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Interviews

"Ein Vorbild für Weltoffenheit - Alexander von Humboldt entwickelte moderne Ansätze für ein respektvolles Miteinander"

Interview mit Ottmar Ette. Von Corinna Micha. Für Portal Alumni. Das Ehemaligen-Magazin der Universität Potsdam. Heft 14, Dezember 2017.

Interview als PDF.

Interview „Herstellung von Dummheit“

Ein Interview mit dem Magazin „Computer und Arbeit“ (CuA)

Computer und Arbeit 7 - 8 (2017), Frankfurt am Main: Bund Verlag.

Interview als PDF

Literatur - Weg aus geistigen Sackgassen

Interview in der MAZ vom 13.12.16

[Auszug] Am Mittwoch, dem 14. Dezember, genau am Tag Ihres 60. Geburtstages, gibt es einen Festakt und eine romanistische Konferenz an der Universität Potsdam. Ist das ein schönes Geschenk?

Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Es ist eine sehr internationale Veranstaltung. Es kommen sehr viele Menschen, mit denen ich über die letzten Jahrzehnte sehr eng zusammengearbeitet habe. Die wissenschaftliche Gemeinschaft spielt in meiner Arbeit immer eine sehr große Rolle. Ich bin ein Teamworker, wechselseitiges Vertrauen und Zusammenarbeit sind mir wichtig. Insofern ist das ein wunderbares Geburtstagsgeschenk.

Seit 30 Jahren forschen und lehren Sie in der Romanistik. Was fällt Ihnen spontan als prägend ein?

Ich bin eigentlich weniger stolz auf das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, als vielmehr auf das, was mir die bisherige Arbeit in der Zukunft ermöglicht. Das ist ein sehr Humboldtscher Gedanke: Man hat die Möglichkeit, mit den wissenschaftlichen Freunden immer weiter zu kommen und Dinge zu erforschen, an die man vor 20 Jahren noch nicht gedacht hat.

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CONVIVIR EN LA CATÁSTROFE: CAMINOS PARA LOS ESTUDIOS LITERARIOS EN EL SIGLO XXI

in abehache, 8 (1): p. 1-186, Jan./Jun., 2015 (p. 165-181)

Entrevista a Ottmar Ette de Ariadne Costa

[Extracto] AC: Eso me hace pensar en nuestros departamentos de literatura en Brasil, queestán organizados exactamente así. La formación de base de los alumnos esmonotemática, se enseña literatura hispanoamericana, por ejemplo, pero sin ningúncontacto con la brasileña.


OE: Yo creo que hay dos respuestas a ese desafío. Por un lado, en cada carrera individual que uno tiene, uno sigue un poco la forma de una botella: empieza por debajo primero y vas subiendo. O sea, cuando empiezas la carrera, cuando empiezas los estudios, tratas de abrir la visión, estudias materias diferentes, hasta tener una especia de primera impresión. Y luego se va cerrando la botella y pasas a producir una maestría, un trabajo de maestría dedicado a un tema x. Y luego preparas una tesis de doctorado y te vas concentrando. Mas...

Crossing Disciplinary Boundaries

An Interview with Ottmar Ette By Anja Becker and Robert Kelz (both Vanderbilt University)

[Extract]
Robert Kelz: Many view the humanities as being in a time of crisis, in decline. In your talks, in your books, you have indicated that there is an important role that the humanities have to play in contemporary intellectual discourse. This role seems connected to the idea of transdisciplinarity. Could you elaborate on this?

Ottmar Ette: The humanities should be much more vocal in articulating their importance to our societies, not in an aggressive way, really, but in an optimistic way. The main problems we are facing in the 21st century are problems that deal with cultural dimensions. One of those urgent problems is how to live together in peace and in difference at the same time. We cannot find solutions to this problem in the natural sciences. The humanities today are not always well enough prepared to respond to this need. Sometimes, political crises, such as the Cuban Missile Crisis, prompted the creation of, say, Centers for Latin American Studies on large scale, a sort of response to the Cuban Revolution. Today, in Germany, and in other regions as well, Centers for Arabic studies and Centers for Islamic studies are a similar sort of response to the difficulties we face globally with respect to how people live together, live between different ideologies, between different religions, between different kinds of cultural constructions. It is a good thing to build up interdisciplinary centers for the study of Latin America, the Arab world, and other topics, but we have to re--think how we structure the knowledge that circulates within the humanities in terms of these difficulties, in terms of what I call «Zusammenlebenswissen», the knowledge of how to live together. [Unfortunately this interview is not available anymore on the page of the Vanterbilt University!]

