04.06.2021 | Ab 18 Uhr

Devoted Listeners –  Musikhören und Kunstreligion

Prof. Dr. Christian Thorau

Im andächtigen, konzentrierten Zuhören leben Rezeptionsformen weiter, die aus religiösen Praxen übernommen werden oder diesen zum Verwechseln ähnlich sind. Am Ende des 18. Jahrhunderts kommt in der frühromantischen Musikästhetik die Vorstellung auf, dass das Hören von Musik eine hingebungsvolle, quasi-religiösen Haltung erfordert, die sich ganz auf die Musik einlässt und die Welt drum herum vergessen macht. Vor allem von Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder stammen Texte, in denen ästhetische Wahrnehmung und religiöse Emphase ununterscheidbar erscheinen. Wackenroder beschreibt in der Figur des Tonkünstlers Joseph Berglinger einen Hörer, der die Umgebung ausblendet und sich auf die Musik konzentriert: „Wenn Joseph in einem großen Konzerte war, so setzte er sich, ohne auf die glänzende Versammlung der Zuhörer zu blicken, in einen Winkel und hörte mit eben der Andacht zu, als wenn er in der Kirche wäre – ebenso still und unbeweglich, und mit so vor sich auf den Boden sehenden Augen.“ Solche Zitate wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein weitergetragen und fanden in einer speziellen Ästhetik der „absoluten Musik“, ausformuliert von Eduard Hanslick, eine weite Verbreitung in bürgerlichen Kreisen. Vor einem größeren musik- und kulturgeschichtlichen Horizont ist diese seit gut 250 Jahren wirkungs-mächtige Idee aus mindestens zwei Gründen interessant: Sie bezieht sich vor allem auf eine nicht mit Sprache verbundene „reine“ Instrumentalmusik und sie korrespondiert mit einem Verhaltenswandel im Publikum, der zwischen 1810 und 1840 zu beobachten ist.

Die kulturhistorisch orientierte Musikhörforschung setzt deshalb weniger bei der Ästhetik oder bei den Klangeigenschaften der Musik an, sondern untersucht das Hörverhalten und die Hörnormen im Wandel der Zeiten. Der Vortrag soll zeigen, wie sich im Zusammenspiel von bürgerlichem Kunstbegriff, musikalischer Werkidee und neuen Konzerträumen eine strenge Verhaltensnorm für Konzertaufführungen herausbildete, die äußerlich (und möglicherweise auch in den inneren Überzeugungen) bis in das 21. Jahrhundert weitergegeben wurde.

Christian Thorau
Foto: Christian Thorau

Christian Thorau ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Potsdam. Er studierte Musik, Musikwissenschaft, Geschichte und Semiotik; Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Musikhörens, Theorie der musikalischen Analyse, Popularisierung musikalischen Wissens; jüngst erschien das von ihm und Hansjakob Ziemer herausgegebene Oxford Handbook of Music Listening in the 19th and 20th Century (2018).

Christian Thorau
Foto: Christian Thorau

Magie, Mystik und staunende Erkenntnis – Musik in Filmen mit biblischen Stoffen und christlichen Bezügen

Prof. Dr. Claudia Bullerjahn

Biblische Stoffe bildeten schon in frühesten Stummfilmzeiten beliebte Drehbuchvorlagen. Neben häufig monumentalen, epischen Verfilmungen einiger ausgewählter alttestamentarischer Stoffe (z.B. David and Bathsheba [1951], The Ten Commandments [1956], The Prince of Egypt [1998]) sind vor allem sog. Jesusfilme bis in die heutige Zeit weit verbreitet und besonders kommerziell erfolgreich. Dabei reicht das Spektrum vom Sandalenfilm mit nur vagen Andeutungen (z.B. Quo Vadis [1951], Ben-Hur [1951]) über die mehr oder weniger getreue Nacherzählung der Evangelien bzw. Exegese (z.B. King of Kings [1961], Barabbas [1961], The Greatest Story Ever Told [1965], The Last Temptation of Christ [1988], The Passion of Christ [2004]) bis zur Musicalverfilmung (Jesus Christ Superstar [1973]) und Filmkomödie (Monty Python’s Life of Brian [1979]). Hinzu treten Filme mit Bezügen zur christlichen Religionsgeschichte (z.B. The Song of Bernadette [1943], The Mission [1986]). Filmmusik kann in Kontexten der Intimität oder Erhabenheit über spezifische Instrumentierungen, Harmonien und Soundbearbeitungen Rührung oder Ehrfurcht erwecken, die mit spezifischen physiologischen Reaktionen wie Gänsehaut, Tränen, Kloßgefühl im Hals, Flattern im Bauch oder Herzrasen einhergehen können. Durch solche Musik wird der abendländisch sozialisierte Betrachter eines Hollywoodfilms befähigt zu erkennen, dass ein Protagonist ein Wunder erlebt, Transzendenz erfahren oder einen alternativen Weltzugang gewonnen hat. Zugleich wird die große Lücke zwischen der Alltags- und Filmwelt (Diegese) überbrückt und der Betrachter kann besser in das antike Geschehen eintauchen (Immersion). Es ist deshalb nicht besonders überraschend, dass in allen diesen häufig überlangen Filmen die Musik, und insbesondere die nondiegetische, eine überproportional große Rolle einnimmt, wenn auch der jeweilige Stil und die Funktion der Musik differieren. An Szenen ausgewählter Filme soll exemplarisch aufgezeigt werden, wie die visuelle Darstellung göttlichen Wirkens musikalische Unterstützung erhält und in welcher Weise der Betrachter vor der Leinwand oder dem Bildschirm durch Musik dazu gebracht wird, sich in den Leidensweg Christi einzufühlen und die Gedanken der Zweifler oder Gläubigen nachzuempfinden.

Claudia Bullerjahn
Quelle: Claudia Bullerjahn

Dr. Claudia Bullerjahn(* 1962 in Berlin): 1981–1997 Schulmusik-, Musiklehrerdiplom- und Aufbaustudium Musikwissenschaft sowie Promotion an der Hochschule für Musik und Theater Hannover; 1992–2004 Wissenschaftliche Angestellte bzw. Assistentin sowie Vertretungsprofessorin für Musik und ihre Didaktik sowie Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hildesheim; seit 2004 Professorin für Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Claudia Bullerjahn
Quelle: Claudia Bullerjahn