Brain Food

Dienstag, 04.02.2020
13:00 - 14:00 Uhr „Probleme wälzen und Pläne schmieden. Handhabung und Werkzeuggebrauch als Metaphernspender“ (Dagmar Schmauks, TU Berlin)
Abstract Obwohl wir immer häufiger in digitalen Welten unterwegs sind, stammen die meisten Redewendungen weiterhin aus ganz konkreten Bereichen. Wir behaupten etwa, unser Computer würde „Daten hin- und herschaufeln“ oder sei „mal wieder abgestürzt“. Eine Sichtung solcher Wendungen belegt, dass wir Denken und Sprechen konsequent so beschreiben, als würden wir konkrete Objekte handhaben: Wir „wälzen Probleme“, „schmieden Pläne“, „kramen in Erinnerungen“, „stellen Behauptungen auf“ oder „schmettern Einwände ab“. Dabei tauchen besonders häufig traditionelle Handwerke auf. So beziehen wir uns auf die Jagd, wenn wir „ein Thema einkreisen“ oder „jemanden ködern“. Während gute Jäger „treffsichere Argumente“ verwenden, geht den schlechten so mancher „Schuss daneben“. Aus dem Ackerbau stammen Ausdrücke wie „Zweifel säen“ und „Gerüchte ausstreuen“. Kluge Bauern „ernten die Früchte ihres Fleißes“, während dumme nur „leeres Stroh dreschen“. Weil die Menschen immer schon in Kämpfe verwickelt waren, führen wir „Rededuelle“, „Wortgefechte“ oder „torpedieren“ das Projekt eines Konkurrenten. Das Textilhandwerk ist eine fruchtbare Ursprungsdomäne, wenn wir „Leitfäden“ formulieren, „etwas einfädeln“ oder „Kontakte knüpfen“. Die Vielfalt der Geflechte reicht vom prähistorischen Fischernetz über den „Ehebund“ bis zu „sozialen Netzwerken“ und dem „Internet“. Ärgerlich hingegen sind „krause Einfälle“ und „verfilzte Machtverhältnisse“. Das Bauwesen schließlich motiviert Ausdrücke wie „Gedankengebäude“ und „Textbausteine“ sowie wünschenswerte „Brückenschläge“ zwischen Disziplinen. Viele kreative Wendungen beschreiben den Menschen als mehr oder weniger geschickten Handwerker. Der eine „weiß, wo der Hammer hängt“, der andere „geht mit dem Drahtkorb Milch holen“. Mancher versagt schon bei kleinsten Aufgaben („Kaffeewasser anbrennen lassen“), tut Überflüssiges („Seerosen gießen“) oder benutzt das falsche Werkzeug („mit Kanonen auf Spatzen schießen“). Schlichte Denker bleiben „Dünnbrettbohrer“, „können die eigene Unterschrift nicht fälschen“ oder „stehen auf der Seife“. Neben diesen traditionellen Handwerken geht aber auch jede neue Technologie zügig in die Metaphorik ein, was sich wieder am deutlichsten bei den Schimpfwörtern zeigt. Neben altbekannten mechanischen Beschädigungen wie „behämmert“ und „durchgeschmirgelt“ werden nämlich auch Vorwürfe wie „Lass mal eine Hohlraumversiegelung machen!“ oder „Ein Upgrade fürs Gehirn wäre prima...“ spontan verstanden.
19:30 - 21:00 Uhr „Visuelle Kunst und Performance als politische Strategien gegen rechtsgerichtete Regierungen und Institutionalisierung der Kunst“ (Fabiola de la Precilla, Universität Cordoba, Argentinien)
Abstract Die jüngsten Entwicklungen auf der politischen Szene Lateinamerikas haben die Region durch die programmierten Brände des Amazona-Urwalds in Brasilien, Bolivien und Paraguay,die massiven Proteste der Bevölkerung in Ecuador, Kolumbien, Chile und den Staatsstreich in der Plurinatiolen Republik Bolivien ins Zentrum der Weltöffentlichkeit gerückt. Der brutale Einsatz von Polizei und Militärs seitens der neo-liberalen rechtsgerichteten Regierungen gegen eine wehrlose Zivilbevölkerung zeigen eine Radikalisierung dieser Regierungen, die massiv und zunehmend die Rechte der Zivilgesellschaft verletzen. Unterschiedliche Formen haben die Proteste angenommen. Kollektive Performances, Installationen, Straßenkonzerte werden als Subversionsstrategien und performative Widerstandsrituale eingesetzt. Die modellierten hegemonialen Medien werden von Einzelpersonen und Organisationen mit Hilfe digitaler Technologien begegnet, um alternative Informationsquellen zu schaffen und die politischen Ereignisse in Lateinamerika der internationalen Gemeinschaft anzuprangern. Undenkbares Déjà-vu im Rahmen der lateinamerikanischen Kulturgeschichte des 21. Jahrhunderts.