"Romanistik ist ein Lebensstil". Ein Interview mit Ottmar Ette

erschienen in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN), 14.09.2007.

Prof. Dr. Ottmar Ette lehrt seit 1995 in Potsdam romanische Literaturwissenschaft. Im Rahmen des wichtigen Hochschulranking des „Centrums für Hochschulentwicklung“ (CHE) errang das Potsdamer Institut für Romanistik einen deutschlandweiten Spitzenplatz. Im nachfolgenden Interview gibt Ottmar Ette eine persönliche Sicht auf das Institut für Romanistik und erläutert seine Auffassung des Faches Romanistik. Das Interview erschien in gekürzter Fassung am 14. 9. 2007 in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“. Das Gespräch führte Mark Minnes.

In einer Ihrer Publikationen erzählen Sie von einem Missverständnis. Sie seien ein Komponist, glaubte ein Anrufer. Was macht aber ein Romanist?

Ein Romanist beschäftigt sich mit unterschiedlichen Sprachen, Literaturen und Kulturen in verschiedenen Teilen der Welt. Romanistik ist ein weltweites Fach. Und als weltweites Fach gibt es darin natürlich auch ein kompositorisches Element. Dies insoweit, als die Romanistik versucht, Sprachen, Literaturen und Kulturen in ihrem Zusammenwirken darzustellen. Dabei geht es auch darum, wie sie Muster bilden und wie sie Fragen der Globalisierung, der transkulturellen Beziehungen und des Zusammenlebens darstellen. Fragen, die uns aus der Geschichte her aufgegeben sind, die aber auch in der Gegenwart wirksam bleiben. Das sind jedenfalls Fragen, die für mich ganz wichtig sind. Es ist das spannendste Fach innerhalb der Philologien, weil es weltweit um unterschiedlichste Sprachen und Literaturen geht. 

Und was macht das Institut für Romanistik an der Uni Potsdam?

Das Profil des Instituts lebt davon, dass wir diese übergreifende Sicht ernst nehmen. Wir versuchen im literarischen Bereich jenseits der Nationalliteraturen zu forschen: Wir wollen wissen, wie die Bezüge zwischen den romanischen Ländern sind. Hier ist also die Komposition auch enthalten. Man komponiert sozusagen diese Dinge bewusst als Konstruktion zwischen den unterschiedlichen Literaturen.

Können Sie die Tradition und die Logik des Faches kurz umreißen? An welchem Punkt steht das Fach heute?

Romanistik ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, im Grunde eine deutsche Erfindung. Das Fach beschäftigte sich zunächst mit der Edition von Texten. Dann hatte es seinen Schwerpunkt in den europäischen Nationalliteraturen, aber zunächst einmal gegenwartsfern: im Französischen, Spanischen, Italienischen, aber natürlich auch im Provenzalischen und vielen anderen romanischen Sprachbereichen. Insoweit kommt die Romanistik aus einer Fachtradition, die – im klassischen Sinne von Philologie – spezifisch philologisch ist. Und erst in den 1920er Jahren hat man sich sehr nah an die Gegenwart herangetastet. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sich auf außereuropäische Fragestellungen eingelassen. Heute hat die Romanistik nicht nur einen Verband, sondern sieben oder acht Verbände, je nachdem, ob man die Karibikforschung dazuzählt oder nicht. Also ein Fach, das auch hochgradig intern zersplittert ist. Natürlich gibt es in einem solchen Fach auch unterschiedliche Ansichten, Positionen und Methodologien hinsichtlich der Frage, was den Kern des Fachs ausmacht. Aber ich glaube schon, dass man sagen kann, dass heute die über den längsten Teil der Fachgeschichte dominante Orientierung an den europäischen Literaturen und Kulturen – Spanien wäre hier eine Ausnahme – aufgegeben wird. Heute sucht die Romanistik eher die Verbindung zwischen europäischen und außereuropäischen Literaturen. Die außereuropäische Romania zählt weltweit zu den kreativsten Regionen der Welt, im literarischen, kulturellen und kulturtheoretischen Sinne. Das ist die Stärke des Fachs. Dabei sollten europäische und außereuropäische Literaturen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern zusammen gesehen werden: romanische Literaturen der Welt. Das ist der zentrale Begriff, auf den es mir ankommt. Romanistik nicht als Entweder-Oder, sondern als etwas, das sich ständig weiterentwickelt, als dynamisches Konstrukt.

„Romanische Literaturen der Welt“ ist auch einer der neuen Master-Studiengänge hier am Potsdamer Institut für Romanistik. Was ist für Sie das Besondere an der Potsdamer Romanistik?

