungsrundenübergreifende Planung, detaillierte Organisation sowie die eingehende Analyse von Chancen und Risiken gehören zu den Erfolgsfaktoren eines professionellen Verhandlungsmanagements. Jedoch zählen dazu auch die richtige Definition der Ziele sowie eine sachgemäße Abwägung der Folgen erreichter Verhandlungsergebnisse. Dass Stalin beide Grundsätze vernachlässigt hat, zeigt das Aufkommen des Kalten Krieges, der letztlich durch die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz begründet wurde. Die taktischen Spielchen Stalins während der Konferenz waren so letztlich rein opportunistisch und übervorteilend, führten zu keinem stabilen Vertrag. Auch wenn Stalin somit vielleicht vordergründig ein gutes Verhandlungsergebnis auf der Potsdamer Konferenz erzielen konnte, war es letztlich für ihn suboptimal. Das große Ziel Stalins, ein geeintes Deutschland in Summe in den russischen Einflussbereich zu ziehen, wurde so durch die Konferenz und den aus der Konferenz hervorgehenden Kalten Krieg aus den Augen verloren.
Die Verhandlungssituation auf der Potsdamer Konferenz erinnert heute oft an aktuelle politische Verhandlungen. Es wäre schön, wenn mehr Verhandlungen von den Stärken und Schwächen vergangener Verhandlungen lernen würden!

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) zeigt anlässlich des 75. Jahrestages der Potsdamer Konferenz vom 1. Mai bis zum 1. November 2020 eine Sonderausstellung im Schloss Cecilienhof.
Weitere Informationen:www.spsg.de/aktuelles/ausstellung/potsdamer-konferenz-1945-die-neuordnung-der-welt

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2020 „Bioökonomie“.