Ausstellungsprojekt in Krakau: "Handschriften zum Sprechen bringen. Am Beispiel der Sammlung Varnhagen"

Jagiellonen-Bibliothek in Krakau
Foto: Jagiellonen-Bibliothek in Krakau

Ein Schwerpunkt der Sommerschule in Krakau 2021 liegt auf der wissenschaftlichen und pädagogischen Erschließung der handschriftlichen Bestände der dortigen Jagiellonen-Bibliothek. Die Kustodin der Handschriftensammlung, Dr. Monika Jaglarz, vermittelt den Studierenden einen Eindruck von der Bedeutung dieser Manuskripte als Teil des europäischen Kulturerbes. Ein Augenmerk liegt dabei auf den sogenannten "Berlinka", Beständen der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, die in der Folge des Zweiten Weltkriegs in den Besitz der Jagiellonen-Bibliothek gelangten. In die Geschichte und Struktur dieses Bestandes führt Dr. habil. Katarzyna Jaśtal ein. Davon ausgehend präsentieren ihre germanistischen KollegInnen, Dr. habil. Jadwiga Kita-Huber und Dr. Paweł Zarychta, erste Ansichten von einem besonderen Teil dieser Berliner Bestände in Krakauer Besitz, von der sogenannten "Sammlung Varnhagen" - jener Handschriftensammlung aus dem 19. Jahrhundert, die einen Schwerpunkt des geplanten Ausstellungsprojekts an der Jagiellonen-Bibliothek bildet.

Dem germanistischen Fachpublikum ist diese Sammlung vor allem durch die wissenschaftlichen Aktivitäten und Publikationen der "Varnhagen Gesellschaft" bekannt, die sich dem Andenken Karl August Varnhagens von Ense und seiner Ehefrau Rahel Levin widmet, auf welche die Handschriftensammlung zurückgeht: Varnhagen wechselte schon zu Studienzeiten Briefe mit verschiedenen Dichtern, nach seiner Heirat mit der jüdischen Salonière Rahel Levin 1814 wurde dieses Netzwerk von Brieffreundschaften erweitert und archiviert - die Korrespondenz umfasst unter anderem Briefwechsel mit Goethe, Alexander von Humboldt, Heine und dem Fürsten Pückler-Muskau. Dieses literarische Brief- und Handschriftenarchiv wurde nach Varnhagens Tod 1858 von seiner Nichte Ludmilla Assing fortgeführt und erweitert, die in ihrem Testament 1876 die Schenkung des Bestands an die damalige Königliche Bibliothek zu Berlin verfügte, unter der Bedingung, dass die Sammlung als Ganze unter dem Namen Varnhagen geführt und der öffentlichen Benutzung zugänglich gemacht würde - bis zum Zweiten Weltkrieg war die Sammlung dann im Besitz der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, bevor sie nach 1945 in die Bestände der Jagiellonen-Bibliothek integriert wurde.

Aufgrund der internationalen Ausrichtung von Varnhagens Brief- und Handschriftensammlung ist ihre Erschließung ein zentrales wissenschaftliches Desiderat für die Germanistik, Romanistik, Slawistik und weitere Philologien; zugleich ist die Sammlung Varnhagen ein zentrales Feld für die deutsch-polnische Forschungskooperation. Impulse zur Erforschung der Sammlung gingen zuletzt von einer internationalen Tagung im Jahr 2012 aus, wurden jedoch nur ansatzweise realisiert. Ein Forschungsdesiderat besteht auf drei Ebenen. Erstens gilt es die ursprüngliche Konzeption der Sammlung zu rekonstruieren: Welches Verständnis von Brief, Handschrift, Nachlass und literarisch-kulturellem Erbe lag diesem Projekt im 19. Jahrhundert zugrunde? Zweitens gilt es die Briefschaften der Sammlung, jenseits der Fokussierung auf einige bekannte Autoren, als Repräsentation eines international wie interdisziplinär ausgerichteten Schriftsteller- und Gelehrtennetzwerks zu rekonstruieren, das ständische, geschlechtliche und religiöse Differenzen überschreitet. Drittens ist die Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sammlung Varnhagen metareflexiv als Ausdruck jeweils historisch kontingenter Philologieverständnisse zu rekonstruieren, wobei die nationalphilologisch bestimmte Verengung von Gegenstand und Fragestellung bis heute noch nicht überwunden zu sein scheint.

Das Projekt kann die Sammlung Varnhagen nicht vollständig erschließen und konzentriert sich daher auf zentrale wissenschaftliche und pädagogische Aspekte. Im Vorfeld der Sommerschule in Krakau 2021 wird federführend von Dr. habil. Katarzyna Jaśtal, Dr. habil. Jadwiga Kita-Huber und Dr. Paweł Zarychta von der Jagiellonen-Universität und Dr. Monika Jaglarz von der Jagiellonen-Bibliothek am Konzept einer Ausstellung gearbeitet, die an der der Jagiellonen-Bibliothek eröffnet werden soll. Ein Schwerpunkt der Ausstellung wird sich wenig bekannten Schriftstellerinnen in der Sammlung widmen (Kita-Huber), ein anderer dem Briefwechsel des Ehepaars Varnhagen mit Fürst Hermann von Pückler-Muskau (Jaśtal, Zarychta). Diese Schwerpunkte werden in Beteiligung von Studierenden erarbeitet, um die internationale Lehr- und Forschungsarbeit an der Sammlung zu dokumentieren; nach Möglichkeit werden sie digital publiziert, um außerhalb Krakaus rezipiert zu werden.

Jagiellonen-Bibliothek in Krakau
Foto: Jagiellonen-Bibliothek in Krakau