Zum einen haben wir den eben beschriebenen Schwerpunkt. Das heißt, wir bauen außereuropäische Kulturen und Sprachentwicklungen mit ein. Der zweite Punkt ist, dass wir trotz der Vielgestaltigkeit des Faches am Institut einen Konsens über Zusammenarbeit haben. Das ist ein Erfolgsmodell. Zum Beispiel haben für die Einführungsveranstaltung in die Kulturwissenschaften alle Kolleginnen und Kollegen dargestellt, was aus ihrer Sicht Erinnerungsorte sind. Wir versuchen also wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir haben mehr Tagungen als andere Institute für Romanistik. Gerade bei den Doktoranden haben wir einen hohen Anteil an ausländischen Studierenden. Die Leute, die hier studieren, merken, dass Auswärtige nach Potsdam kommen. Das steigert die Attraktivität des Studiums.

Ein Aufbauprozess, also. Sie sind seit 1995 in Potsdam. Wie haben sie die Entwicklung des Instituts erlebt?

Ich habe den spanischsprachigen Bereich des Instituts mit aufgebaut. Wir hatten damals 17 Studierende. Heute haben wir über 800 Hispanisten, also eine völlig andere Situation. Das hat gut geklappt! Es war ein langfristiger Prozess, und ich habe ihn immer so gesehen. Ich habe in zwölf Jahren nie daran gedacht, wegzugehen. Es geht mir auch um die Chance, das Zusammenwachsen von Ost und West und den Berlin-Brandenburger Raum zu nutzen. Diese Vernetzung ist ein Markenzeichen für Potsdam geworden. Zum Beispiel der „Forschungsverbund Lateinamerika in Berlin-Brandenburg“ (ForLaBB) und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen im Berliner Raum, zum Beispiel mit der Akademie der Wissenschaften, sind ein Erfolgsmodell geworden.

Der Aufbau des Instituts hat die Menschen zusammengeschweißt?

Ja. Wir haben einen sehr aktiven wissenschaftlichen Mittelbau, der viel zum Profil beiträgt und der in der Lehre sehr engagiert ist. In der Forschung sowieso. Und wir haben, das möchte ich betonen, immer sehr gute Studierende. So lange ich zurückdenken kann. Auch sie tragen ganz wesentlich zum Erfolg des Instituts bei. Das gilt besonders für ausländische Studierende. Zusätzlich zu den herausragenden Leuten können wir so eine wesentlich internationale Dimension einbauen, zum Beispiel im Austausch mit Costa Rica. Davon leben wir. Und davon werden wir verstärkt in Zukunft leben.

Das CHE-Ranking hat die gute Studiensituation in Potsdam betont. Romanistik kann man mit „savoir vivre“ verbinden. Hat die Romanistik eine besondere Atmosphäre? Ist sie sogar ein Lebensstil?

Das war die Romanistik für mich immer, schon vom Studium an. Das Studium ist mit einer bestimmten Haltung gegenüber der Welt und einer bestimmten Weltsicht verbunden. Ganz klar. Das sollte sich auch in der Art zu kommunizieren ausdrücken, in der Art, wie man Stellung bezieht. Die Kulturvermittlung ist nicht nur ein leeres Behältnis, sondern tatsächlich die gelebte Dimension von Wissenschaft. Und diese gelebte Wissenschaft ist aus meiner Sicht immer zentral. Das muss rüberkommen, das kann man transportieren. Dafür kann man einstehen. Für viele andere Dinge an der Universität kann man heute leider nicht einstehen, zum Beispiel für die strukturelle Unterversorgung, für die zu geringe Ausstattung, auch bisweilen die Missachtung von Fächern. Dafür kann man nicht einstehen. Man kann bestenfalls dagegen vorgehen, wenn auch mit begrenztem Erfolg. Wofür man aber einstehen kann, ist das persönliche, gelebte Engagement für eine bestimmte kulturelle Sicht, die im Alltag oft fehlt.

Romanistik braucht also Überzeugung, aber das Fach schafft auch Überzeugungen?

Ja. Wir brauchen das. Und es gab immer in der Entwicklung des Instituts von einem kleinen Institut zu einem mittelgroßen bis großen, Leute, bei denen man in den Seminaren den Eindruck hatte, dass der Funken überspringt. Und das ist der entscheidende Punkt.

Das Institut hat gerade neue Master-Studiengänge eingeführt, darunter „Angewandte romanische Literaturwissenschaft“ und „Romanische Literaturen der Welt“. Was lernt man in der romanischen Literaturwissenschaft?

