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„Eine großartige Gelegenheit, anders zu denken und kreativ zu sein“ – Was macht eigentlich ein Seminar innovativ?

Was haben Ideen für bessere Mathematik-Schulbücher, kreative Health-Care-Lösungen und ökonomische Kindersachbücher gemeinsam? Sie stammen aus Lehrveranstaltungen an der Universität Potsdam, die Neues ausprobieren, Perspektivwechsel anregen und Praxiseinblicke ermöglichen. Gewohnte Pfade zu verlassen, macht Mühe, ist diese aber meist auch wert. Matthias Zimmermann sprach mit drei Lehrenden, die sich mit einer Idee im Kopf auf den Weg gemacht haben und dabei gemeinsam mit ihren Studierenden entdeckten, warum es sich lohnt.

Thomas Siedler ist Stammgast in der städtischen Bibliothek. Gemeinsam mit seiner kleinen Tochter durchstreift er die Kinderabteilung auf der Suche nach spannenden Geschichten, aber auch nach Sachbüchern. Was regelmäßig fehlt, sind Bücher, die ökonomische Themen behandeln. „Ich wollte das ändern und zugleich mehr Transfer ermöglichen“, sagt der Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik. „Die Studierenden erhielten in meiner Lehrveranstaltung deshalb die Aufgabe, ökonomische Konzepte so zu präsentieren, dass sie bereits Kindern im Alter von zehn Jahren zugänglich sind.“ In der Wahl ihrer Themen waren die Teilnehmenden frei: Von Ungleichheit in Deutschland und Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt über die Bedeutung von Inflation bis zu Kinderarmut. Nach einer eher traditionellen Erschließung des Themas mit einer Seminararbeit sollten die Studierenden in Teams dazu Ideen für ein Kinderbuch entwickeln. Für handwerkliche Anregungen lud Thomas Siedler zwei Gäste ein, die sich mit Inhalt und Form von Kinderliteratur auskennen: Autorin Gabi Neumayer und Grafikerin Tiiu Kitsik, die nicht nur erklärten, wie Sachbücher für Kinder aufgebaut sein sollten, sondern im Verlauf des Seminars auch wertvolles Feedback zu den wachsenden Projekten gaben. „Für die Studierenden der Ökonomie ist dies eine großartige Gelegenheit, anders zu denken und kreativ zu sein“, zeigt sich der Forscher zufrieden. „Es entstand ein besonderer Teamgeist innerhalb der Gruppe, weil ich ihnen offen gesagt habe, dass wir hier etwas Neues ausprobieren, ohne zu wissen, wie es letztlich funktionieren wird.“

