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Die Sprache der Bilder - Potsdamer Forscher untersuchen Klimabilder im Internet

Das Forschungsteam. Foto: Karla Fritze.

2013 gilt als Rekordjahr in Australien: Die Durchschnittstemperatur war so hoch wie niemals zuvor. Um sie überhaupt darstellen zu können, führten die Meteorologen eine neue Farbe ein. Temperaturen über 50 Grad Celsius werden auf entsprechenden Visualisierungen seither in Magenta angezeigt. Mit der Geschichte und Vielfalt von solchen und vielen anderen Klimabildern im Internet beschäftigt sich ein neues Forschungsprojekt und wendet dabei sowohl digitale als auch kunsthistorische Methoden an. Wer erzeugt Klimabilder im Web? Wer nutzt sie und wofür? Welche Bilder verbreiten sich und wie? Diesen Fragen gehen Forscher der Universität Potsdam, der Fachhochschule Potsdam und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) nach. 

Ein Eisbär auf einer einsamen Eisscholle, überschwemmte Städte, vertrocknete Flussbetten oder auch umgestürzte Windräder – Bilder sollen uns Botschaften über das Klima vermitteln. Sie bedienen sich dafür einer ganz bestimmten Bildsprache. Das Potsdamer Forscherteam untersucht die Rhetorik von Klimabildern und fragt, welche Interessengruppen sich welcher Strategien bedienen. „Wir arbeiten mit einer Bilderkennungssoftware, die wie eine Suchmaschine funktioniert“, sagt Sebastian Meier vom Interaction Design Lab an der FH Potsdam. „Sie schweift automatisiert durchs Internet und sammelt Informationen über Bilder und deren Kontexte.“ Wie viele Illustrationen setzt zum Beispiel eine Umweltorganisation wie Greenpeace auf ihrer Webseite ein? Verwenden die Akteure Klimakarten und Diagramme oder doch eher Fotos und Comics? Welche Farben, Formen und Inhalte sind zu sehen? Aus welchem Jahr stammen die Bilder? „Wir suchen das gemeinsame Dritte der Klimabilder im Internet“, fasst Prof. Dr. Birgit Schneider von der Uni Potsdam zusammen.
Zur Bildsprache gehört auch die bereits erwähnte Auswahl von Farbskalen. Ist die Erderwärmung in grellem Rot dargestellt, wirkt sie womöglich sehr bedrohlich. Weniger dramatisch sähe sie vielleicht in kühlen Blautönen aus. „Es gibt keine visuelle Aussage ohne Überzeugungswunsch“, erklärt die Medienökologin. Schwierig werde es aber, wenn Visualisierungen wissenschaftliche Erkenntnisse verfälschen und das Publikum manipulieren. Und das können Laien nicht unbedingt erkennen. „Wissenschaftliche Bilder über den Klimawandel sind häufig sehr komplex“, sagt Dr. Thomas Nocke vom PIK. Der Weltklimarat, nationale Umweltämter oder Forschungseinrichtungen erstellen zum Beispiel solche vielschichtigen Visualisierungen. Wenn Politiker, Journalisten oder Blogger sie jedoch abwandeln und vereinfachen, bleibt die wissenschaftliche Korrektheit manchmal auf der Strecke. Klimawandel- Leugner setzen dabei andere Mittel ein als Kimawandel-Aktivisten. „Eine typische Strategie der Leugner ist eine Art Rosinenpickerei“, so die Forscher. Skeptiker suchen eher nach Ausschnitten, um die Erderwärmung in Zweifel zu ziehen. „Mitunter werden bestimmte Datensätze einfach ausgeklammert oder nur bestimmte Regionen oder Zeitspannen ausgewählt, um ein Argument zu stützen“, so Nocke. Oft werden auch längst überholte wissenschaftliche Thesen herangezogen, um den Klimawandel als Lüge darzustellen. 

Mit Klimabildern wird über das Vertrauen in die Wissenschaft verhandelt.

