AG Oral History
AG-Mitglieder: Annette Gerstenberg (Uni Potsdam / Projekt LangAge), Peter Kompiel (FU Berlin / Oral-History.Digital), Nina Zellerhoff und Daniel Burckhardt (Oral History Projekte / Moses-Mendelssohn-Zentrum)
1. LangAge
Für die Oral History-Sammlung “LangAge” werden seit 2005 in der französischen Stadt Orléans lebensgeschichtliche Interviews mit Angehörigen der damals älteren Generation geführt, die in ihrer Kindheit und Jugend den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung erlebt hatten. Die Interviews sind zeitaligniert in einem XML-Format transkribiert und mit der Plattform LaBB-CAT sowie als Sammlung des Portals Oral-History.Digital teilweise in Open Access verfügbar. Neben soziolinguistischen Analysen entstanden Studien mit Oral History Schwerpunkt zu verschiedenen Fragestellungen der sprachlichen Verfasstheit des Erinnerns: worin sich Betroffene und Zeitzeugen im Erinnern an Zwangsarbeit unterscheiden (Gerstenberg 2017), welche sprachlichen Marker Erinnerungen rahmen und wie diese Marker helfen, Interviewsammlungen zu profilieren (Gerstenberg und Pagenstecher 2022), welche Relanz Erinnern – oder Nicht-Erinnern – in Interviews des höheren Lebensalters hat (Bandt und Gerstenberg 2024) und wie sich in biographischen Erinnerungen aus großer zeitlicher Distanz die Bewertung historischer Schlüsselmomente ablesen lässt (Gerstenberg 2025).
Mit LangAge-Daten wurde ein auf Whisper large v3 basierendes Modell der Automatischen Spracherkennung (ASR) finegetuned. Die Auswertung der mit frWhisper erstellten Transkripte erlaubt Aufschlüsse über die Herausforderungen älterer Stimmen für Ki-gestützte ASR.
Publikationen:
- Bandt, Elena & Annette Gerstenberg. 2024. “That was a long time ago”. Memory work spanning the arc from normal healthy aging to cognitive impairment. Pragmatics and Society. [1–16]. 10.1075/ps.23054.ban.
- Gerstenberg, Annette. 2017. A Difficult Term in Context: The Case of French STO. In Erich Kasten, Katja Roller & Joshua Wilbur (eds.), Oral History Meets Linguistics, 159–184. Fürstenberg: Kulturstiftung Sibirien.
- Gerstenberg, Annette & Cord Pagenstecher. 2022. ‚Mi ricordo′, ‚je me souviens′: ich erinnere mich. Sammlungsübergreifende Interviewanalysen in Oral History und Korpuslinguistik. apropos [Perspektiven auf die Romania] (9). 213–239. 10.15460/apropos.9.1902.
- Gerstenberg, Annette. 2025. Keywords in discourse: unlocking the meaning attributed to historical events around the French Libération (1944) in interviews with time witnesses in later life. In Christopher Fitzgerald (ed.), Linguistics and Oral History: Towards an Interdisciplinary Approach, 237–252. London: Bloomsbury. 10.5040/9781350458260.ch-12.
2. Oral History am MMZ
Die Oral-History-Sammlungen des MMZ decken zwei Themenfelder ab, die wir über eine gemeinsame technische Infrastruktur in zwei inhaltlich und visuell eigenständigen Online-Angeboten der Öffentlichkeit präsentieren:
- „Jüdische Geschichte[n] in der DDR“ (https://ddr.juedische-geschichte-online.net) umfasst biographische Interviews mit Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen DDR, die in drei voneinander unabhängigen Projekten zwischen 1989 und 2015 durchgeführt wurden. Das Online-Angebot wurde im Herbst 2025 veröffentlicht und wird seither fortlaufend erweitert.
