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Twitterature

Bei dem Begriff Twitterature handelt es sich um einen Neologismus, dem die sprachliche Kontraktion der Wörter „Twitter“ und „Literatur“ zugrunde liegt und der erstmals 2009 in dem von Alexander Aciman und Emmett Rensin veröffentlichten Buch Twitterature: The World’s Greatest Books in Twenty Tweets or Less auftauchte. Darin unternehmen die US-amerikanischen Studenten den Versuch, auf experimentelle Weise die Lektüre literarischer Werke an die digitalisierterezente Gesellschaft anzupassen. Die Idee entstand aus der Überzeugung der Autoren, dass die konventionelle Methode, literarische Werke vollständig und in gedruckter Ausgabe zu lesen, sich als nicht mehr praktikabel erweist. Ein derartiger Lektüreprozess, so die Meinung der beiden Autoren, nehme zu viel Zeit in Anspruchund ließe sich mit der Schnelllebigkeit, als wesentliches Merkmal des technisierten und digitalisierten Zeitalters, immer weniger vereinbaren. Als Gegenvorschlag fassen sie 60 Klassiker der Weltliteratur in kürzester Form zusammen, um dem Leser lediglich die Quintessenz der Werke pointiert und humoristisch zu präsentieren. Dabei ließen sich Aciman und Rensin von der Funktionsweise der Internetplattform Twitter inspirieren und kürzten die einzelnen Werke auf maximal 20 Textserien mit jeweils 140 Zeichen. Das Ergebnis bezeichnen sie als Twitterature.

Als Medium zur Verbreitung von Informationen, Bildern und Nachrichten in Echtzeit entstand Twitter im Jahre 2006 und gehört heute zu den größten sozialen Netzwerken weltweit. Innerhalb dieser Plattform können registrierte Nutzer digitale Kurzmitteilungen, sogenannte Tweets, mit einer Maximallänge von 140 Zeichen verschicken. Die Herausforderung beim Verfassen eines Tweets besteht demnach darin, möglichst viel Information und Inhalt mit nur wenigen Worten auszudrücken. Darüber hinaus hat jeder registrierte Nutzer die Möglichkeit, andere Nutzer, deren Mitteilungen persönlich als interessant eingestuft werden, zu abonnieren und somit zu dessen Follower zu werden. So kann der sich aus den Tweets der abonnierten Nutzer zusammensetzende Nachrichtenfluss, den Mitglieder auf ihrem Twitter-Stream erhalten, individuellen Interessen entsprechend selegiert werden. Ebenso ist es möglich, eine abonnierte Nachricht an die eigenen Follower weiterzuleiten, um so explizit auf diesen Tweet aufmerksam zu machen. Solch eine bezugnehmende Wiederholung von Beiträgen anderer Nutzer wird als Retweet bezeichnet.

Wenngleich Acimans und Rensins Intention eher als spielerisch und experimentell erachtet werden kann, so hat sich der von ihnen verwendete Begriff Twitterature dennoch rasant verbreitet, etabliert und dabei eine deutliche Bedeutungserweiterung erfahren. Denn Twitterature bezeichnet nicht mehr nur die einfache Übertragung literarischer Werke in konzentrierter und strukturell begrenzter Form auf die Internetplattform Twitter, sondern wird zunehmend für die Gesamtheit einer literarischen Textproduktion verwendet, die innerhalb dieses sozialen Netzwerkes veröffentlicht wird.

Allgemein handelt es sich bei den auf Twitter veröffentlichten Texten um simple Alltagskommunikation oder Verbreitung mehr oder weniger relevanter Informationen, die keinen literarisch-künstlerischen Effekt für sich in Anspruch nehmen. Demnach ist nicht jeder Tweet automatisch Twitterature, sondern nur dann, wenn dieser sich durch den Versuch auszeichnet, traditionelle Stilmittel literarischer oder lyrischer Texte in nur 140 Zeichen zu entfalten, um so eine neue Form des literarischen Schreibens zu manifestieren.Twitter wird in diesen Fällen nicht mehr als ein soziales Netzwerk genutzt, sondern dient als Plattform experimenteller Schreibweisen und neuer Ausdrucksmöglichkeiten; er wird dabei gleichzeitig als ein Kanal zur Verbreitung neuer literarischer Formen genutzt.

Insgesamt lässt sich die Literaturproduktion auf Twitter in zwei Kategorien klassifizieren: zum einen in Texte, die sich auf einen abgeschlossenen Tweet beschränken und zum anderen in Textsequenzen, die sich auf mehrere Tweets verteilen. Bei der ersten Kategorie, also bei Texten, die den Umfang eines Tweets nicht überschreiten, handelt es sich meist um poetische oder narrative Texte, die Ähnlichkeiten mit den im spanischsprachigen Raum weitverbreiteten Micropoesías und Microrrelatos aufweisen. Wie für diese Gattungen üblich, zeichnen sich auch solche Tweets durch eine hohe semantische Verdichtung und stilistische Mittel wie Ellipse, Ironie und Paradoxon aus.

Bei der zweiten Kategorie literarischer Textproduktion werden mittels Serien von Tweets umfangreichere Sequenzen produziert. In diesen Fällen, die weitaus seltener vorkommen als in sich abgeschlossene Einzel-Tweets,steht der Versuch im Vordergrund, essayistische oder romanhafte Textsorten nachzubilden. Twitterature stellt sich demnach als eine Schreibweise dar, die zwar in ihrer äußeren Form durch die festgelegte Zeichenanzahl beschränkt und geschlossen bleibt. Auf textueller Ebene findet jedoch eine rhetorische und stilistische Öffnung statt, wodurch eine äußerst facettenreiche Textproduktion stattfinden kann.

Der Trend zu immer kürzeren literarischen Formen lässt sich im Internet bereits seit geraumer Zeit beobachten. Dabei scheint es, dass das Aufkommen des Web 2.0 nicht nur die Popularität, sondern auch eine verstärkte literarische Produktion mikrotextueller Formen insbesondere in den letzten fünf Jahren begünstigt und forciert hat. Ein regelrechter Boom von Textsorten wie den o.g. Microrrelatos oder den Micropoesias, die vor allem in Spanien und Lateinamerika eine lange Tradition haben, jedoch erst in den letzten Jahren im spanischsprachigen Netz populär geworden  sind, sind bezeichnend für diese Entwicklung. Sie legt nahe, dass die Digitalisierung von Literatur und des literarischen Schaffungsprozesses zu einem neuen Verständnis von literarischer Ästhetik geführt hat, bei dem Volumen und Fülle als unnötiger Ballast erachtet wird. Die Idee, dass mittels Twitterature auch literarisch wertvolle Werke in nur 140 Zeichen vermittelt werdenkönnen, scheint sich innerhalb der Netzgemeinschaft folglich verbreitet zu haben. Welchen Wert derart reduzierte literarische Textformen haben und wie sie im Sinne einer sozio-kulturellen Erscheinung zu erklären sind, bleibt noch zu untersuchen. Implikationen literaturtheoretischer Konzepte und Ansätze im Zeichen des Poststrukturalismus würden sich dabei sicher als lohnende Quelle erweisen.

Quellen:

Autorin Ariana Neves
Zeitraum Januar 2015