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Forschungsthemen

Aktuelle Forschungsthemen

  • Bildung und Medien.
  • Mediale Inszenierung von Gefahr. Eine Geschichte.
  • Monographie zu Leben und Werk von Hugo Fischer (1897 – 1975). [Arbeitstitel: ‚Der verschüttete Philosoph. Hugo Fischer und das Ende der Modernität‘].

Medienpathologien (Kult/ Amok/ Sucht/ Verschwörung)

Die Bandbreite und Intensität von Formen der Mediennutzung und Medienwirkung ist schwer zu überschauen und noch schwerer zu untersuchen. Der Weg über vermeintliche oder tatsächliche Auswüchse liegt nahe. Ihnen ist aber überraschenderweise nicht mit den bekannten, aus anderen Fächern importierten Wert- und Leitunterscheidungen wie krank/ gesund (Medizin, Psychologie), kritisch/ unkritisch (Pädagogik, Didaktik) oder normal/ abweichend (Soziologie) beizukommen. Ebenso wenig klärt ein bloßes Auszählen von Auflagen, Publika, Nutzern oder Institutionen etc. über diese Nutzungs- und Wirkungsweisen auf.

Deshalb soll der medizinische Aspekt, also der Theorieimport des Pathologischen, im Zusammenhang mit Medien auch zunächst in eine genuine Zuständigkeit (und operative Ebene) der Text- und Medienwissenschaften überführt werden. In dieser noch zu erarbeitenden Perspektive besteht nach wie vor ein großes Desiderat, da sich die medienkulturwissenschaftlichen Fächer an den entscheidenden Stellen – dort, wo es um die spezifische gesellschaftsweite Wirksamkeit ihrer Beobachtungsobjekte geht – in der Regel auf Vorgaben und Werturteile entfernter Fächer verlassen.

Ein alternativer Weg führt hier über die Anerkennung einer hohen Wirksamkeit der vom Standpunkt des Ästhetischen aus ganz unterschiedlich zu bewertenden Texte. Damit wird einerseits der Vorrang kanonischer (anerkannter) Texte ausgesetzt, andererseits wird die Perspektive auf das typische Wie der Benutzung umgelegt.

Nun kommen Sets von Operationen (Auswendigkeitslektüre, Spannungslektüre, Mehrfachlektüre, Lebenslektüre, Stellenlektüre, Zapping usw.) und Sets von Beschreibungsmodi (laut, halblaut, leise, gemeinsam, einsam usw.) in den Blick, die eine Geschichte der Nutzung ganz verschiedener medialer Formate und Formen aufschließen. Die vermeintlichen Auswüchse erleichtern nun auch den Zugang zum Normalen.

Erzählungen (Imagination, Verteilung, Konsum)

Bei dem Begriff der Erzählung ist man spätestens, wenn es um gegenwärtige oder vergangene Gesellschaften bzw. Individuen geht, die ihr Selbstverständnis in überwiegendem Maße tradierten Wert- und Ordnungsschemata entnehmen, die als Erzählungen kursieren. Was man werden will, kann man nicht aus einer noch unbekannten Zukunft heraus beantworten. Man greift auf Anekdoten, Berichte, Erfolgsgeschichten und abschreckende Beispielerzählungen aus der Vergangenheit zurück, die man dann gegebenenfalls mit Blick auf eine Zukunft variiert.

Die Erzählungen, die die zukünftigen Möglichkeiten bergen, kursieren immer schon massenhaft als verbindliches Buch ('Mao-Bibel' usw.), verpflichtend als mündliche Erzählkosmen mit Minimalvarianten (Epen etc.), zentral als bei Eliten hinterlegte Texte einer gehüteten Überlieferung (Gewohnheitsrecht usw.). Sie werden in einem Gürtel von ganz verschiedenen Institutionen auf uniforme Weise vermittelt, die so als Nadelöhr einer gesellschaftlichen Programmierung des Einzelnen fungieren (Kult, Kirche, Universität, Managementschulung, Koran-Schule etc.) können.

