Die aktuelle Gefahrenforschung macht deutlich, wie wichtig neue, globale Ansätze sind: Sowohl natürliche Extremereignisse als auch menschliche Eingriffe in das Erdsystem können komplexe Rückkopplungsschleifen erzeugen, die traditionelle, fachspezifische Methoden zur Gefahrenabwehr und Schadensminderung überfordern und stattdessen zunehmend multidisziplinäre Ansätze erfordern. Ein zentrales Hindernis für eine bessere Resilienz ist dabei die sogenannte „Last-Mile“-Kommunikation, bei der es oft weniger an präzisen Beobachtungen und Messreihen mangelt, sondern vielmehr an der institutionellen Fähigkeit, wissenschaftliche Ergebnisse und Vorhersagen in rechtzeitiges öffentliches Handeln zu übersetzen. Das Hochwasser in Pakistan 2010, die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 in Deutschland oder das Hochwasserereignis am Guadalupe River 2025 in Texas zeigen dies ganz deutlich.
Neben diesen kommunikativen Hürden scheitert der effektive Katastrophenschutz in der Praxis zudem oft an der zweiten Kernkomponente: dem Daten- und Infrastrukturzugang. Darüber hinaus wird die Operationalisierung hochauflösender Erdbeobachtungsdaten (EO) immer öfter durch erhebliche computergestützte und infrastrukturelle Einschränkungen, aber auch durch eingeschränkte Zugänglichkeit behindert. Die Verarbeitung von Satellitendatensätzen in Nahe-Echtzeit erfordert enorme Speicher- und Rechenkapazitäten, welche die Möglichkeiten der meisten einzelnen nationalen Behörden übersteigen. Während kommerzielle Plattformen wie die Google Earth Engine die Effizienz cloudbasierter Analysen demonstrieren – bei denen Nutzende Skripte direkt auf serverseitigen Daten ausführen, um lokale Hardware-Einschränkungen zu umgehen –, bleibt deren langfristige Zugänglichkeit für den akademischen und öffentlichen Sektor prekär.
Bodo Bookhagen führt deshalb aus: „Um die technologische Souveränität zu wahren und die IT-Effizienz in verschiedenen nationalen Kontexten zu maximieren, ist eine nicht-kommerzielle, unabhängige Cloud-Infrastruktur daher dringend erforderlich. Eine solche dezentrale, aber dennoch vereinheitlichte Architektur würde Datenduplikationen eliminieren und einen standardisierten Zugang zu kritischen Instrumenten der Katastrophenminderung gewährleisten – geschützt vor der Volatilität internationaler kommerzieller und politischer Rahmenbedingungen.“
Während sich die genannten Probleme weitgehend auf Wechselbeziehungen zwischen Erdoberfläche, Atmosphäre und Biosphäre beziehen, bringen Prozesse im Erdmantel und in der Erdkruste ganz eigene Gruppe Herausforderungen mit sich. Dies zeigt sich zum Beispiel besonders deutlich bei der Bewertung seismischer Gefahren und Risiken, wo Maßnahmen zur Schadensminderung und Kommunikation oft hinter den technischen Möglichkeiten zurückbleiben. Trotz des Aufkommens hochauflösender Analysewerkzeuge und fortschrittlicher Rechenleistung sind die globalen erdbebenbedingten Sterblichkeitsraten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nennenswert gesunken und die Kosten für den Wiederaufbau von zerstörter Infrastruktur in die Höhe geschnellt. Die Entschlüsselung und Vorhersage des Krustenverhaltens bleibt daher eine wichtige Aufgabe, die vielerorts durch eine anhaltende Kluft zwischen Wissen/Wissensproduktion und Handeln bzw. Bedarf an Information erschwert wird. In diesem Zusammenhang spielen die geologischen Archive bzw. Ablagerungen eine herausgehobene Rolle beim Verständnis sich wiederholender Extremereignisse. Sie ermöglichen durch die Analyse von Prozessraten über Jahrtausende hinweg ein Verständnis für langfristige Veränderungen, die sich über die kurzen Zeitspannen mit Hilfe von Messinstrumenten nicht erfassen lassen.
„Wir hoffen, dass einige dieser Gedanken in den G20-Dokumenten berücksichtigt und aufgenommen werden können“, betonen Manfred Strecker und Bodo Bookhagen. „Letztlich erfordert ein Übergang von reaktivem Krisenmanagement zu proaktiver Risikominderung einen besseren Datenzugang sowie ein Verständnis von verbundenen Prozessen im Erdsystem auf unterschiedlichen Zeitskalen. Dies muss auch Hand in Hand mit einer gezielten Stärkung von Bildung und einem bidirektionalen Wissenstransfer einhergehen, um wissenschafts- und technologischer Skepsis vorzubeugen.“