Mauritius-Glockenblume - Nescodon mauritianus
Photo: M. Burkart
Mauritius-Glockenblume - Nescodon mauritianus

Mauritius-Glockenblume - Nescodon mauritianus

Pflanze des Monats September 2007

Das Rätsel des roten Nektars

 

Viele Pflanzen verlassen sich in ihrem Sexualleben auf Tiere. Mit bunten Blüten locken sie Bestäuber an, die den männlichen Pollen zum Griffel einer anderen Blüte transportieren. Für die Bestäuber ist es meist vorteilhaft, fliegen zu können. Der Griffel, das nebenbei, ist bei Pflanzen ein weibliches Organ. Als Lohn finden die Tiere in vielen Blüten leckeren Nektar, eine süße, nahrhafte, in der Regel farblose Flüssigkeit, woraus beispielsweise die Bienen den Honig bereiten.

Diese Geschichte handelt aber nicht von Bienen. Sie handelt vielmehr von leuchtend rotem Nektar, der vor mehr als 15 Jahren in den Blüten einer sehr seltenen Pflanze von der Insel Mauritius gefunden wurde, die dort an steilen Felswänden lebt. Es handelt sich um eine Glockenblume (Nesocodon mauritianus). Am Grunde ihrer blassblauen Blütenglocken sitzen fünf große, leuchtend rote Nektartropfen.

Bis dahin gab es kaum wissenschaftliche Berichte über farbigen Nektar. Nun stellten sich dänische Forscher die Frage nach der Bedeutung der roten Farbe. Insekten finden Rot nämlich meist nicht besonders auffällig, im Gegensatz zu Menschen, Vögeln oder manchen Echsen, für die Rot eine Signalfarbe darstellt. In vielen tropischen Gebieten fungieren denn auch Vögel als Bestäuber roter Blüten, beispielsweise Kolibris in Südamerika.

Den dänischen Forschern wollte es jedoch nicht gelingen, einen passenden Vogel auf Mauritius dingfest zu machen. War dieses Tier womöglich bereits ausgestorben? Auf Mauritius sind sehr viele Vögel ausgestorben. (Der berühmteste ist der schon 1680 ausgerottete Dodo.) Allerdings ist nicht ganz klar, wie roter Nektar in von Felswänden herabhängenden Blütenglocken darüberfliegende Vögel anlocken soll. War die gesuchte Art so etwas wie ein Tiefflieger gewesen?

Bei weiteren Feldstudien fanden die Dänen jedoch Geckos, die in den Felswänden leben. In einem Versuch boten die Forscher diesen Echsen künstliche Blüten an, die mit farblosem oder buntem Nektar bestückt waren. Die Geckos tranken ihn überraschend gern. Und zwar am liebsten bunten Nektar, viel lieber als farblosen.

Fliegen können die Geckos allerdings nicht. Dafür können sie von unten sehr gut den roten Nektar in den Blüten sehen.

Mauritius-Glockenblume - Nescodon mauritianus
Photo: M. Burkart
Mauritius-Glockenblume - Nescodon mauritianus