- Das Interview- und Forschungsprojekt „Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah“ wurde von 1995 bis 1997 als internationale Kooperation zwischen dem MMZ und dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies an der Yale University durchgeführt. Die 78 Interviews mit den damals vorwiegend in der Region Berlin-Brandenburg lebenden jüdischen Zeitzeug*innen können online recherchiert und nach einer Registrierung für Forschungszwecke direkt eingesehen werden. Von Beginn an war die pädagogische Verwendung der Interviews in Schule, Erwachsenenbildung und Universität dabei integraler Teil der Projektkonzeption. Zu diesem Zweck wurden sechs exemplarische Interviews auf eine jeweils halbstündige Länge ediert und zusammen mit didaktischem Begleitmaterial als VHS- und später DVD-Edition an Schulen verteilt. Diese Video-Edition wird aktuell am MMZ digitalisiert und im Herbst 2026 online gestellt.
Über die Aufbereitung und inhaltliche Erschließung dieser beiden Sammlungen hinaus untersucht das vom BMFTR seit Mai 2026 geförderte Verbund-Projekt „Unlearning Antisemitism – Jüdische Erzählungen in der deutschen Gesellschaft“ die Geschichte der Oral History im Bereich der historischen Bildung und plant eine neue Interviewsammlung zur zweiten und dritten Generation der Jüdinnen und Juden in der DDR und zum Gegenwartsjudentum zu erstellen.
3. Oral-History.Digital
Das Projekt Oral-History.Digital (oh.d) entwickelt und betreut eine digitaleorschungsdateninfrastruktur für wissenschaftliche Sammlungen von audiovisuell aufgezeichneten narrativen Interviews. Forschende und Interessierte aus Bildung und Öffentlichkeit können die Interviews über verschiedene Recherchezugänge wie eine Filter- und Volltextsuche sammlungsübergreifend durchsuchen. Außerdem unterstützt die Arbeitsumgebung sammelnde Institutionen und Forschungsprojekte bei der Archivierung, Erschließung und Bereitstellung von Interviewsammlungen.
Die Recherche- und Erschließungsplattform ist seit September 2023 online und umfasst über 5000 Interviews von mehr als 50 Institutionen (Stand: Anfang 2026).
Mit oh.d Assoziierte Projekte:
- Open.Oral-History. Empfehlungen und Werkzeuge für die Risikobewertung, Anonymisierung und Bereitstellung rechtlich geschützter und ethisch sensibler audiovisueller Interviews
- ASR4Memory. Automatische Transkription audiovisueller Forschungsdaten
- Text+ohd. Text+-Schnittstellen zu den Interview-Sammlungen in Oral-History.Digital
Sämtliche Projekte werden vom Team Digitalen Interview-Sammlungen an der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin durchgeführt. Die Digitalen Interview-Sammlungen sind ein Kompetenzzentrum für die Oral History. Das Team erarbeitet gemeinsam mit Forschenden der Freien Universität Berlin und externen Partner*innen interaktive Forschungs- und Lernumgebungen für Oral History-Sammlungen.
Neue Publikationen des Teams:
- Kilgus, T., Kompiel, P.: Das Transkript im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Automatische Spracherkennung in der Oral History, BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, 1+2-2025, S. 68-82. www.budrich-journals.de/index.php/bios.
- Nägel, Verena Lucia: Bits and Bytes: Oral Histories of Holocaust Survivors as Digital Research Data, in Cave, M., Leydesdorff, S. (Eds.). Handbook of Global Oral History. Leiden 2025. doi.org/10.1163/9789004737181_012.
- Nägel, V., Kilgus, T., Leh, A., & Mischke, D. (2025). Empfehlungen und Werkzeuge für die Risikobewertung, Anonymisierung und Bereitstellung rechtlich geschützter und ethisch sensibler audiovisueller Interviews. Beitrag im DFG-Blog "Rechtebewehrte Sammlungsobjekte". schutzrechte.hypotheses.org/1206.
- Pagenstecher, C.: Oral-History.Digital: Eine Erschließungs- und Rechercheplattform für audiovisuelle narrative Forschungsdaten,
in: O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal 11 (1), 2024, 1-8, doi.org/10.5282/o-bib/6007. - Wein, Dorothee, Moller, Sabine: Film und videografierte Zeitzeugeninterviews als Medien schulischen Lernens über den Nationalsozialismus, in: Sandkühler, Thomas (Koord.): Der Nationalsozialismus. Herrschaft und Gewalt, Band 3: Historisches Lernen aus dem Nationalsozialismus, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hg.), München 2025, S. 293-333.