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Eine andere Platte auflegen - Zwei Germanisten hören Schlager mit wissenschaftlichem Ohr

Die „Schlagerforscher“ Mirco Limpinsel (links) und Vinzenz Hoppe: Foto: Karla Fritze.

Die „Schlagerforscher“ Mirco Limpinsel (links) und Vinzenz Hoppe: Foto: Karla Fritze.

Die hohe Kultur ist nicht alles: Fragt man Vinzenz Hoppe und Mirco Limpinsel, steht diese Idee im Zentrum von einer ganzen Reihe von Schlagern. So erzählt Udo Jürgens’ Evergreen „Griechischer Wein“ von Gastarbeitern, die in einem Wirtshaus die Sehnsucht nach der Heimat besingen – bei Speis und Trank, ganz ohne elitäre Attitüden. Ein Bild, das für den Schlager insgesamt stehen könnte: Muss sich dieser doch seit jeher gegen die sogenannte Hochkultur behaupten. Die beiden Germanisten haben sich auf die Suche nach dem Geheimnis des Schlagers begeben.

Wie Schlagertexte entstehen, haben sich Hoppe und Limpinsel von einem erzählen lassen, der es wissen muss. Im April 2016 luden die beiden Germanisten den Liedtexter Tobias Reitz in ihr Seminar „Topik des deutschen Schlagers“ ein. Reitz, der sich selbst „Deutschlands jüngster Schlagertexter“ nennt, hat rund 600 Texte geschrieben: für deutsche Schlagerstars wie Patrick Lindner, Die Flippers, Mireille Mathieu, Stefanie Hertel oder Hansi Hinterseer. Für seine Zusammenarbeit mit Helene Fischer heimste er Gold- und Platin-Auszeichnungen ein. Ursprünglich ist er studierter Germanist und Medienwissenschaftler. „Wir waren sehr froh, den berühmtesten Schlagerdichter Deutschlands nach Potsdam holen zu können“, sagt Hoppe. Anderthalb Stunden berichtete Reitz den Studierenden und auch einer eigens angereisten Berliner Schulklasse aus dem Alltag eines Schlagertexters. Deutlich wurde dabei: Was den Schlager auszeichnet, ist seine feste Verankerung im Mainstream. Er ist keinesfalls Ausdrucksmittel einer Subkultur, er eignet sich wenig zur Rebellion und er will keine potenziellen Hörer ausschließen. „In der Forschung gibt es dafür die Formel: Akzeptanzgewinnung durch Distanzvermeidung“, erläutert Hoppe. Der Schlager wolle das Publikum erreichen, mit Emotion, mit eingängigen Melodien und bekannten Themen. Schließlich leite sich der Begriff vom „Kassenschlager“ her, wodurch er ziemlich profan definiert sei: Was sich gut verkauft, ist ein – guter – Schlager.

Die Forscher suchen nach wiederkehrenden Aussagen in den Liedtexten

In der Folge haben sich die beiden Germanisten dem Wesen des Schlagers wissenschaftlich genähert, denn sie sind sicher: „Es gibt eine topische Struktur, die den deutschen Schlager durchzieht.“ Beweisen muss das die „Anschauung am lebenden Objekt“. „Wir sind noch mitten in der Sondierung“, sagen Hoppe und Limpinsel. Bisher arbeiten sie mit einem Kanon von rund 160 Liedern. Einen Teil davon haben sie mit den Studierenden ihres Seminars nach typischen Topoi, also wiederkehrenden Aussagen in den Liedtexten, durchforstet. Für Hoppe und Limpinsel lassen sich diese – mehr oder weniger explizit – in der erzählten Handlung eines Songs ausmachen. „Der Topos muss nicht explizit genannt sein, mitunter ist er im Hintergrund als Aussage präsent“, so Limpinsel. „Liebe und Leid gehen vorüber“, „Frauen wissen, was sie wollen“ oder „Von Mal zu Mal wird es intimer“ seien typische Muster im Schlager. Heinos „Blau blüht der Enzian“ beispielsweise kreist um die sukzessive Annäherung eines Liebespaares: 
„In der ersten Hütte, da haben wir zusammen gesessen. In der zweiten Hütte, da haben wir zusammen gegessen. In der dritten Hütte hab’ ich sie geküsst. Keiner weiß, was dann geschehen ist.“
Ziel von Limpinsel und Hoppe ist es, die gängigsten Schlager-Topoi in einem Katalog zusammenzutragen und auf einer Webseite zu veröffentlichen: Dort sollen alle Topoi beschrieben und kontextualisiert sowie mit passenden Schlagersongs und -texten verlinkt werden. Daneben entsteht eine erste Publikation zum Thema, denn literaturwissenschaftliche Forschung zum Schlager findet man bislang kaum.