Literatur ist aus meiner Sicht ein interaktiver Speicher von Lebenswissen. Das heißt, man lernt eine ganze Menge über Lebensformen und Lebenswissen in diesen Literaturen und Kulturen. Um es auf den Punkt zu bringen: Neben dem literaturwissenschaftlichen Handwerkszeug lernt man auch viel über Formen des Zusammenlebens und der Verbindung unterschiedlicher Lebensprozesse in einer globalisierten Gesellschaft. Ich bekomme also, wenn ich romanische Literaturen der Welt studiere, einen Überblick über unterschiedlichste Kulturen und kulturelle Ausdrucksformen. Das gibt es in keinem anderen Fach in einer solchen Breite. Natürlich bekommt man auch das Rüstzeug, das man braucht. Simpel gesagt, dass man literaturwissenschaftlich das Lesen lernt, ein fundiertes Lesen lernt und die Fähigkeit erwirbt, Texte und Kontexte zu verstehen. Jenseits dieser Dinge bekommt man aus der Romanistik etwas mit, das man in keinem anderen Fach auch nur andeutungsweise – ich bin mal so frech – vermittelt bekommt. Die anderen Philologien können nicht diese Breite an Sprachen und Kontinenten anbieten. Zudem gibt es unter den romanischen Literaturen und Kulturen, sei es frankophone libanesische Literatur, oder frankophone kanadische Literatur, oder frankophone afrikanische Literaturen, hispanophone karibische Literaturen, einen sehr hohen Grad des wechselseitigen Austauschs. Es gibt Bereiche, wie die Karibik, die seit Beginn der Globalisierung – also seit Beginn des 15. Jahrhunderts – „global players“ sind. Und das macht sich in vielen sehr komplexen kulturellen Entwicklungen bemerkbar. Das heißt, man lernt etwas über Literatur, über Gesellschaften und über das Leben in einer globalisierten Gesellschaft.


Wie erklären Sie sich denn den Widerspruch zwischen dem großen Interesse der Studierenden an der Literatur einerseits, und der heute weit verbreiteten Wahrnehmung der Literatur als eine vermeintliche „Randerscheinung“, andererseits?

Bei Vorträgen in den USA, die sich speziell mit literarischen Phänomenen beschäftigt haben, ist es mir nun schon mehrfach passiert, dass dann eher von Fachkollegen – weniger aus dem allgemeinen Publikum – gesagt wurde, „but it’s a lost battle!“. Also, „Literatur ist eine völlige Randerscheinung!“. Das sei nur etwas für kleine Minderheiten und spiele in den allgemeinen Medien und in der Wissenszirkulation der Gesellschaften keine große Rolle mehr. Dieser Meinung bin ich nicht. Erstens ist das keine Schlacht. Zweitens ist sie nicht verloren. Und drittens hat Literatur in den unterschiedlichsten Zeiten – auch in wesentlich bedrohlicheren Zeiten als heute – es verstanden, über die Jahrhunderte eine Entwicklung zu nehmen, in der immer eine Gesellschaft sich in der vielleicht am stärksten konzentrierten und vieldeutigsten Form in Literatur konkretisiert. Natürlich passiert das auch in anderen Künsten, aber die Literatur ist nun einmal eine Wortkunst. Die diskursive Konstituierung des Menschen und seines Lebens ist ein ganz entscheidender Punkt. Und wenn es einen Bereich gibt, der wirklich zentral für diese Entwicklung steht, dann ist es die Literatur. Selbst wenn im Verlauf der letzten 25 Jahre – fachlich in der Entwicklung von der Rezeptionsästhetik zu „Cultural Studies“ – ein kritischer Reflexionsprozess eingesetzt hat, der auch wichtig ist, sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Man sollte nicht denken, dass man jetzt Literatur ad acta legen könne. Das ist in den letzten 15 Jahren in den USA passiert. Man muss aber die Entwicklung von Literatur und von schriftlichen Ausdrucksformen des Menschen in einer sehr langfristigen Perspektive sehen. Dann kann man verstehen, dass es in manchen fachlichen Entwicklungen eine nur kurzfristige Schieflage gibt. Dennoch muss man begreifen, warum manche Leute glauben, dass der Kampf für Literatur ein verlorener Kampf ist. Man muss das verstehen, um nachvollziehen zu können, was die neuen Chancen der Literatur sind. Dann kann man verstehen, dass Literatur in der Verbindung mit anderen Formen des Wissens, insbesondere auch Formen des Zusammenlebens zwischen unterschiedlichen Kulturen, keine vergleichbare Form an die Seite gestellt werden kann. Weder im wissenschaftlichen, noch im künstlerischen Bereich. Diese spezifische Fähigkeit der Literatur erklärt auch, warum sich so viele junge Leute für ein Philologiestudium entscheiden. Es gibt ein spezifisches Bedürfnis danach, zu verstehen, wie Lebensprozesse ablaufen. In diesem Bereich sind von den Naturwissenschaften keine entscheidenden Antworten zu erwarten. Mit naturwissenschaftlichen Mitteln kann man nicht eine einzige Biographie eines Menschen auch nur andeutungsweise erreichen oder darstellen.    

