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12/19 Konstantin und Kornelius Keulen

Konstantin und Kornelius Keulen
Photo: Peter Janson
Konstantin und Kornelius Keulen: Zu Niemandem ein Wort.

Konstantin und Kornelius Keulen sind Zwillinge – und Autisten. Nach ihrem Abitur studierten sie an der Universität Potsdam Philosophie und Geschichte und schlossen das Studium 2014 erfolgreich mit einer Magisterarbeit ab. In diesem Jahr folgte die Promotion. In ihren wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sie sich mit dem Problem der Zeit und widmen sich auch in ihren Lyrik- und Prosatexten dieser Thematik.


Konstantin und Kornelius Keulen, Sie haben nach ihrem Philosophiestudium und nun auch promoviert. Für Ihre Promotion haben Sie gemeinsam eine Doktorarbeit geschrieben. Wie haben Sie sich die Arbeit aufgeteilt?

Zunächst mussten wir ja gemeinsam eine Idee fassen, wie die Arbeit konzipiert werden kann. Dann haben wir überlegt, ob es günstig ist, dass jeder einzelne Kapitel separat bearbeitet. Das erwies sich als unmöglich, denn in jedem fortschreitenden Gedanken ist überhaupt die Gesamtheit des Themas versammelt. So gab es nur die Möglichkeit, gemeinsam nachzudenken, zu verwerfen, neue Aspekte zu finden, um dann in getrennten Schreibprozessen die Gedanken aufzuschreiben. Eine Korrektur zog immer wieder neue Korrekturen nach sich, sodass letztlich eine gemeinsame Dissertation verfasst wurde, in der einzelne Abschnitte von einem Autor bearbeitet wurden und als federführend bezeichnet werden können. Die Grundlage war jedoch immer das gemeinsame Nachdenken und Ändern, was sehr viel Spaß gemacht hat. Wir haben dabei den fachlichen Rat und die freundliche Unterstützung unseres Doktorvaters, Professor Hans-Joachim Petsche, sehr geschätzt. Ihm danken wir herzlich dafür.

Was war der Inhalt Ihrer Promotion?

Seit langem interessieren wir uns für das Phänomen Zeit. Die Ausgestaltung des Begriffs der Zeit ist sehr davon abhängig, welche Perspektive ich wähle. Eine mögliche ist, das Problem der Zeit an das Ereignis zu binden. Mit Deleuze, Derrida, Whithead und Heidegger haben wir wichtige Philosophen gefunden, Zeit aus dem Ereignis heraus zu erklären. Das ist sehr spannend. Die Transformation der zeit- und ereignisphilosophischen Untersuchungen und Erkenntnisse auf das Internet als Konstrukt aus Maschine und Mensch erwies sich als fruchtbringend, um Zeit und Erleben in der vom Internet dominierten Gesellschaft zu erklären. Das ist ein weites Feld. Wir konzentrierten uns im Wesentlichen auf die ereignisphilosophische Grundierung. Doch man könnte so viel mehr noch in die gesellschaftspolitische Ebene (Überwachung, Manipulation) und soziologische (Veränderung der Wahrnehmung, der Kommunikation, der Bezogenheit der Menschen zueinander) gehen. Hier lohnt es sich, mit einem auch neuen Vokabular dem Problem der Zeit näher zu kommen.

Welche wissenschaftlichen Fragen interessieren Sie darüber hinaus?

Wie gesagt, der Begriff der Zeit ist so breitgefächert, dass er niemals abschließend behandelt werden kann. Interessant für uns ist auch eine quantenphysikalisch grundierte Ausdeutung des Begriffs der Zeit. Außerdem ersehen wir Anknüpfungspunkte der philosophischen Betrachtungsweise an die technische Seite unserer Zeitvorstellung – und Umsetzung als eine interessante Möglichkeit, die Welt in der technikinduzierten Ausprägung erklärbar zu machen. Das bedeutet, sie in der Weise zu analysieren, dass das schwierige Leib-Seele-Problem in der Verfasstheit einer appräsenten Präsenz des Körpers und eines omnipräsent Geistigen – zum Beispiel in Form von digitaler Information, Selbstorganisationsprozessen in Natur und Gesellschaft, einer Übertragung von Informationsinhalten von elementaren Teilchen untereinander, die rückwirken auf die Durchsetzbarkeit von Leben überhaupt – für die internetbasierte Verflechtungsstruktur neu zu denken ist. Das finden wir ungeheuer spannend. Hier würden wir gern weiter arbeiten.