Schlagermusik zeichnet sich nicht durch Originalität aus

Der Kassenschlager-These zum Trotz ist es mitunter schwierig, klar zu definieren, ob ein Song auch ein Schlager ist. So kam im Seminar die Frage auf, ob etwa Reinhard Meys Lied „Über den Wolken“ einer sei. Eher nein, sagen die beiden Germanisten. Zwar rufe Mey den Topos „In der Ferne liegt das Glück“ auf, doch er hinterfrage ihn zugleich – denn die ewige Reise macht das dauerhafte Glück in der Ferne unmöglich. „Mey kann eher als Liedermacher bezeichnet werden, der mit seinen Texten zum Nachdenken anregt“, so Hoppe. Und das ist eine andere Funktion als die des Schlagers – der nämlich will primär gefallen. Außerdem nimmt er nur Themen auf, wenn sie bereits zum Mainstream geworden sind. Dem aktuellen Zeitgeist widmet sich der Schlager genauso wenig wie der Tagespolitik. „Schlagermusik zeichnet sich nicht durch Originalität aus“, erklärt Limpinsel. Sie sei nicht durch den Geniegedanken bestimmt. Heino beispielsweise ist gelernter Bäcker, ausgestattet mit einer schönen Stimme. Das Dichten überlässt er anderen. Der Schlagersänger ist Interpret, der Textdichter arbeitet autonom – „mit dem Musenbild auf dem Schreibtisch“, so Hoppe. Für die beiden Wissenschaftler gehört das Hören der Evergreens inzwischen zum Forschungsalltag. Dabei erleichtern ihnen Internet-Musikdienste die Arbeit, die früher ganz anders ausgesehen hätte: „Ohne Anbieter wie Spotify müssten wir gigantische Archive an Schallplatten durchforsten“, erklärt Hoppe. Zudem wäre das Team dann an bestimmte Medien gebunden, die wie die „Hitparade“ bereits eine Auswahl an Liedern getroffen haben. „Online sind dagegen auch abwegige Schlager zugänglich.“

Die herkömmlichen Methoden der Literaturwissenschaft funktionieren für den Schlager nicht

Abseits ihrer wissenschaftlichen Begeisterung für das Thema sind die beiden Germanisten keine Schlagerfans. „Uns interessiert er als kulturelles Phänomen des 20. Jahrhunderts“, sagt Hoppe. Der Forscher beschäftigt sich seit Längerem mit den Werken der Gebrüder Grimm. In den von ihnen aufgezeichneten Volksliedern untersuchten die Grimms sogenannte Mytheme: mythische Versatzstücke, die über Jahrhunderte hinweg vom Volk überliefert wurden. In dem Schlagerprojekt wird dieser Ansatz ein Stück weit aufgegriffen, erläutert Hoppe. Limpinsel promovierte über Angemessenheit und Unangemessenheit als Maßstab der Hermeneutik. Dabei erarbeitete er den Topos als Analyseinstrument. „Das Schlagerprojekt soll die Topikmethode erproben. Wir wollen herausfinden, ob sie auch auf andere Felder übertragbar ist“, so Limpinsel. Dass sie den Schlager mithilfe dieses Instruments untersuchen, liegt auch daran, dass die Literaturwissenschaft die Popkultur lange Zeit hartnäckig ignoriert hat. Während die Kulturwissenschaftler in den letzten Jahren den Schlager entdeckt und beispielsweise den Heimatbegriff oder die  Geschlechterverhältnisse darin untersucht haben, fehlte bisher eine germanistische Perspektive auf das Thema. „Die herkömmlichen Methoden der Literaturwissenschaft funktionieren für den Schlager nicht“, so Limpinsel. Denn er habe nicht den Anspruch, autonomes Kunstwerk zu sein. Die  Metaphern oder das Versmaß zu untersuchen, wie bei einem Gedicht der Weimarer Klassik, macht für den Schlager wenig Sinn – zu einfach, zu gleichförmig sind diese nach den bestehenden wissenschaftlichen Kriterien.

Der Schlager genießt weder in der Forschung noch in der Öffentlichkeit hohes Ansehen

Parallelen sehen die beiden Forscher in der Trivialliteratur, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand. Plötzlich gab es eine Flut von Texten, die nicht mehr den Maßstäben der Hochkultur entsprach, erklärt Limpinsel. Erforscht sind diese Schriften jedoch meist aus soziologischer Perspektive – wenn es um Genderfragen oder das damalige Leseverhalten geht –, kaum literaturwissenschaftlich. Doch nicht nur in der Forschung, auch in der Öffentlichkeit genießt der Schlager nicht gerade ein hohes Ansehen. „Adorno, einer der bedeutendsten Intellektuellen der Nachkriegszeit, hat das Verhältnis zum Schlager nachhaltig geprägt“, stellt Hoppe fest. Die Kritische Theorie wandte sich gegen den Schlager wie den Jazz und sah darin den kapitalistischen Geist, der das Volk „verdummt“. Noch heute blicken viele abfällig auf die aufwendigen medialen Inszenierungen der Schlagerinterpreten im Fernsehen – wie die „Fanwanderung“ von Florian Silbereisen durch alpine Gebirge. Gleichzeitig gibt es mehr und mehr jüngere Schlagerfans.

Die beiden Germanisten sehen darin auch einen Generationswechsel. „Während unsere Elterngeneration sich als Ausdruck ihrer Rebellion dem Rock verschrieben hat, schockieren die Jungen heute ihre Eltern mit Helene Fischer.“

Die Wissenschaftler

Vinzenz Hoppe studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Potsdam. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik und Koordinator des Frühneuzeitzentrums.
Universität Potsdam
Institut für Germanistik
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
E-Mail: vinzenz.hoppe@uni-potsdam.nomorespam.de

Mirco Limpinsel studierte Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften an der Universität Gießen und an der Freien Universität Berlin. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart.
Universität Stuttgart
IGMA – Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen
Keplerstr. 11
70174 Stuttgart
E-Mail: mirco.limpinsel@igma.uni-stuttgart.nomorespam.de

Das Projekt

Seit 2016 erforschen Hoppe und Limpinsel die „Topik des deutschen Schlagers“. Die Germanisten sortieren deutschsprachige Schlagertexte nach verschiedenen Topoi. Nach einem Seminar zum Thema soll nun eine Monografie erscheinen. Zudem entsteht eine Webseite mit einem Topos-Katalog.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Daniela Großmann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de 

Diesen und weitere Beiträge zur Forschung an der Universität Potsdam finden Sie im Forschungsmagazin „Portal Wissen“.