Und was bedeutet es für Sie ganz persönlich, in Potsdam und an diesem Ort Romanistik zu lehren?

Diese Frage ist gerade jetzt für mich wieder sehr wichtig. Ich hatte schon in den 80er Jahren einen sehr direkten Draht zu der geisteswissenschaftlichen Forschung in der DDR. Insoweit war es folgerichtig, hierher zu kommen. Ich halte meine Vorlesungen in einem Raum in Golm, in dem früher Kriegsgerät stand. Das empfinde ich, jedes Mal, wenn ich in diesen Raum gehe, aufs Neue. An diesem Ort ist etwas sehr Positives passiert. Diesem Ort wurde eine neue Funktion gegeben, und diese Funktion hat ganz wesentlich mit der Vermittlung anderer Kulturen zu tun. Das ist ein Glücksfall und für mich persönlich ein wiederkehrendes Glücksmoment.

Eine letzte Frage drängt sich auf. In ihrem Büro stehen viele Krokodil-Figuren. Was bedeutet das?

Dieses Spielzeug-Krokodil nutze ich in den Sprechstunden. Es erleichtert die Kommunikation, besonders bei Studentinnen mit Kind. Und Krokodile sind sehr kluge Tiere. Sie bewegen sich zwischen Wasser und Land. Sie halten sich in einem Übergangsbereich auf. Auch Kuba, die Insel der Inseln, hat übrigens die Form eines Krokodils. Natürlich können Krokodile auch schnell zuschnappen!

Sie plädieren also für eine Romanistik mit Biss?

Ja. Eindeutig!

Herr Ette, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Überlebenswissen. Ein Interview mit Ottmar Ette

erschienen in der blaue Reiter - Journal für Philosophie, Ausgabe 1/2006.

Alexander von Humboldt ist eigentlich ein großer Übersetzer. Seine Übersetzungsleistung beruht auf der – wie er es selbst formuliert – Verbindung eines literarischen und eines rein wissenschaftlichen Zwecks. Das heißt, der Begriff des Wissens übersteigt den Bereich der reinen Wissenschaft. Er schließt künstlerische, erzählerische, poetische, ja auch körperleibliche Wissens-, Ausdrucks- und Speicherformen mit ein. Wissen ist Lebenswissen – ein Wissen über Leben und ein Wissen im Leben. Gerade diese Übersetzungsleistung spielt eine entscheidende Rolle, zumal sie darauf gerichtet ist, das Wissen, das Humboldt zunächst durchaus lustvoll für sich erarbeitet, in die Gesellschaft zu bringen. Keine Verwissenschaftlichung der Gesellschaft, wohl aber eine Vergesellschaftung des Wissens ist sein Ziel.“ Mehr...

Essay

Willkommen im Aufbruch

erschienen im Jahrbuch 2004/2005 des Wissenschaftskollegs zu Berlin.

Als ich ankam, stand ich vor einer Alternative: Wenige Monate zuvor war mein Band ÜberLebenswissen erschienen, und ich wusste noch nicht, an welcher der beiden möglichen Fortsetzungen ich arbeiten wollte. Wo beginnen? Zum einen wollte ich den Schnittstellen zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften nachgehen – und gibt es einen Ort, dachte ich zu Beginn, der dafür besser geeignet wäre als das Wissenschaftskolleg? Zum anderen interessierte ich mich zunehmend für das, was ich die Literaturen ohne festen Wohnsitz nenne. Nach wenigen Wochen am Kolleg stand die Entscheidung fest: Weit verlockender als eine aleatorische Konstellation verschiedenster Disziplinen, auf die ich mich jederzeit im Gespräch, in der Konversation bei Aperitif oder Espresso einlassen konnte, war für mich die Aussicht, aus einer Zwischenwelt, die irgendwo ante portas zwischen Berlin und Potsdam liegt, über ein Schreiben ohne festen Wohnsitz zu schreiben. Eine Proust’sche Alternative, gewiss: die zwischen conversation und écriture. Also? Die klare Entscheidung besaß auch hier etwas Befreiendes. Aber wer weiß schon von Beginn an, ob er sich für A la recherche du temps perdu oder für Du temps perdu à la recherche entschieden hat?“ Mehr...