Den Blick auf die Praxis lenkt auch Dr. Philipp Stoffers, der gemeinsam mit Prof. Ariel Dora Stern und Linea Schmidt das Seminar „Igniting need-driven Innovation in Healthcare“ anbietet. „In Kooperation mit Vivantes ermöglichen wir den Studierenden, im Klinikum das gesamte Spektrum der Medizin hautnah zu erleben“, so der Dozent. „Zwei Wochen lang lernen die Studierenden, Bedürfnisse zu erkennen – das heißt, Bereiche, in denen ein Problem besteht und dringend eine Lösung erforderlich ist.“ Stoffers hat als Mediziner selbst jahrelang in Kliniken gearbeitet und erklärt die Motivation: „Dahinter stand der Wunsch, sogenannte „Push-Innovationen“ zu vermeiden – also Entwicklungen, die am tatsächlichen Bedarf vorbeigehen und die niemand wirklich benötigt.“ Aber auch die Studierenden selbst wünschen sich immer wieder den Brückenschlag zur Praxis: „Viele wollen mehr praktische Erfahrungen und verstehen, wie viel unternehmerisches Potenzial in ihren Abschlussarbeiten Zu den Interviews mit allen drei Lehrenden 36 MIT AUSZEICHNUNG | STUDIUM steckt.“ Deshalb sind nach der Praxisphase Kreativität und Ideenreichtum gefordert: In kleinen Teams sollen die Studierenden Lösungen erarbeiten, und zwar im Idealfall vom Pitch bis zum fertigen Prototyp: „Ein bemerkenswertes Projekt der ersten Gruppe war beispielsweise die ‚sprechende Katze‘, die Patienten unterstützen soll, nicht in ein Delir abzurutschen. Es war beeindruckend, dass die Studierenden den Mut und die Kreativität hatten, ein solches Konzept zu verfolgen“, sagt Stoffers. Möglich macht diese Sieben-Meilen- Schritte das „Maker Universe“ des Hasso-Plattner- Instituts, das den Studierenden umfangreiche Ressourcen zur Verfügung stellt. Essenziell findet Stoffers aber auch, dass die Teilnehmenden aus unterschiedlichsten Disziplinen stammen: „Ihre Vielfalt der Perspektiven und das breite Spektrum an fachlichem Input fördern ein tiefes Verständnis für ‚Value-based Health Care‘ – also für den Wert, den innovative Lösungen im Gesundheitswesen haben können.“ Und vielleicht, hofft der Forscher, schafft es die eine oder andere studentische Idee zurück in die Klinik: „Besonders erfreulich wäre es, wenn ein Team soweit begeistert und überzeugt von seiner Idee ist, dass es den Schritt zur Unternehmensgründung wagen möchte.“

Inspiriert von eigener Praxis war auch Heiko Etzold, als er sich zu seinem Seminar „Studierende werden Autor:innen von Mathematik-Schulbüchern“ entschloss: „Ich bin bereits seit längerer Zeit Autor und seit Kurzem auch Herausgeber von Schulbüchern“, so der Mathematikdidaktiker, „und wollte für mich und die Studierenden Klarheit darüber schaffen, was für die Gestaltung von guten Schulbüchern wichtig ist.“ Im Fokus des Seminars stand freilich weniger, wie man ein Buch schreibt und druckt, vielmehr ging es um die gedanklichen und fachdidaktischen Grundlagen. Denn genau diese fehlten im Lehramtsstudium allzu oft. Und auch Heiko Etzold hat sich Expertinnen und Experten eingeladen: einen Professor aus Paderborn, der seit über 15 Jahren zu Mathematik-Schulbüchern forscht, und eine Gymnasiallehrerin aus Werder, die unverblümte Einblicke in die tägliche Arbeit mit den Lehrwerken gab. Auf diesem Fundament aus Forschung und Praxis wollte Etzold seinen Studierenden die Gelegenheit verschaffen, eigene Forschungsfragen zu Schulbüchern zu entwickeln, beispielsweise dazu, wie digitale Werkzeuge integriert werden oder wie Schulbücher zur Motivation und Verstärkung von Kompetenzen im Mathematikunterricht beitragen können. Den verwegenen Plan, ein ganzes Kapitel neu zu verfassen, musste er zwar als zu ambitioniert verwerfen. Aber bei der zweiten Auflage des Seminars soll die Praxis – als Überarbeitung bestehender Lehrbuchabschnitte – essenzieller Teil des Seminars werden. Überhaupt geht sein Blick weit über das Seminar hinaus: „Wenn einige der Studierenden später Lust verspüren, selbst Schulbücher zu schreiben und dafür in meinem Seminar hilfreiche theoretische und praktische Erfahrungen gesammelt haben, dann habe ich mein Ziel erreicht.“


Kreativraum: Leitbild wird Lehre Mit dem „Kreativraum: Leitbild wird Lehre“ unterstützt die Universität Potsdam die Weiterentwicklung der Lehre sowie den hochschulweiten Austausch über Lehrqualität und Neuerungen in der Lehre. Die im Text beschriebenen und viele weitere Projekte gehören zu den 2025 geförderten.

Zur Projektübersicht: https://www.uni-potsdam.de/de/zfq/innovative-lehrprojekte/projektuebersicht-2025

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.