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Die Spannung der Gegensätze – Demokratielernen im Musikunterricht mit Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke

Den Ton angeben, auf die Pauke hauen, ganz andere Saiten aufziehen – das klingt nicht gerade nach Teilhabe. Dabei steckt in kaum einem Thema so viel Demokratie wie in der Musik. Dr. Jana Buschmann, die derzeit an der Universität Potsdam die Professur für Musikpädagogik und Musikdidaktik vertritt, macht die Probe aufs Exempel. In einem Seminartermin zum „Demokratielernen im Musikunterricht“ bittet sie ihre Studierenden aufs Podium des Golmer Kammermusiksaals, wo sie mit Rasseln, Klanghölzern, Xylophon, Gitarre und diversen Trommeln spontan ein Stück erfinden sollen. Zwei Kommilitonen spielen am Flügel die kurze Akkordfolge, die die Dozentin zusammen mit dem Viervierteltakt vorgeben hat. Ein Grundgerüst, das die Gruppe nun klanglich füllen muss.

Tönen anfangs noch alle Instrumente für sich allein, stimmen sich die Studierenden in nur zwei Minuten aufeinander ein, sodass – etwas holprig zwar, doch deutlich spürbar – Musik erklingt.

Nach einer kurzen Verständigung startet ein zweiter Versuch. Schon kommt Dynamik ins Spiel, wird eine Struktur erkennbar, ein Zusammenwirken. Die Studierenden reflektieren, was sie getan haben: Alles beginne damit, einander zuzuhören, dann zu reagieren und schließlich etwas Eigenes einzubringen.

„Von Grund auf haben sie demokratische Prinzipien beachtet. Sie haben überlegt, wie sie mit den Parametern der Musik umgehen können und, unabhängig von den Vorgaben, letztlich viel mehr erreicht, als von ihnen verlangt war.“ Die das sagt, ist Expertin in zweifacher Hinsicht: Musikwissenschaftlerin und Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke, die an der Universität Potsdam lehrt und von Jana Buschmann in das Seminar eingeladen wurde. Für sie komme es vor allem auf die erzeugte Spannung an, auf die Gegensätze zwischen Tönen und Elementen, aus denen sich etwas entwickeln lasse.

Während die Studierenden bei Spannungen vor allem an die langen Diskussionen denken, die sie in ihren eigenen Bands führen, bevor sie sich musikalisch einigen können, hat Ulrike Liedtke die Musik selbst im Sinn. Was sie meint, erklärt sie am Beispiel der Sonatenhauptsatzform: Wie im Parlament werde zu Beginn, in der „Exposition“, ein Thema vorgestellt, dann ein zweites als Gegenposition, manchmal am Rande noch ein drittes oder viertes. In der „Durchführung“ folge die Auseinandersetzung: Rede und Gegenrede. Die „Reprise“ schließlich diene der Erinnerung, der Rückkehr zum Ausgangspunkt, bevor sich im Finale entscheide, welche Seite die Oberhand gewinnt.

Auch andere musikalische Formen, wie etwa die Variationen, halten dem Vergleich mit der Demokratie stand. Sie zeigen, wie unterschiedlich Menschen ein Thema angehen können: wild und energisch, langsam und verträumt oder verspielt und verschnörkelt. „Vielfalt und Demokratie bedingen einander“, weiß Ulrike Liedtke und lenkt die Aufmerksamkeit der Studierenden auf die politischen Dimensionen von Musik: „Wenn wir die ,Ode an die Freude‘ singen, betonen wir das Verbindende: ,Alle Menschen werden Brüder‘.“ Als Präsidentin hat sie im Landtag ein Konzert arabischer und israelischer Musiker organisiert ...

„Es gibt so viele wunderbare Arten zu musizieren“, sagt Jana Buschmann und motiviert ihre Studierenden, die kulturelle Vielfalt in der Klasse zum Gegenstand des Unterrichts zu machen. „Geben Sie den Schülerinnen und Schülern Raum, den Musikunterricht inhaltlich und im Vorgehen mitzugestalten, damit sie als bedeutsam wahrnehmen, was sie tun und sich dafür einsetzen.“ Protestsongs aus aller Welt sind geeignet, sich dem Thema Demokratie in der Musik auf inhaltlicher Ebene zu nähern, weiß die Dozentin. Ebenso ist der Missbrauch musikalischer Werke in Diktaturen Teil dessen. „Warum wirkt diese Musik so? Wie kann ich mit dem Verstand dagegen arbeiten, wenn ich die Manipulation bemerke?“ Ein schwieriges Thema, das viel Sensibilität verlange und eine vertrauensvolle Lernumgebung. Jana Buschmann sieht hier die Vermittlung wesentlicher Kompetenzen als Voraussetzung: „Neben dem Wissen über Politik braucht es Wissen über Musik und darüber, wie sie gemacht ist.“ Ebenso wichtig seien kritische Selbstreflektion und die Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu analysieren und darüber zu kommunizieren, „um Haltung einzunehmen und unsere demokratischen Werte zu verteidigen“, ergänzt sie.

Eine Überforderung des Musikunterrichts? „Wir haben ja nur eine Stunde pro Woche“, gibt Student Roland Lutz zu bedenken. „Und bietet das Curriculum dafür den nötigen Freiraum?“

Ulrike Liedtke und Jana Buschmann, die sich im Landesmusikrat und auf Bundesebene, dem Deutschen Musikrat, seit vielen Jahren für ihr Fach stark machen, sehen hier ganz deutliche Querbezüge zur Politischen Bildung und Geschichte. In Kunst, Sport und Literatur könne Musik ebenso eine Rolle spielen. Sogar im Physikunterricht, etwa wenn es um Schwingungen oder Elektroakustik gehe. Der Rahmenplan für Musik biete zudem genügend Freiheiten, sagt Jana Buschmann und erinnert an den Fachkompetenzbereich „Musik reflektieren und kontextualisieren“ und die Themenfelder „Wirkung und Funktion von Musik“ sowie „Musik im kulturellen Kontext“.

Dennoch scheint es für echte Teilhabe eine Barriere zu geben, die im Fach selbst liegen könnte. „Viele Kinder haben nicht die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen“, meldet sich Rasmus Gurr zu Wort. Auch der Begriff des Elitären schwinge hier oft mit, meint der Student. Und das Angebot, im Chor zu singen oder im Orchester zu spielen, würde häufig nur von jenen genutzt, die ohnehin schon die Musikschule besuchten. „Genau deshalb ist es so wichtig, allen in der Klasse Freude am Musizieren zu vermitteln und die Angst vorm Scheitern zu nehmen“, erklärt Jana Buschmann.

Ulrike Liedtke versteht Musik als eine Form der Kommunikation – unter den Ausübenden und mit den Zuhörenden. Das gelinge mit Sprache, im Gesang oder instrumental, wenn alle aufeinander hören, einander zuhören, agieren und reagieren, Pausen einhalten, den richtigen Einsatz finden. Wie in einer guten politischen Debatte. Dazu brauche es nicht die Perfektion auf einem Musikinstrument, es gehe schon mit dem eigenen Instrument, der Stimme. „Und wenn die Arbeitsgemeinschaft nicht Chor, sondern ,Maulwerken‘ heißt, ist die Barriere schon nicht mehr ganz so hoch“, weiß die Professorin, die gern auch mal zu Klangexperimenten rät, an denen alle teilhaben und etwas lernen können. Manchmal brauche es dafür einfach nur Zeitungspapier, mit dem rhythmisch geraschelt, geklopft und geknistert werden könne, während die politischen Schlagzeilen in den Raum gerufen werden …

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.