Mittwoch, 05.02.2020
13:00 - 14:00 Uhr „Du bist, was Du isst. Über die Kultur des Essens und deren Auswirkung auf die Gesellschaft“ (Marie Schröer, Universität Koblenz-Landau)
Abstract „Sag mir, was Du isst und ich sage Dir, wer du bist“: Essen ist Alltag und somit etwas Selbstverständliches, scheinbar nur Grundlage der physischen Existenz. Essen ist, im wörtlichen und im übertragenen Sinne, in aller Munde. Obwohl es sich bei dem Themenkomplex Nahrung um ein „soziales Totalphänomen“ (Marcel Mauss) handelt, wird es vergleichsweise selten kulturwissenschaftlich seziert. Die Allgegenwärtigkeit des Themas täuscht leicht darüber hinweg, dass mit der schlichten Praxis derNahrungsaufnahme vielfältige Diskurse und komplexe Zeichengefüge verknüpft sind: Was wo gegessen wird und wie gegessen wird, verweist auf Geschichte, Kultur und Selbstverständnis einer Region. Für Individuen wie Gruppen ist Essen Identitätsmarker und Distinktionsmittel – Symbolik, Ritualcharakter, Motive und Mythen des Speisens und der Speisen können als Zeichen gelesen und analysiert werden.
19:30 - 21:00 Uhr „Über Migrant*innen twittern“ (Annette Gerstenberg / Valerie Hekkel, Universität Potsdam)
Abstract „Migrant*innen“ oder „Krimigranten“, „Helfer*innen“ oder „Gutmenschen“, „Rassisten“ oder „Bürger“? In der Flüchtlingsdebatte übernimmt die Wortwahl eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, sich in diesem ideologisch aufgeladenen Diskurs auf die „eine oder die andere Seite“ zu schlagen. Dies wird insbesondere im sozialen Netzwerk Twitter sichtbar, wo nur eine begrenzte Menge an Wörtern zur Verfügung steht, um die eigene Einstellung auszudrücken. Wer über „#Geflüchtete“ als „Migrant*innen“ twittert, positioniert sich bereits auf der Seite der Flüchtlingsbefürwortung, wenn von „#Asylanten“ und „Krimigranten“ gesprochen wird, ist eine gegnerische Position wahrscheinlich. Neben diesen Unterschieden der Wortwahl gibt es feinere sprachliche Unterschiede, die für die einzelnen Lager typisch sind: zum Beispiel die Verwendung der Endung -isierung oder längere Wortzusammensetzungen. In unserem Vortrag analysieren wir Tweets aus den Jahren 2012-2014, 2016 und 2019 mit den Hashtags #geflüchtete, #flüchtlinge und #asylanten. Wir zeigen, wie der Sprachgebrauch auf Twitter ein Zeichen für die ablehnende oder befürwortende Haltung zur Migration setzt.
Donnerstag, 06.02.2020
19:30 - 21:00 Uhr „Germany's Next Topmodel. Zur Formatierung der Person in Casting-Shows“ (Jan-Oliver Decker, Universität Passau)
Abtstract Germany’s Next Topmodel entwirft mit Hilfe der Teilnehmerinnen ein Stereotyp, bei dem junge Mädchen durch das Laufstegritual vor der Jury als Person geformt werden. Diese Formatierung der Person vermittelt die kollektive Wunschvorstellung einer Frauwerdung, bei der äußerlich sichtbar scheinbar in der Person angelegte Potenziale herausgearbeitet werden. Diese von der Show vorgeführte, vermeintliche Arbeit an der Person zeigt aber vor allem eine Domestikation und Normierung der Person auf ein kollektiv gewünschtes Leistungsideal. Durch die Wiederholbarkeit dieser Normierung befriedigt die Show dabei wie alle Casting-Shows kollektive Wünsche des Publikums aus der Generation ‚Praktikum‘ nach sozialer Anerkennung und Integration durch Eigenleistung, die in der medialen Imagination als Schlüssel für den Zugang zu einem idealisierten Raum der Topmodels (oder eben auch Superstars) überhöht wird.