Witz Scharfsinn Concetto
Sitzungsprotokoll

In der Sitzung wurde v.a. ein Text von Rudolf Helmstetter mit dem Titel "Lyrische Verfahren: Lyrik, Gedicht und poetische Sprache" (M. Pechlivanos, S. Rieger u.a., Einführung in die Literaturwissenschaft, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart-Weimar 1995, S. 27-42) besprochen.
In seinen einleitenden Bemerkungen zur zweiten Sitzung des Seminars erläuterte der Diskussionsleiter H. Meyer die Konzeption der Annäherung des Entfernten als des Grundverfahrens sowohl des Witzes als auch der Lyrik. Er betonte die Rolle der Zweideutigkeit im Witz und brachte sie mit der Unentscheidbarkeit (anders gesagt: das Hören/Sehen/Denken von zwei Sachen in einer zeichenhaften Einheit wie z.B. einer sprachlichen Äußerung bzw. das Tun/Sagen von zwei verschiedenen Sachen gleichzeitig, was in der Psychologie als double bind bezeichnet wird) in Verbindung. Die gleichzeitige Produktion bzw. Rezeption zweier verschiedener Sachen ist ja die Grundform der (zeichenhaften) Annäherung des Entfernten, die auch als Kurzschluß bezeichnet werden könnte. Diese Herstellung der Ähnlichkeit des Unähnlichen kann sich (rhetorisch gesehen) auf der Ebene entweder der Figuren (d.h. auf der phonologischen, morphologischen, prosodischen syntaktischen Ebene) oder der Tropen ( d.h. semantisch) abspielen. Das wäre, grob gesagt, die erste Unterscheidung zwischen dem, das durch Lyrik, und dem, was durch Witz/Scharfsinn/Concetto gewährleistet wird. Des weiteren hob er hervor, daß das Concetto und der Scharfsinn des 17. Jahrhunderts ebenso als eine Sonderform des Scharfsinns (im Vergleich etwa mit demjenigen der Aufklärung, der Moderne usw.) einzustufen ist, wie sich bestimmte "scharfsinnige" und "witzige" Untergattungen der Lyrik (z.B. das Epigramm, das den Gegenstand der Sitzung am 29.10. darstellt) in der frühen Neuzeit besonderer Beliebtheit erfreuen. So ergibt sich eine zunehmende Spezifizierung, und zwar dergestalt:
A > B > D
--------> E
---> C > F
--------> G
(A = Annäherung des Entfernten, B = Lyrik bzw. lyrische Verfahren; C = scharfsinnige Tropik bzw. semantische Verfahren; D, E = 'scharfsinnige' lyrische Untergattungen [Epigramm, Sonett] und ihre Verfahren; F, G = Arten der scharfsinnigen Tropik bzw. der mit ihr zusammenhängenden semantischen Verfahren)
Unsere Aufgabe besteht darin, das Zusammenwirken von B und C anhand von Einzelphänomenen, die an der Stelle E, F, G, H usw. verortet sind, zu untersuchen. Wenn wir uns mit der Theorie der Lyrik und ihrer Verfahren sub specie acuminis beschäftigen, so befassen wir uns mit B unter besonderer Berücksichtigung von A.
Im Text von Rudolf Helmstetter haben wir v.a. die Eigenschaften der von Roman Jakobson postulierten "poetischen Funktion" der Sprache herausgearbeitet, die auch den Kern des Helmstetterschen Textes bildet.
Zuerst hat die Gruppe die von Helmstetter erwähnte und relativierte Dominanz der "Erlebnislyrik" im heutigen populären Bewußtsein über Poesie als Resultat der "Entrhetorisierung, Ästhetisierung und Psychologisierung" der Lyrik diskutiert. Dieser Prozeß macht Rhetorik und Poetik zu Gegensätzen. Helmstetters Kritik: "Eine solche Kanonisierung einer partialen Spielart von Lyrik blendet die weiten Felder der gefühllosen, der sprachspielerischen, manieristischen, der barocken und der modernen Gedichte aus, wertet die Gebrauchs- und Nonsense-Lyrik ab und blockiert den Zugang zu solchen Texten" (S. 27; Hervorhebung von mir)
Daraufhin ging es um die Stellung der Lyrik in der klassischen Gattungstrias "Lyrik-Epik-Drama" und um die von Helmstetter konstatierte Tatsache, daß man in Deutschland von "Lyrik" in diesem Sinne erst seit der Goethezeit spricht, obwohl der Trias oft geradezu Ewigkeitswert zugebilligt wird.