Ungewissheit – in der Fachsprache uncertainty – ist für das Klimabild eine Herausforderung. Gerade für die Glaubwürdigkeit der dargestellten Information stelle sie ein Risiko dar, denn für Laien seien Spielräume bei Zukunftsprognosen schwer nachvollziehbar. „Wahrscheinlichkeiten machen Leugnern das Handwerk leichter“, so Nocke. „Zum Ethos der Wissenschaft gehört es aber, objektiv zu sein“, sagt Birgit Schneider. „Doch wenn Wissenschaftler offen zeigen, was sie nicht sicher wissen, legen Klimawandel-Skeptiker ihnen das als Schwäche aus.“ Für Birgit Schneider zeigen Klimabilder deswegen auch das Vertrauen einer Gesellschaft in die Wissenschaft.
Die Forscherin beschäftigt sich seit Langem mit Klimabildern. Seit rund acht Jahren sammelt sie entsprechende Darstellungen aus Wissenschaft, Kunst, Unterhaltung und Werbung in einer Datenbank, in der diese nach Schlagworten sortiert sind – Zukünfte, Kurven, Anomalien, Apokalypse, brennende Welt oder Skeptiker. Insgesamt sind es 3.000 Bilder. „Als Kunsthistorikerin und Medienökologin entstand für mich die Frage, ob die Bilder auch mit digitalen Methoden sinnvoll zu erschließen sind.“ Ein wichtiger Vorteil: Mit quantitativen Techniken können die Wissenschaftler in kürzester Zeit Millionen von Bildern untersuchen, während Kunsthistoriker für die qualitative Analyse von nur einer Handvoll Bilder erheblich länger brauchen.
Den Forschern geht es aber ausdrücklich auch darum, digitale Methoden kritisch zu hinterfragen. „Mithilfe der Geisteswissenschaften wollen wir die Tauglichkeit von Algorithmen prüfen, mit denen Informatiker jeden Tag arbeiten“, erklärt Sebastian Meier. Denn so objektiv digitale Verfahren auch wirken mögen, ihren Ergebnissen ist nicht ohne Prüfung zu trauen. Fehlerhafte, unzureichende Daten oder falsch gesetzte Suchparameter können Ergebnisse verfälschen. Ist der Trainingsdatensatz ungünstig gewählt, mit dem eine Software „lernt“, kann das zu einseitigen Ergebnissen führen. Dies zeigten Bilderkennungsalgorithmen von Google und flickr, die Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht richtig erkannten – der Grund: Der Trainingsdatensatz orientierte sich zu stark an Menschen mit heller Haut. Wie können digitale Verfahren folglich mehr sein als nur unterstützende Werkzeuge? Auch dieser Frage will das Team in den kommenden Jahren nachgehen.

 

Die Forscher analysieren die Kommunikation über den Klimawandel

„Unser Alltag ist bereits von Informatik durchdrungen“, stellt Thomas Nocke fest. Algorithmen bestimmen heute über entscheidende Fragen: Das Training führerloser Autos kommt ohne sie nicht aus, Ermittlungsbehörden klären mit Bildanalyseverfahren Verbrechen auf, Partnerbörsen im Web bringen Paare mithilfe von Algorithmen zusammen. Die ethischen Konsequenzen sind weitreichend. „Wir glauben, dass die Informatik von geisteswissenschaftlichen Perspektiven profitieren kann.“ Insofern seien Klimabilder ein gutes Beispiel, um den gemeinsamen Einsatz geisteswissenschaftlicher und digitaler Methoden ganz allgemein zu erproben. Und in Zeiten von Digital Humanities und Big Data spielen solche kritischen Sichtweisen eine immer wichtigere Rolle.
Der Klimawandel ist ein globales Problem. Die Kommunikation darüber steht deshalb für die Potsdamer Forscher auch im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Klimabilder müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für die Allgemeinheit übersetzen können, und das möglichst verständlich und neutral. Am Ende des Projekts sollen daher neben Publikationen, Workshops und Tagungen auch online zugängliche, interaktive Explorationstools stehen. „Wir wollen keine Excel-Tabelle mit allen Merkmalen von Klimabildern“, sagt Sebastian Meier. Die Tools sollen anschaulich sein und neue Zusammenhänge erkennen lassen. Nicht zuletzt hoffen die Forscher, damit die Kommunikation über den Klimawandel zu verbessern. „Im besten Fall können wir nach Abschluss des Forschungsprojekts Politik, Wissenschaft und Kultur neue Ideen an die Hand geben, um das globale Problem des Klimawandels besser begreiflich zu machen“, so Birgit Schneider.

Die Forscher

Prof. Dr. Birgit Schneider studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie. Seit 2015 hat sie die Professur für Medienökologie an der Universität Potsdam inne.

Universität Potsdam
Institut für Künste und Medien 
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
birgit.schneider@uni-potsdam.nomorespam.de

Dr. Thomas Nocke studierte Computerwissenschaften und Computergrafik. Nocke arbeitet beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Telegrafenberg A56
14473 Potsdam
nocke@pik-potsdam.nomorespam.de

Sebastian Meier studierte Kommunikationsdesign und Interface Design. Seit 2012 ist er Mitglied des Interaction Design Lab.

Fachhochschule Potsdam
Kiepenheuerallee 5
14469 Potsdam
meier@fh-potsdam.nomorespam.de

Von April 2017 bis März 2020 fördert die Volkswagen Stiftung das Kooperationsprojekt „New potentials for analyzing network images – Similarity as a criterion for comparing images in image studies, computer and visualization science using the example of climate images on the web“. Zwei Doktorarbeiten zum Thema sollen entstehen, geplant sind außerdem ein Kolloquium, Workshops, Publikationen und eine Webseite.

http://www.uni-potsdam.de/medienoekologie/index/digitale-analyse-vernetzterklima-bilder.html 

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

Diesen und weitere Beiträge zur Forschung an der Universität Potsdam finden Sie im Forschungsmagazin „Portal Wissen“.