Entscheidend ist hierbei, daß die immer eine Praxis organisierenden Erzählungen vom idealen Bildungsgang oder von der Laufbahn, vom unumgänglichen Gehorsam gegenüber höheren Instanzen, vom drohenden Verlust der Ehre, vom Feind des eigenen Volkes usw. keiner endgültigen historischen Relativierung und keiner irreversiblen ironischen Brechung ausgesetzt sind. Die massenhafte Distribution auf der einen Seite ermöglicht gerade auf der beliebigen anderen Seite ihr Gegenteil: jene intensive, eine neue Uniformität bewerkstelligende Wiederholungslektüre, die das Schema der typischen Erzählung dem suchenden Individuum zur zweiten Haut werden lässt.

Ein für mein Forschungsinteresse zentrales Folgeproblem ergibt sich also, wenn moderne Gesellschaften oder teil-modernisierte Gesellschaften Unterhaltung als freien und kapitalisierten Sonderbereich der Gesellschaft zulassen und hier nun die massenhafte Distribution zu verschiedenen, aber gleichzeitig auftretenden Formen der individuellen oder kollektiven Implementierung solcher typischen Verlaufserzählungen im oben genannten Sinne führen kann.

Ein von Foucault geschilderter Sonderfall deutet diese distributiven Möglichkeiten schon an, ohne daß es dafür noch gesellschaftsweit so etwas wie einen programmierbaren Instanzenzug gibt: Die Schauerromane waren darauf aus, gelesen zu werden und sie wurden es auch. Von dem anonymen Roman 'Das geheimnisvolle Kind', der 1798 veröffentlicht wurde, waren bis zur Restauration 1 200 000 Exemplare verkauft. Das heißt, daß jeder, der lesen konnte, und jeder, der überhaupt je in seinem Leben ein Buch aufgemacht hat, dieses Buch gelesen hatte. [Michel Foucault, Das unendliche Sprechen (1963), in: ders., Schriften zur Literatur, Frankfurt/M. (1988), S.90 – 103, hier: S.99].

Das Spektrum möglichen Konsums von Erzählungen unterschiedlicher Komplexität, damit von genrespezifischen Handlungsmustern und Lebensläufen, ist mit einem Markt für Unterhaltung irreversibel enthierarchisiert. Die Parameter des Konsums und die dezentralisierte, gleichwohl massenhafte Distribution dieser Geschichten aber verhindert gerade nicht (etwa im Zeichen von scheinbar klar formulierten gesellschaftsweiten Bildungs- oder Erkenntniszielen) spektakuläre Punkte der Intensivierung des Konsums und Fälle maximaler Wirksamkeit bzw. Nachhaltigkeit der Erzählung. Das Spektrum möglichen Konsums von Erzählungen unterschiedlicher Komplexität bzw. technisch unterschiedlicher Medialität verlangt nach neuen Wegen und Strategien der Kontrolle, die nur noch als ein Kalkül auf wahrscheinliche und ungefähre Wirkungen ausfallen können. Gleichzeitig geraten Bücher oder Filme in den Fokus von Medien-Generationen (Goethe, Hesse, Kerouac usw.), die sich programmatisch institutionenfern und als ein Akt individueller Befreiung gerieren, um gerade dadurch zum Verpflichtungstext zu werden.

Jedes Beispiel, das eine in diesem Bewußtsein und mit dieser Erwartung operierende Medienkulturgeschichte aufgreift, ist so – möglichst vollständig und materialintensiv hergeleitet, erzählt und aufgearbeitet – immer auch ein Beispiel für die schwierige, gleichzeitige und vielgestaltige Präsenz des Medialen. In dem so verstandenen Feld der Unterhaltung und Erzählung gilt es die Bedingungen der Möglichkeit von 'Unterhaltung und Unterweisung' erneut zu reflektieren.