Nach diesen einleitenden Überlegungen hat die Gruppe das Problem der poetischen Sprache bzw. der poetischen Sprachfunktion aufgenommen, deren Prägung durch Jakobson als eines der Schlüsselereignisse des literaturwissenschaftlichen Strukturalismus bezeichnet werden kann. Folgende als erste Annäherung an die poetische Funktion einzustufende Formulierung Helmstetters hat die Gruppe genauer analysiert: "Präsentation von semantischen Anomalien (oder Alternativen) bei formaler Kohärenz und hochkomplexer Prägnanz, die die übliche Ordnung der Rede zugleich überbietet und unterläuft" (S. 28-29). Die Gruppe vergegenwärtigte sich Helmstetters Einschränkung, die poetische Sprache sei "als Sprache schlechthin" anzusehen, sei aber "nur in Form von Texten realisiert", und auch "nicht in jedem Text realisiert, der wie ein Gedicht aussieht" (S. 29).
Die Gruppe widmete den zwei Hauptkriterien der poetischen Sprache besondere Aufmerksamkeit: "das Äquivalenz-Prinzip auf der Ebene des Mitgeteilten und die Selbstzweckhaftigkeit auf der Ebene der Mitteilung" (S. 29-30). In diesem Zusammenhang wurden die Begriffe "Mitgeteiltes" und "Mitteilung" als zweideutig kritisiert; die Vorzüge der Begriffe "Signifikant" und "Signifikat" wurden hervorgehoben, insbesondere die Einbettung in eine nachvollziehbare Theorie. Das Äquivalenz-Prinzip wurde anhand diverser Beispiele (u.a. des klassischen Jakobsonschen Beispiels "horrible Harry") präzisiert.
Folgende weitere Formulierung wurde unter die Lupe genommen: "Das spezifische Verfahren der Lyrik besteht darin, primäre und sekundäre sprachliche Formen (...) im besonderen Maße zu aktivieren, bloßzulegen und produktiv zu machen, zu verdichten, die überformen und auszustellen. Die poetische Sprache bedient sich des gesamten rhetorischen Formen-Repertoires; Metaphorik oder 'Bildlichkeit' ist nur ein besonders auffälliges, vordergründiges und keineswegs ein obligatorisches Mittel."(S. 30). Dabei wurden die Begriffe "primär" und "sekundär" hervorgehoben und problematisiert. Außerdem wurde festgestellt, daß der Begriff der "Verdichtung" u.a. an Jurij Tynjanovs Theorie der lyrischen Verfahren, insbesondere die konstitutive bedeutungsschaffende Rolle der Verszeile erinnert.
Des weiteren wurden v.a. die von Helmstetter angeführten Jakobson-Zitate diskutiert, allen voran der Satz, der als Leitspruch des gesamten literaturwissenschaftlichen Strukturalismus bezeichnet werden könnte.: "Die poetische Funktion projiziert das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination. Die Äquivalenz wird zum konstitutiven Verfahren der Sequenz erhoben." Dieser Leitsatz wurde durchaus kontrovers diskutiert. Man vergegenwärtigte sich, was man unter Äquivalenz bzw. Selektion bzw. Paradigma einerseits und Sequenz bzw. Kombination bzw. Syntagma andererseits zu verstehen hat. Auf den Einwand hin, daß dieser Vorgang bei jedem normalen Sprachgebrauch stattfinde, wurde das Prinzip der Projektion diskutiert; es wurde festgestellt, daß es hier nicht um das durch das alltägliche Funktionieren der Sprache gewährleistete Zusammenwirken zwischen Selektion und Kombination geht, sondern gerade um Selektionsvorgänge, die über dieses Zusammenwirken hinausgehen (vermeiden wir die Hierarchie von primär und sekundär und sagen wir: parallel zueinander laufen) und gewissermaßen als 'Fremdsprache' zu erlernen seien. In diesem Zusammenhang wurde die Tatsache erwähnt, daß gerade diese 'Fremdsprache' das gewöhnliche Funktionieren der 'eigenen' Sprache verfremdet und offenbart.