Sie kommunizieren beide ausschließlich schriftlich. Wie hat das im Studium und während Ihrer Promotion funktioniert?

Das ist ganz einfach: Alles wird auf schriftlichen Weg abgehandelt. Vorträge im Studium wurden in Schriftform abgegeben und dort vorgetragen. Natürlich ist es schade, dass wir nicht spontan in eine Diskussion eingreifen können. Das bedauern wir sehr.

Sie haben bereits zahlreiche Arbeiten veröffentlicht – sowohl wissenschaftliche als auch literarische. Was bereitet Ihnen mehr Freude?

Das kann man so nicht sagen. Jedes Thema, das wir uns vornehmen, hat seinen Reiz. Manchmal ist es leichter, wissenschaftlich zu arbeiten. Denn hier herrschen eine andere Stringenz und Form als in der Literatur. Hier muss ich meine Form, meinen Ausdruck immer wieder neu bestimmen und dem Thema anpassen. Das ist so diffizil wie auch schöpferisch. Doch auch die Philosophie kann literarisch daherkommen. Da können wir von den Franzosen eine Menge lernen.

Studium und Promotion sind nun abgeschlossen. Wie geht es jetzt weiter in Ihrem Leben? Welche Ziele und Wünsche haben Sie?

Wir wollen weiter schreiben, sowohl literarische Texte als auch wissenschaftliche Arbeiten. Das Durchkomponieren von Gedanken ist für uns eine Freude, gemeinsam und auch jeder für sich. Daraus entsteht dann immer wieder ein neues gemeinsames Produkt, das sich nicht auf einen von uns reduzieren lässt.

Werden Sie in Potsdam bleiben?

Wir haben vor, in Potsdam zu bleiben. Allerdings können wir uns auch Studienaufenthalte in anderen Städten oder Ländern vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlichungen von Konstantin und Kornelis Keulen

Keulen, Konstantin und Kornelius. Kosog, Simone. (2003) „Zu Niemanden ein Wort“ Erstmalig erschienen im Piper Verlag GmbH, München. Unveränderte Neuauflage in conception SEIDEL OHG. Hammerbrücke, Muldenhammer (2010).

Keulen, Konstantin und Kornelius. „…und dann jagen wir unseren Gedanken nach“ In conception SEIDEL OHG. Hammerbrücke, Muldenhammer. 1. Auflage. (2010).

Magisterarbeit „Wo steckt die Zeit? Aspekte der Zeit in der Ereignisphilosophie von Deleuze, Heidegger, James und Whitehead“, erschienen beim trafo Wissenschaftsverlag (2014).

2019 veröffentlichten die Geschwister ihre Promotion „Im Netz der Zeit – das Internet im Spiegel der Ereignisphilosophie“ beim trafo Wissenschaftsverlag.

Außerdem betreiben sie den Blog zeit-wort.net, auf dem sie Vorträge, Konferenzbeiträge und philosophische Essays veröffentlichen.

Der Artikel von Konstantin und Kornelius Keulen ist auch im Portal Alumni Heft 16/2019 erschienen. Das Alumni-Magazin berichtet, wie inklusiv die Universität Potsdam ist und wie eine gelebte Inklusion Sichtweise von Menschen verändert (hat). Es werden Ehemalige vorgestellt, die entweder selbst Betroffene sind oder heute in Schulen, Behörden oder sozialen Einrichtungen beruflich oder ehrenamtlich mit Inklusionsaufgaben befasst sind.