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Ein Gewinn für die Forschungswelt – Natalie Boll-Avetisyan bereitet ihre Studierenden auf sprachinklusives Forschen vor

Die Studentinnen Kunrong Zheng, Amanda Soengadie und Michelle Throssell (v.l.n.r.) im Gespräch.
Prof. Dr. Natalie Boll-Avetisyan
Foto : Luisa Agrofylax
Die Studentinnen Kunrong Zheng, Amanda Soengadie und Michelle Throssell (v.l.n.r.) im Gespräch.
Foto : privat
Prof. Dr. Natalie Boll-Avetisyan

Noch bevor ein Kind das erste Wort spricht, nimmt es Sprache im Mutterleib wahr, reagiert nach der Geburt auf Mimik und Äußerungen. Später ahmt es erste Laute nach, bildet Worte, bis es nach Jahren in umfangreicheren Sätzen kommuniziert. Schritt für Schritt eignen sich Kinder ihre Muttersprache an. Erforscht ist dieser Prozess bislang jedoch nur für einen Bruchteil aller Sprachen. Prof. Dr. Natalie Boll-Avetisyan, Psycholinguistin an der Universität Potsdam, möchte das ändern. Im Masterseminar „Advanced Topics in Language Acquisition II“ nimmt sie mit ihren Studierenden bewusst Sprachen fernab des Forschungsmainstreams in den Blick. Auf diese Weise arbeiten sie aktivm daran, Diversität stärker in der Spracherwerbsforschung zu verankern.

„Nachdem lange Zeit der US-amerikanische und der europäische Kulturraum im Fokus standen, ist in den letzten zwei, drei Jahren ein Umdenken zu spüren“, erklärt die Wissenschaftlerin. Bisher widmeten sich rund 40 Prozent der Forschungsarbeiten dem Spracherwerb der Lingua franca Englisch, weitere 40 bis 50 Prozent mit den indogermanischen Sprachen vornehmlich Westeuropas. Auf den restlichen Anteil entfielen die Beschäftigungen mit asiatischen Sprachen wie Mandarin-Chinesisch oder Japanisch. Angesichts von 6.000 bis 7.000 Sprachen weltweit ist die bisherige Bilanz also mehr als ungenügend. Natalie Boll-Avetisyans Masterseminar soll das beheben: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden so ausgebildet, dass sie Feldforschung für den Erstspracherwerb betreiben können – überall auf der Welt und damit auch für mehr Sprachen als bisher. Die Linguistin gibt die Lehrveranstaltung bereits zum zweiten Mal und freut sich über das Interesse der Studierenden aus den internationalen Masterstudiengängen „Linguistics“ und „Experimental and Clinical Linguistics“, die unter anderem aus Pakistan, der Türkei, Indonesien, China oder Spanien kommen.

„Ich habe das Gefühl, dass uns hundert Teile eines Puzzles fehlen, wenn wir über Spracherwerb und -entwicklung reden“, meint Michelle Throssell, Studentin aus Katalonien, und fasst so das Hauptproblem der aktuellen Forschungslage zusammen. „Es wäre sehr hilfreich, sich wenigstens ein paar dieser Puzzleteile zu erschließen, um Generalisierungen über Sprache treffen zu können.“ Für ein umfassendes Bild der Sprachentwicklung von Kindern müssten auch weniger erforschte Sprachen berücksichtigt werden.

Im Seminar haben die Studierenden mithilfe von Experimenten untersucht, ob Kinder besser auf vereinfachte Babysprache von Erwachsenen reagieren oder nicht. Dafür ist die Berücksichtigung von kultureller Angemessenheit essenziell: Formulierungen in Fragebögen passend zu wählen und respektvoll mit den Eltern der kleinen Probandinnen und Probanden zu sprechen, entscheidet letztlich über das Gelingen einer Erhebung. Einige Kulturen seien traditionell verschlossener, sodass Datenerhebungen vor Ort mit Schwierigkeiten verbunden sein können, erzählt Amanda Soengadie.

Die indonesische Studentin möchte sich im Anschluss an das Seminar mit dem Koreanischen beschäftigen. „Ich denke, das wird herausfordernd, weil ich nicht Teil der koreanischen Gesellschaft bin. Das ist auch ein Grund, warum so viele
Sprachen schlecht erforscht sind.“ Umso wichtiger erscheint es, die Studierenden zu sensibilisieren und auf mögliche Probleme vorzubereiten. Lokale Partner zu finden, ist dabei eine Lösung. Sie könnten darauf aufmerksam machen, wenn
kulturelle Normen verletzt werden, sagt Natalie Boll-Avetisyan. Sie möchte ihren Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern aber auch zeigen, dass ihr eigener kultureller Hintergrund ein Gewinn ist, und sie ermutigen, ihre Forschungsinteressen weiterzuverfolgen. „Die unterschiedlichen Hintergründe der Studierenden sind sehr wertvoll für die wissenschaftliche Diskussion“, so die Professorin.

Die bisherige Forschung zu Sprachen aus Regionen, die den Kategorien westlich, bildungsorientiert, industrialisiert, reich und demokratisch nur teilweise angehören, ist der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft nicht einfach zugänglich.„Viele chinesische Linguisten veröffentlichen nur innerhalb der chinesischen Community und ihre Texte werden selten übersetzt“, erklärt die Studentin Kunrong Zheng. Die Aufmerksamkeit für die wenig erforschten Sprachen muss auf allen Seiten erst geschaffen werden. „Etwa von uns als Studierenden aus nicht-westlichen Ländern, die beispielsweise in Deutschland studieren“, sagt Amanda Soengadie.

Sicher ist, dass sich die motivierten Absolventinnen und Absolventen weiterhin für mehr Vielfalt in der Spracherwerbsforschung einsetzen werden. Wie wichtig das ist, ist der Forschungsgemeinschaft, laut Natalie Boll-Avetisyan, klar: „Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich inzwischen bewusst, dass sie von Diversität nur profitieren können. Der Wille ist da, alte Strukturen aufzubrechen, weil man endlich das Problem erkannt hat. Ich glaube, dass es gerade eine große Experimentierfreude in der Spracherwerbsforschung gibt.“

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).