Dies diente als Übergang zur Auseinandersetzung mit folgender Formulierung Helmstetters:
Während die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem (Signifikanten und Signifikaten) als solche (semantisch) unmotiviert, arbiträr und konventionell ist, zeigt die poetische Nachricht eine konstellative Motivierung: die selegierten Paradigmata motivieren sich wechselseitig. Wenn die poetische Rede die primäre Arbitrarität der Signifikanten durch formale Bezüge überformt, suggeriert dies immer auch, es gebe die dadurch hergestellten semantischen Bezüge bereits zwischen den Dingen, aber: Das Gesagte verweist aufs Sagen, auf die sprachlichen Möglichkeiten und die Textproduktion selbst. (S. 32)
Dazu wurde u.a. konstatiert, daß diese Suggestion von echten Beziehungen aufgrund von rein sprachlichen Beziehungen in verschiedenen Epochen verschieden stark ist, und daß die frühe Neuzeit noch eine recht schwach ausgeprägte Vorstellung von der Konventionalität der Zeichen hatte.
Helmstetters köstliches Goethe-Zitat wurde besonders unterstrichen, wonach "ein Bodensatz von Nonsense ... für den Vers obligat" (S. 33) sei. Anhand des folgenden Jakobson-Zitates wurde aber gleichzeitig konstatiert, daß Lyrik natürlich nicht mit Nonsense gleichzusetzen sei:
"Der Vorrang der poetischen Funktion vor der referentiellen löscht den Gegenstandbezug nicht aus, sondern macht ihn mehrdeutig." (S. 33)
Damit ist die Diskussion zum Ausgangspunkt der Sitzung zurückgekommen, nämlich zur Auseinandersetzung mit der Zweideutigkeit, des double bind und der Unentscheidbarkeit als Prinzipien der Lyrik und des Witzes.
Anhand der beiden letzten Jakobson-Zitate in Helmstetters Text wurde das Prinzip der Verfremdung der Sprache bzw. des 'Schreibens der Sprache' durch lyrische Verfahren vertieft.
"Nur in der Dichtung mit der regelmäßigen Wiederkehr äquivalenter Einheiten wird das Zeitmaß des Redeflusses erfahren, wie auch in der musikalischen Zeit" (S. 33).
"Indem sie das Augenmerk auf die Spürbarkeit der Zeichen richtet, vertieft diese Funktion die fundamentale Dichotomie der Zeichen und Objekte" (S. 34).
Letzteres Zitat wurde auf die weitläufigen philosophischen und metaphysischen Probleme rückgekoppelt, die die poetische Funktion gerade in der Barockzeit aufwirft und verkörpert.
Der im höchste Maße weiterführende letzte Satz des Helmstetterschen Aufsatzes wurde am Ende der Stunde diskutiert: "Die poetische Sprache macht die Sprache lesbar [bzw. die Sprache macht sich in ihr lesbar - H.M.], und Lesen geht nicht immer in Verstehen auf" (S. 41). Der erste Teil wurde mit ähnlichen Äußerungen früher im Text verglichen. Anhand des zweiten wurde der Begriff des Verstehens als Schlüsselbegriff der Hermeneutik im Sinne der communio zwischen einem schreibenden und einem lesenden Subjekt über Raum und Zeit hinweg (also einer ganz anderen Arbiet mit einer völlig andersartigen Entfernung) und einer "Verschmelzung der Horizonte" zwischen ihnen präzisiert und auf das Ausgangsproblem der "Erlebnislyrik" rückbezogen.
Witz Scharfsinn
Concetto


Zurück zur Homepage von
Witz-Scharfsinn-Concetto